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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik V 1931 Sonderheft 8/9 "Strafen""

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ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



V. Jahrg., Heft 8/9 



Sonderheft 
Strafen 



August— September 1931 



Lohn oder Strafe als Erziehungsmittel? 
Von August Aichhorn, Wien 

In den Diskussionen über Erziehungsprobleme steht die Frage nach den 
Erziehungsmitteln sehr häufig im Vordergrund. Eine Einigung konnte bis- 
her nicht erzielt werden: Die Einen treten nach wie vor für Strenge, 
Strafandrohung und Strafe, die Andern für Milde, Güte und Liebesprämie 
ein. Es ist auch eine nicht zu leugnende Tatsache, daß sowohl durch Strafe 
als auch durch Belohnung Erziehungserfolge erzielt werden und daß auf 
beiden Wegen Mißerfolge nicht auszuschließen sind. Die „strengen" Er- 
zieher behaupten, daß die Güte, die „milden", daß die Strenge die schlech- 
teren Erziehungsergebnisse liefere. Eine Erziehungserfolgstatistik, aus der 
zu ersehen wäre, welche von den beiden Behauptungen die richtige ist, 
gibt es nicht. Aus der praktischen Erziehungsarbeit ist daher nicht ableit- 
bar, welchem Erziehungsmittel der Vorzug zu geben sei. 

Vielleicht wurde bisher die Abhängigkeit der Erziehungsmittel vom Er- 
ziehungsziel, vom Objekt der Erziehung — Kind — und von allgemeinen 
und besonderen Begleitumständen der Erziehungsarbeit zu wenig gewür- 
digt, so daß sich der Versuch, dem Problem von dieser Seite beizukommen, 
lohnen dürfte. Die folgenden Ausführungen sollen diesem Versuch dienen; 
sie sind aber nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, sondern 
nur eine lose Zusammenfassung einzelner, theoretischer Überlegungen, wie 
sie in der praktischen Erziehungsarbeit auftauchen; sie sollen den Leser 
anregen, aus eigenen Beobachtungen Neues hinzuzufügen, das Gebrachte einzu- 
schränken, richtigzustellen oder auch zu widerlegen. So wird Zusammen- 
gehöriges gefunden. Die methodische Verknüpfung dieser Erkenntnisse zu 
einer systematischen Einheil wird ein neues, gesichertes Ergebnis für die 
Erziehungslehre liefern. 

Wer Kinder erzieht, hat eine bestimmte Absicht, hegt auch die Erwar- 
tung, daß deren Entwicklung dieser Absicht entsprechend verlaufen werde, 
bleibt nicht passiv, sondern greift aktiv ein. Das Eingreifen ist überlegtes 
oder instinktmäßig in Erscheinung tretendes Handeln, das auf einer Erzie- 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/8/9 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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20 




hungsidee basiert. Die Erziehungsidee ist vorhanden, sie muß nicht not- 
wendigerweise immer und vollständig bewußt sein. Die Erziehungs- 
idee wird psychisch als ein Wollen wirksam. Das Ziel dieses Wollene 
ist das Erziehungsziel. Was von ihm bewußt wird, ist bereits ein 
Kompromiß mit dem unbewußten Anteil des Erziehungszieles. Die Er- 
reichung des Erziehungszieles wird gefördert, gehemmt oder unmöglich 
gemacht, je nachdem die in den Eltern (Erziehern) bestehenden bewußten 
und unbewußten Tendenzen untereinander gleichgerichtet, weniger oder 
mehr entgegengesetzt sind. Der Realisierung des Erziehungszieles können 
außerdem noch Hindernisse im Kind selbst entgegenstehen. 

Zu allen diesen Behauptungen veranlassen das Verhalten der Eltern während 
des Erziehungsvorganges und die Reaktionen der Kinder darauf. 
Folgende Beispiele sollen dies zeigen: 

Ein raffinierter, auf seinen eigenen Vorteil skrupellos bedachter Aus- 
beuter will seinen Sohn, den er abgöttisch liebt (?!), zum leidenschaftslosen, 
objektiven Lebensbeobachter, am liebsten zum Asketen erzogen haben. Er 
motiviert sein Erziehungsziel mit dem Hinweis, daß in der Zeit, in der 
sein Sohn herangewachsen sein wird, infolge der geänderten Gesellschafts- 
form Kaufleute überflüssig sein werden. Der Sohn ist ein Schwächling, 
körperlich und geistig zurückgeblieben. Wir wissen, daß der Vater in jun- 
gen Jahren schwer verwahrlost war und nur durch ungeheuren Erziehungs- 
druck zum Sozial-Sein gezwungen werden konnte. Er ist nie wirklich 
sozial geworden, dissimuliert seine Dissozialität, lebt sie, seinen Sadismus und 
ärgste Rachetendenzen unerkannt in seinem Beruf aus. Im bewußten 
Erziehungsziel stellt der Vater die aus der Realität begründet erscheinende 
Forderung auf, das Kind auch zum Leben in einem weniger luxuriösen 
Milieu zu befähigen. Die „asketische" Forderung ermöglicht die Befriedigung 
seiner u n b e w u ßte n Tendenzen; dem Sohne dieselbe schlechte Kindheit, 
wie er sie selbst erlebt hatte, zu bereiten, und im Quälen des Kindes den 
eigenen Sadismus auszuleben. 

Dieser Fall ist ein Beispiel, wie durch unbewußte Anteile das bewußte 
Erziehungsziel verändert ist. Der folgende läßt erkennen, wie durch 
unbewußte Tendenz die Erreichung des „bewußten" Erziehungszieles 
beeinflußt wird. 

Eine Mutter stellt an den Erzieher ihres ältesten Sohnes die Forderung, 
diesen zu einem selbständigen, lebensbejahenden und arbeitsfreudigen Mann 
zu erziehen. Ihr selbst war das bisher nicht gelungen. Als der Erzieher 
den Jungen übernimmt, ist dieser ein unbrauchbares, zerfahrenes, lern- 
unfähiges Muttersöhnchen. Sehr bald ist der Erzieher genötigt, seine 
Arbeit einzustellen, da die Mutter jede seiner Einwirkungen auf das 
Kind — auch die im Sinne ihrer eigenen Forderungen — treffsicher 

hintertreibt. 

Obwohl diese Mutter den Knaben b e w u ß t zu einem tüchtigen Menschen 
entwickeln will, bewirken unbewußte Tendenzen in ihr ein Mißlingen der 

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e 



Erziehungsarbeit; sie kann die Ertüchtigung ihres Sohnes nicht ertragen, 
wenn dabei seine absolute Hörigkeit zu ihr gelöst wird. 

Dazu noch ein anderer Fall : Eine Frau heiratet einen Witwer mit zwei 
Kindern; der Knabe ist ein Jahr, das Mädchen drei Jahre alt. Die Frau stellt sich 
die Aufgabe, den Kindern die Mutter vollständig zu ersetzen. Sie verzich- 
tet aus diesem Grunde auf eigene Kinder. In der Erziehungsberatung, die 
sie wegen schwerster Erziehungsschwierigkeiten des Mädchens aufsucht 
erzählt sie, daß sich in ihr der Entschluß, auf eigene Kinder zu verzichten 
noch verstärkte, als der Knabe ihr immer anhänglicher und im Alter von 
drei Jahren auf andere Kinder eifersüchtig wurde, wenn sie sich auch nur 
vorübergehend mit ihnen befaßte. Die Schwierigkeiten mit dem Mädchen 
begannen bald nach der Übernahme. Sie wurden immer ärger und stei- 
gerten sich noch ganz besonders, als der Knabe im vierten Lebensjahre starb. 
Stundenlange Schreiszenen der Siebenjährigen und ärgste Mißhelligkeiten 
kamen so häufig vor, daß die Hausparteien Mißhandlungsanzeigen erstatteten, 
trotzdem sich nichts ereignete, was die Mutter als Mißhandlung erkannt hätte. 
Die Frau kann sich die Schwererziehbarkeit des Mädchens nicht erklären. Ihrer 
Meinung nach behandelt sie Lucy noch viel besser, als sie den Knaben 
seinerzeit behandelt hat: sie setzt sich stundenlang neben die schlecht 
Esserin, bemüht sich ungemein um die Kleidung des Kindes, die sie selbst 
ohne Maschine mit der Hand näht . . . usw. Aus den Mitteilungen der 
Mutter geht aber doch ganz deutlich hervor, daß sie dem Knaben, ohne 
es zu wissen, viel mehr Zärtlichkeiten entgegengebracht und ihn viel richtiger 
behandelt hat. Die Mutter teilt auch eine Äußerung mit, die sie dem 
Mädchen gegenüber wiederholt gebraucht: „Warum lebst Du und der arme 
Herbert mußte sterben?" Sie faßt diese Äußerung als ein Erziehungsmittel 
auf und sagt, als versucht wird, ihr die Unzulässigkeit dieser Bemerkung 
klarzumachen: „Ja, was soll ich ihr denn sonst sagen? Wie soll ich sie 
denn sonst beeinflussen, braver zu werden?" 

Das bewußte Erziehungsziel dieser schwer hysterischen Frau aus klein- 
bürgerlichem jüdischem Milieu ist nach dieser Äußerung das dieser Be- 
völkerungsschichte normalerweise durchaus entsprechende. Es kann aber 
nicht erreicht werden, da ihm unbewußte Tendenzen gegenüberstehen. 
Lucy wird für den Verzicht auf eigene Kinder verantwortlich gemacht, 
Todes wünsche überwiegen. Ganz deutlich zeigt das auch die Beaktion des 
Kindes; dieses steht der Mutter wie einer Feindin, in steter Abwehrstellung, 
kampfbereit gegenüber. 

Der Erziehungserfolg bei Herbert ist schon daraus erklärlich, daß be- 
wußtes und unbewußtes Erziehungsziel einander nicht widerstritten. 
Bewußte und unbewußte zärtliche Tendenzen waren gleichgerichtet. 

Im Kind selbst sind oft noch manche unüberwindliche Hindernisse ge- 
geben, so daß das bewußte Erziehungsziel, auch wenn unbewußte Ten- 
denzen ihm nicht widerstreben, doch nicht erreicht wird. Zum Beispiel: 
Ein Hilfsarbeiter, der infolge der wirtschaftlich schlechten Lage seiner 



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SO' 



Eltern nicht dazugekommen ist, einen intellektuellen Beruf zu ergreifen, 
lebt sehr unzufrieden. Als ihm ein Sohn geboren wird, erklärt er, dieser 
müsse so erzogen werden, daß er den Konkurrenzkampf im Leben unter 
günstigeren Bedingungen führen könne, als er selbst ihn führen muß. Er 
stellt schon an das Kleinkind große Lern anf orderungen und steigert diese 
während der ersten Schuljahre immer mehr: „Der Junge muß eine gute 
Schulbildung bekommen", sagt er. Die Unzulänglichkeit der intellektuellen 
Fähigkeiten des Kindes wird vom Vater nicht zur Kenntnis genommen. 
Er begreift auch nicht, warum sein intensives, ehrliches und aufrichtiges 
Bemühen zu einem Mißerfolg geführt hat, und daß die sich nach und 
nach einstellenden großen Erziehungsschwierigkeiten vorwiegend aus der 
Abwehrstellung, in die er selbst das Kind mit seiner Härte hineingedrängt 
hatte, erwachsen sind. 

Der Versuch, sein eigenes, nicht realisiertes Über-Ich im Sohne zu reali- 
sieren, mißlingt zufolge dessen Minderbegabung. 

Bisher wurde einiges über die Interferenz bewußter und unbewußter 
Tendenzen beim Zustandekommen des Erziehungszieles und beim Vorgang 
der Erziehung erörtert, ohne daß auf die allgemeine Grundlage des Er- 
ziehungszieles eingegangen worden wäre. 

So entgegengesetzt die Erziehungsziele oft auch untereinander sind, so 
sind sie doch alle, ohne daß es den Eltern (Erziehern) unbedingt bewußt 
sein muß, von Wertungen abhängig, die Eltern und Erzieher ihrer Welt- 
anschauung entnehmen. 

In unserer Gesellschaftsordnung z. B. ist das Sparen eine bürgerliche 
Tugend und das Stehlen ausnahmslos verboten. 

Eltern und Erzieher bemühen sich, im Kinde den Sinn zum Sparen 
zu wecken und zu entwickeln. Eigene Institute — Sparkassen — über- 
nehmen diese erzieherische Bolle für die Gesamtheit. In einer Gesellschafts- 
ordnung, in der das Ansammeln von Privateigentum verboten wäre, würde der 
Sparer — das Muster bürgerlicher Tugend bei uns — zum Verbrecher werden. 
Zum Stehlen ein recht extremes Beispiel: Warum stehlen wir uns 
gegenseitig nicht die Brieftasche? Das ist nicht — wie viele es emp- 
finden — eine Selbstverständlichkeit, sondern ist das Produkt einer durch 
eine ganz bestimmte Weltanschauung beeinflußten Art der Erziehung. Diese 
legte Wert darauf, uns in Anerkennung der Unantastbarkeit des fremden 
Eigentums zu erziehen. Da das kleine Kind den Eigentumsbegriff von Natur 
aus nicht hat, so fehlte er in der Kindheit auch uns. Unzählige Verbote 
waren notwendig, bis uns der Eigentumsbegriff zur Selbstverständ- 
lichkeit wurde. In der Diebsfamilie herrscht eine andere Weltanschauung, 
ein anderer Wertmaßstab, ein anderes Erziehungsziel; das Stehlen außer- 
halb der eigenen Gemeinschaft ist erlaubt; unbrauchbar ist, wer sich dabei 

ertappen läßt. 

Dissozial heißt der Dieb in der sozialen Gesellschaft, dissozial wirkt der 

Soziale in der Diebsfamilie. 

— 276 — 



Das Wort: „Verbrecher" sagt an sich noch nichts, es gewinnt erst an 
Bedeutung in der Beziehung zur Übertretung von geltenden 
Normen. 

Die Eltern (Erzieher) sind unter dem Einfluß ihrer Weltan- 
schauung stehend mit Affekt überzeugt, daß ihr Erziehungsziel 
das einzige unbedingt richtige ist: Jedem Erziehungsziel liegen 
aber auch subjektive, daher nur relativ richtige Wertungen zu Grunde. 

Auch die wissenschaftlichen Umschreibungen des Erziehungszieles ändern 
nichts an der Tatsache, daß jener Teil des Bemühens der Eltern um die 
Entwicklung des Kindes, der Erziehung genannt wird, letzten Endes auf 
nichts anderes hinausläuft, als das Kind in den von ihnen als allein richtig 
anerkannten Wertmaßstab hineinzuzwingen. Sobald das Kind den ihm 
aufgezwungenen Wertmaßstab als seinen eigenen annimmt und danach 
handelt, heißt es: „die Erziehung ist abgeschlossen". Sie gilt als mißlungen, 
wenn das Kind erwachsen geworden, einen anderen als den von den Eltern 
geeichten Maßstab verwendet oder diesen zwar anerkennt, aber nicht 
danach handelt. 

Die einzelnen Gruppen innerhalb der Gemeinschaften unseres Kultur- 
kreises stimmen heute nur mehr in einem Bruchteil ihrer Wertungen 
überein. Jede Gruppe hat ihre eigene, von der anderen gesonderte Welt, 
ihre eigene Realität. Gemeinsam ist nur mehr das Fundament — zumeist 
uralter — Wertung; darauf erhebt sich ein vielgestaltiger Bau von zum 
Teil gleichgerichteten, aber untereinander differenzierten, zum Teil aus- 
einanderstrebenden Wertungen. Jeder Gruppe der Gesellschaft ist ihre be- 
sondere Realität wichtiger geworden als die Gemeinschaft. Die Aufstellung 
eines allgemein giltigen Erziehungszieles ist kaum mehr möglich, 
und streng genommen gibt es heute mangels eines solchen eine Erziehung 
zum Staatsbürger nicht, so sehr sich auch die die Staatsform bejahenden 
Gruppen dafür einsetzen. Die Tatsache bleibt bestehen, daß in Wirklichkeit je- 
des Kind zum Leben in einer besonders strukturierten Reali- 
tät erzogen und so seine Realitätsfähigkeit zu einer besonders struktu- 
rierten entwickelt wird, womit auch die Fähigkeit erreicht ist, nach den 
Erfordernissen der besonders strukturierten Realität auf Lustgewinn ver- 
zichten, Lustgewinn aufschieben und Unlust ertragen zu können. Das Klein- 
kind kann all das nicht, und je jünger es ist, desto mehr strebt es nach 
direktem Lustgewinn, desto mehr wehrt es Unlust ab. Das Kind ist kein 
kleiner Erwachsener. Es ist ein Triebwesen, in das die Tendenz, erwachsen 
werden zu wollen, erst gelegt werden muß. Um das Kind vom Triebwesen 
zum realitätsangepaßten Erwachsenen zu entwickeln, hat es der Erzieher 
durch Erziehungshandlungen anzuregen, eine bestimmte innere Arbeit zu 
leisten. Auf welche Wertungen immer sich auch das Erziehungsziel stützt, 
der unmittelbare Zweck jeder Erziehungshandlung bleibt doch immer ein- 
deutig bestimmt; im Kind Energien auszulösen, die eine im Sinne des Er- 
ziehungszieles gelegene Umformungsarbeit leisten müssen. Diese Ener- 

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gien werden durch triebeinschränkende Verbote geschaffen. Je mehr von 
dieser, durch jede Erziehungshandlung transformierten Energie zur Umfor- 
mungsarbeit verwendet wird, desto ökonomischer ist die Erziehungshandlung. 
Der Vorgang des Erzichens läßt sich auch noch anders darstellen. In der 
Entwicklung des Kindes sind zwei, zwar in Wirklichkeit nicht nach- 
einander sondern nebeneinander und ineinander verlaufende Phasen zu be- 
merken. Die eine Phase erlebt das Kind von selbst, die zweite durch die 
bewußte Einflußnahme der Erwachsenen. (Schematische Scheidung.) 

In der ersten Phase kommt das Kind zu einer primitiven Realitäts- 
fähigkeit, die gerade noch zur nackten Selbstbehauptung ausreicht: Ein 
Kind greift aus Lust am Feuer an den heißen Ofen. Es verbrennt sich 
die Hände umso empfindlicher, je heißer der Ofen ist und je mehr von 
seiner Handfläche mit dem Ofen in Berührung kommt (weitere Beispiele 
siehe Aichhorn: „Verwahrloste Jugend", 2. Auflage, 1951, Seite 11). Das Kind 
hat sich selbst gefährdet und wird durch die mit dem Schmerz verbundene 
Unlust ohne jedwede Anleitung oder Einflußnahme der Erwachsenen vor- 
sichtiger. Das Kind lernt lustvolles, aber zu einem Zusammenstoß mit der 
primitiven Realität führendes Tun als schädlich empfinden, denn jedesmal 
folgt darauf unbedingt Erleben von Unlust. Zwischen diesem schädlichen 
lustvollen Erleben und der darauffolgenden Unlust besteht daher eine 
zwangsläufige Beziehung, die sich auch auf das Quantitätsverhältnis von Lust 
und Unlust erstreckt. Durch diesen ganz automatischen Ablauf von Lust-und- 
Unlust-Erleben wird das Kind zwangsläufig in die primitive Realitäts- 
fähigkeit gedrängt. 

In der zweiten Erlebnis-Phase zwingt der Erwachsene dem Kind seine 
eigenen Wertungen auf, um es zum Leben in einer ganz besonders 
strukturierten Realität zu befähigen. Erziehen heißt in diesem Zusammen- 
hang also, die primitive Realitätsfähigkeit in eine besonders strukturierte 
Realitätsfähigkeit umzugestalten. 

Vom Erzieher wird nun erfolgreiche Erziehungsarbeit verlangt. Sein 
Zögling soll die zweite Entwicklungsphase vollständig und wertgemäß bis 
zum Erziehungsziel durchlaufen. Dies wäre nur möglich, wenn in der 
zweiten Entwicklungsphase dieselbe Kausalität herrschte wie in der ersten, 
d. h. wenn auch hier auf lustvolles, zu einem Zusammenstoß mit den 
Anforderungen der besonders strukturierten Realität (Übertretung der auf- 
gestellten Wertungen) führendes Erleben — verbotenes lustvolles Tun — 
jedesmal und unbedingt — automatisch — richtig dosierte Unlust folgte. 
Eine solche natürliche, zwangsläufige Beziehung (Kausalität) besteht 
aber in der zweiten Erlebnisphase nicht. Das Kind erlebt recht oft, 
daß auf lustvolles Übertreten der geltenden Norm Unlust ausbleibt oder 
im Unmaß (zu viel, zu wenig) folgt. Die kritische Situation ist nicht, wie 
in der ersten Phase, das lustvolle Tun. Dieses, die Übertretung, muß vom 
Erzieher wahrgenommen werden, erst dann besteht „Gefahr". Damit 
ist jedoch fast immer nicht die Voraussetzung geschaffen, daß unbedingt 

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auch eine richtige Dosierung von Unlust zwangsläufig folgt. Die 
Einstellung der Gesellschaft und des Erziehers zu den Erziehungsmitteln 
Temperament, Stimmung, jeweilige Affektsituation des Erziehers, die eigene 
Geschicklichkeit des Kindes usw. stehen dem häufig entgegen. Die Um- 
stände, die die Dosierung von Unlust beeinflussen, sind unter den heute 
gegebenen Verhältnissen unmöglich restlos richtig zu gestalten. In dieser 
Hinsicht wäre schon viel durch die Analyse jedes Erziehers gewonnen. Es 
ist eher möglich, so wie in der ersten Phase, das lustvolle, ver- 
botene Tun mit darauffolgender Unlust automatisch zu 
v er knüpfen und dadurch die Wahrnehmung durch den Erzieher über- 
flüssig zu machen. Der religiös orientierten Erziehung ist dies seit jeher 
mit dem Hinweis: „der liebe Gott sieht alles" gelungen. Denn, über- 
tritt das Kind ein Gebot und ist es gläubig, so ist sein lustvolles, jedoch 
schlechtes Tun Anlaß zur Entstehung von Schuldgefühlen, wodurch sich 
wieder, wie in der ersten Phase, mit dem Lustgewinn aus der Über- 
tretung automatisch Unlust verknüpft. Daraus ist ersichtlich, daß der Er- 
zieher, wenn es ihm gelingt, im Kind schon frühzeitig bewußte 
Schuldgefühle bei lustvollem Übertreten herrschender Nor- 
men zu wecken, erreicht hat, dem verbotenen Lustgewinn unmittelbar 
Unlust folgen zu lassen. Die Entstehung solcher bewußter Schuld- 
gefühle im Kinde bedeutet an und für sich noch keine Bedrohung 
für die normale Entwicklung. Erst die übermäßige Steigerung 
dieser Schuldgefühle, eine übermäßige Reaktion des Kindes auf sie oder 
ihre Verdrängung führen zu den Gefahren, die uns aus der Neurosen- 
forschung zur Genüge bekannt sind. 

Die meisten Eltern finden das Kind erzieh bar, wenn dem Bemühen, 
es zur Annahme ihrer eigenen Wertungen zu veranlassen, kein beson- 
derer Widerstand entgegengesetzt wird. Das heißt in der Erziehungspraxis : 
wenn sie sich nicht übermäßig ärgern müssen. Die Entwicklung des Kindes 
heißt dann eine „normale"; das Kind selbst ist „normal". Im anderen Fall 
ist es „schwer erziehbar, dissozial, abnormal". Kommen die Eltern in 
ihrer Not zum Erziehungsberater, so verlangen sie von ihm in der Regel 
nicht mehr, als ihnen das Kind gefügig zu machen. Sie sind zufrieden, 
wenn durch sein Bemühen das Kind weiterhin nicht mehr besonderen 
Ärger verursacht. Zumeist ist die affektive Reaktion der Eltern auf das 
Benehmen des Kindes für dessen Beurteilung entscheidend. In diesen sehr 
häufigen Fällen bleibt den Eltern mit dem wahren Wesen ihres Kindes 
auch dessen Schwererziehbarkeit unverständlich. 

Die Voraussetzung der Erziehbarkeit des Kindes ist zunächst seine 
körperliche und psychische Unzulänglichkeit. Seine körperliche Bedürftig- 
keit, die Schwäche, Unselbständigkeit, die Unfähigkeit, sich selbst zu er- 
halten, schaffen die materielle, — das Liebesbedürfnis und die Unmöglich- 
keit, seinen Willen gegenüber dem stärkeren Willen des Erwachsenen 
durchzusetzen, die affektive Abhängigkeit vom Erwachsenen. Durch diese 

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Abhängigkeit gelangt das Kind in Situationen, die von ahm aus gesehen 
ungefähr so sind: „Der Erwachsene kann sich mir entziehen und nimmt 
mir damit das mir notwendige Liebesobjekt. Er ist aber auch der Stärkere 
und könnte mir etwas tun!" Die Angst vor dem Liebesentzug (Liebes- 
prämie) und die Angst vor körperlichen Gefahren (Kastrationsangst) 
schaffen für das Kind eine Zwangslage: Die Abhängigkeit vom Erwachsenen 
anzuerkennen, sich erziehen zu lassen. Diese Zwangslage ist umso wirk- 
samer — die Erziehbarkeit umso eher gegeben, — je mehr das Kind die 
Objekte der Umgebung zur Befriedigung seines Liebesbedürfnisses braucht, 
und umso schwächer — die Erziehbarkeit wird umso geringer, — je unab- 
hängiger das Kind in seinem Liebesleben — seinen affektiven Beziehungen 
— von der Außenwelt ist. Zusammengefaßt: Die Er zi ehb a rke it des 
Kindes basiert auf Angst vor Liebesentzug und auf Kastra- 
tion sangst. Eine Erziehung ohne Angst scheint es nicht zu 
geben. So betrachtet, ist der Narzißmus des Kindes ein Hindernis der 
Erziehbarkeit — das Kind ist umso unerziehbarer, je unabhängiger es in 
seinen Liebesbeziehungen von den Erwachsenen, — d. h. je narzißtischer 
es ist. Aber in der Nacherziehung Verwahrloster, besonders in der des 
jugendlichen Hochstaplers, machen wir die gegenteilige Erfahrung. Dort 
wird die Beziehung zum Erzieher nicht durch die Objektlibido hergestellt, 
sondern auf Grund des Narzißmus. 

Die Gefühlsbeziehung des Kindes zum Erzieher variiert. Die Erfahrung 
zeigt uns, daß innerhalb einer bestimmten Variationssphäre von Gefühls- 
beziehungen die Erziehung am wirksamsten verläuft. Ein Minimum darf 
nicht unter-, ein Maximum nicht überschritten werden. Lockern sich die 
Liebesbeziehungen immer mehr, bis das zulässige Minimum unterschritten 
ist, so erfolgt eine Abziehung der Objektlibido und deren Verwandlung in 
narzißtische Libido. Der Erzieher wird zum Feind, die gebundene Aggres- 
sion wird frei, das Kind ist von dieser Person, so lange dieses Verhältnis 
besteht, nicht mehr erziehbar. Wird das Maximum dieser Liebesbeziehung 
überschritten, so ist das Kind der Liebe so sicher — einziges Kind — , 
daß, wie immer es sich auch benimmt, ein Liebesentzug von ihm über- 
haupt nicht mehr befürchtet wird. Die Angstsituation besteht nicht mehr, 
das Kind bezieht doppelten Lustgewinn: aus der primitiven Befriedigung 
der Triebregungen und aus der Zuneigung der Eltern. In dieser Situation 
ist das Kind auch nicht mehr erziehbar. 

Die Erziehungsmittel Lohn und Strafe, im Zusammenhang mit den 
Gefühlsbeziehungen des Kindes zum Erzieher betrachtet, zeigen, daß durch 
zuviel Strenge, Strafandrohung und Strafe das Minimum an Gefühls- 
beziehung des Zöglings unterschritten, durch zuviel Milde und Güte das 
Maximum überschritten wird. Die Erziehung ist mit den beiden Erziehungs- 
mitteln möglich, wenn die Gefühlsbindung bestehen bleibt. Vorläufig läßt 
sich sagen: Ausschlaggebend ist nicht die Q u a 1 i 1 ä t, sondern die Quan- 
tität des Erziehungsmittels. 

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Uer ökonomische Gesichtspunkt in der Erziehung: die durch die Er- 
ziehungshandlung transformierten Energien möglichst vollständig zur 
inneren Arbeit im Sinne des Erziehungszieles zu verwenden, gibt einen 
neuen Gesichtspunkt zur Betrachtung der Erziehungsmittel Lohn und 
Strafe. Stellt der Erzieher hinter die Erziehungshahdlung — das trieb- 
einschränkende Verbot — die Strafandrohung, so kann sein Zögling einen 
Teil der zur Umformungsarbeit zu verwendenden Energie in Aggression 
gegen ihn umsetzen. Die Erziehungshandlung ist unökonomisch; umso 
unökonomischer, je mehr die Aggressionstendenz von dieser Energie an sich 
zieht. Erfolgt die Erziehung über die Milde und Güte, dann ist Aggression 
unmöglich. Die gesamte Energie steht der Umformungsarbeit zur Ver- 
fügung. Die Erziehung über die Milde und Güte ist also ökonomischer 
als jene, die den Weg über die Strafandrohung nimmt. 

Nehmen wir an, ein Kind wird ausschließlich durch Milde und Güte 
erzogen. Dieses Kind erlebt während seines Heranwachsens keine Aggression 
gegen den Erzieher und wird daher auch später zu Aggressionen unfähig 
sein. In der Sprache des Alltags heißt das: Der so Erzogene kann seine 
Ellbogen nicht gebrauchen. Er ist nicht fähig, sich seinen Anteil an den 
materiellen Gütern des Lebens zu holen. Sein Schicksal ist ein unbe- 
friedigtes Leben. Es gibt eine Möglichkeit, dieses Schicksal abzuwenden: 
Wenn im Verlaufe der Erziehung die materiellen Güter entwertet, der 
Sinn auf ideelle Werte und vor allem auf ein Jenseits gelenkt wird. 
Die Disposition dazu ist infolge der fehlenden Aggressivität, gegeben. Wird 
ein Kind nur mit Strafandrohung und Strafe erzogen, so kommt eine 
maximale Aggressionsfähigkeit zur Entwicklung. Die Realisierung materiell 
gerichteter Absichten wäre dann der ausschließliche Lebenszweck. 

Wenn diese Überlegungen richtig sind, dann steht 
dem Erzieher die Wahl des Erziehungsmittels nicht 
frei, sondern es ist vom Erziehungsziel abhängig. 

Der Frage, ob Lohn oder Strafe als Erziehungsmittel verwendet werden 
sollen, müßte vor der Beantwortung eine andere entgegengestellt werden : 
Für welche Weltanschauung soll das Kind erzogen werden? Ein idealistisch 
orientiertes Erziehungsziel verlangt Milde und Güte, ein nur an materiellen 
Werten orientiertes die Strafandrohung und Strafe. Damit ist nur einer 
von den Gesichtspunkten, die in der Theorie der Erziehung für die Aui- 
wahl der Erziehungsmittel bestimmend sein können, beschrieben: Was 
in der Praxis die Mischung der Erziehungsmittel bestimmend beein- 
flußt, ist schon an anderer Stelle angedeutet worden. Es gibt aber Fälle, 
in denen die Erziehungsmittel Lohn oder Strafe nicht, wie oben dargelegt, 
mangels der richtigen Gefühlsbindung, sondern deshalb versagen, weil die 
besonderen Umstände des Erzieh ungsf alles die erwartete nor- 
male Wirkung aufheben oder ins Gegenteil verkehren. In sol- 
chen Fällen wird mit den landläufigen Erziehungsmitteln, Lohn oder Strafe, 
das Auslangen überhaupt nicht zu finden sein. Dazu nur zwei Beispiele: 

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Ein noch nicht sechsjähriges Mädchen läuft seit einigen Monaten vom 
Elternhaus davon, bleibt stundenlang weg und wird von Nachbarn oder 
der Polizei nach Hause gebracht. Das Weglaufen begann, einige Wochen 
nachdem die Eltern in ein Siedlungshaus eingezogen sind. Die Mutter 
teilt mit, daß das redegewandte und auch redelustige Kind verschlossen 
und trotzig wird, wenn man es um den Grund des Weglaufens fragt. 
Weil die Ursache aus dem Kind nicht herauszubringen ist und sich die 
Fälle des Weglaufens häufen, kommt die Mutter mit dem Kind in die 
Erzieh ungsberatung. Nach der Rücksprache mit der Mutter, die wesent- 
liche Angaben, die zur Aufhellung führen könnten, nicht macht, wird in 
deren Abwesenheit das Kind gerufen. Bei der Tür kommt ein hübsches, 
kräftiges, über sein Alter weit entwickeltes Mädchen mit klugen Augen 
und fröhlichem Gesichtsausdruck herein. Am Kopf trägt das Mädchen eine 
große dunkelrote Masche. Der Erziehungsberater fragt: 

„Von wem hast Du die schöne Masche?" 
„Von der Mutter." 

„Hast Du noch mehrere solche Maschen?" — „Ja, noch eine blaue und eine weiße."' 
„Welche ist Dir die liebste?" — „Die rote." 
„Hast Du rote Sachen sehr gerne?" — „Ja." 

„Gibt es bei Euch zu Hause noch andere rote Sachen?" — „Ja, wir haben im 
Garten rote Rosen und rote Nelken." 
„Bist Du viel im Garten?" — „Ja." 
„Was machst Du dort?" — „Ich spiele." 
„Womit spielst Du?" — „Mit meinen Puppen." 
„Wieviel Puppen hast Du?" — „Drei." 
„Wie heißen die Puppen?" — „Hansi, Fritzi, Toni." 
„Welche ist die kleinste?" — „Die Toni." 
„Welche ist denn die größte?" — „Die Fritzi." 
„Welche hast Du am liebsten?" — „Die Fritzi." 
„Welche ist denn die schlimmste?" — „Die Fritzi." 
„Was machst Du, wenn sie schlimm ist?" — „Ich hau sie durch." 
„Was stellt sie denn an?" — „Sie läuft immer davon." 
„Warum läuft sie davon?" — „Weil es so langweilig ist." 

Damit scheint das Kind seine eigene Situation ausgesprochen zu haben. 
Der Erziehungsberater rät der Mutter, dem Kind Gespielen zu geben, um 
damit vielleicht das Davonlaufen zu verhindern. Die Mutter folgt dem 
Rat, und im Abstand von einer Woche, einem Monat, drei Monaten und 
einem halben Jahr in die Erziehungsberatung bestellt, teilt sie mit, daß 
das Kind nicht mehr davongelaufen ist. 

Das Kind lebte in einer Unlustsituation, der es mit dem Davonlaufen 
entgehen wollte. Wird dieses Davonlaufen als eine Schlimmheitsäußerung 
aufgefaßt, was in der Regel der Fall ist, und deswegen das Kind bestraft, 
so erhöht sich das Unlustgefühl, und eine Änderung im Verhalten ist nicht 
zu erwarten. Um das Kind an das Haus zu fesseln, muß ihm die Um- 

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gebung angenehmer — lustvoller — gestaltet werden, was mit dem Ver- 
such, ihm Gespielen zu geben, gelingt. 

Es ergibt sich der merkwürdige Fall, daß das Kind für sein S c hl i m m- 
s e i n zu belohnen ist (es bekommt Freundinnen). Dieser merkwürdige 
Fall kommt in Erziehungssituationen weit häufiger vor, als Eltern zuzu- 
geben bereit sind. Die Verwendung des richtigen Erziehungsmittels bedarf 
«chon einiger Überlegungen. 

Ein siebenjähriger Junge, der sich bisher in der Schule und zu Hause ein- 
wandfrei benommen hatte, wird schlimm. Die Mutter weiß sich nicht zu 
helfen, da die Schlimmheit wächst. Sie bittet den Lehrer um Rat. Dieser, 
ein moderner Pädagoge, veranlaßt die Mutter, die Schlimmheit nicht zur 
Kenntnis zu nehmen und den Jungen nach wie vor mit Liebe und Güte 
zu behandeln. Darauf bessert sich die Schlimmheit nicht, sie wird ärger. 
Der Vater ist ungeduldig, wehrt sich gegen die „humanitäts duseligen" 
Prinzipien einer modernen Pädagogik und will es mit einer gehörigen 
Tracht Prügel versuchen. Die Mutter, schon geneigt der Anschauung des 
Vaters beizupflichten, geht aber doch noch einmal in die Schule. Der 
Lehrer rät abermals, von der Milde und Güte in der Behandlung nicht abzu- 
weichen, der Junge müsse endlich darauf reagieren. Die Schlimmheit 
wächst weiter, dem Vater reißt die Geduld und er verabreicht dem Kind 
eine gehörige Tracht Prügel. Daraufhin verschwindet die Schlimmheit, der 
Junge — nennen wir ihn Franz — benimmt sich ordentlich wie früher. 
Der Vater ist stolz, daß seine Behandlungsmethode erfolgreicher ist als die 
des Lehrers. Kaum eine Woche später beginnt sich das Bild zu ändern, das 
Benehmen wird schlechter, bis nach ungefähr einer weiteren Woche wieder 
derselbe Grad von Schlimmheit erreicht ist. Der Vater versuchte es aber- 
mals mit Prügeln, wieder tritt eine Besserung ein, die aber bald wieder 
verschwindet. Nun wird abermals ein Versuch mit Milde und Güte gemacht, 
doch wieder erfolglos. In diesem Stadium kommt die Mutter in die Er- 
ziehungsberatung. 

Hier stellt sich sehr bald folgender Sachverhalt heraus: Der Nachbar 
unseres Franz hatte zu seinem Geburtstag ein Taschenmesser bekommen, 
es in die Schule mitgebracht und Franz gezeigt. Dieser wollte erproben, 
wie es wäre, wenn man ein solches Taschenmesser selbst in der Hose 
hätte; er steckt das Messer ein und muß bald darauf zur Befriedigung 
seiner Notdurft das Klosett aufsuchen. Der Junge ist kaum aus der Klasse, da 
fällt dem Besitzer des Messers auf, daß ihm dieses fehle. Er hatte aber ver- 
gessen, daß er es unserem Franz geborgt, und meldete sich daher beim 
Lehrer: „Mir ist mein Messer gestohlen worden". Daraufhin Nachfrage in 
der Klasse, wer das Messer hat. Während der Untersuchung kommt nun 
Franz in die Klasse zurück. Er hört von dem gestohlenen Messer und 
kann aber nicht sagen, daß er es hat, denn sonst wäre er der Dieb und 
er setzt sich in die Bank. Unmittelbar darauf wird ihm übel, er muß 
wieder hinausgehen und nun wirft er das Messer in den Abortschlauch ; 

- 283 - 



nur weg muß das Messer, man darf es bei ihm nicht finden, denn sonst 
ist er gebrandmarkt. Bald darauf stellen sich die ersten Anzeichen seiner 
Schlimmheit ein. 

Seine psychische Situation läßt sich etwa so verstehen: Durch das Weg- 
werfen des Taschenmessers hat er sich mit Schuld beladen, die er in 
Worten nicht eingestehen kann, die ihn aber sehr bedrückt. Seine Hand- 
lungen erhalten dadurch den Charakter eines Geständnisses. Er sagt mit 
jeder seiner Unarten, ich bin nicht das brave Kind, für das ich gehalten 
werde. In solchen Fällen kann der Erzieher nur durch richtige Beobach- 
tung die psychische Situation des Kindes erkennen. Er muß sich klar dar- 
über sein, daß unbewußte Vorgänge wirksam sind, die als Hand- 
lungen, die den Charakter des Geständnisses bekommen, dem Kind selbst 
als solches aber unerkannt bleiben, in Erscheinung treten. 

Der Junge wird mit Milde und Güte behandelt, das bedeutet für ihn. 
sein Geständnis ist nicht verstanden worden. Eltern und Lehrer bleiben 
in ihrem Verhalten unverändert, sie zwingen ihn, immer mehr schlimm 
zu werden. Das geht so lang, bis dem Vater die Geduld reißt und er mit 
körperlicher Züchtigung einsetzt. Die Strafe gibt dem Jungen Befriedigung 
seines Schuldgefühles, verschafft ihm innere Befreiung, und als Folge davon 
ändert sich das Benehmen für den Augenblick sofort und vollständig. Das 
Bravsein hält aber nicht an, und der Vater wundert sich, daß er in immer 
kürzeren Pausen die Strafe verschärfen muß. 

Zu einem dauernden Bravsein würde es auf diesem "Weg kommen, 
wenn durch die Züchtigung das Schuldgefühl beseitigt werden könnte, 
was aber nicht der Fall ist. Es kommt nur zu einer vorübergehenden Er- 
leichterung. 

Wenn wir diesen Fall nicht als Einzelfall auffassen, sondern in ihm 
einen typischen erkennen, so könnten wir mit aller Vorsicht den Versuch 
einer allgemeineren Formulierung wagen. Jedes Kind, das ein Schuld- 
gefühl aus einer geheimen Sünde, von der die Erwachsenen nichts wissen, 
hat, sucht Strafe, um dieses Schuldgefühl zu befriedigen (unbewußtes 
Straf bedürfnis). Mit der Verminderung des Schuldgefühles sinkt die Un- 
lust, was gleichbedeutend mit Lustgewinn ist, was eigentlich nicht im Sinn 
der Strafe liegt. Diese hat paradoxe Wirkung. Statt Unlustvermeh- 
rung: Lustgewinn, wie sonst bei der Belohnung. 

Durch die Strafe wird aber das Kind von der geheimen Sünde nicht 
befreit, diese Befreiung kommt nur durch ein offenes Geständnis (in man- 
chen Fällen gehört dazu auch die Schadensgutmachung), daher kann das 
Schuldgefühl nicht schwinden, sondern nui vorübergehend erleichtert 
werden, und während der Dauer dieser Erleichterung tritt besseres Be- 
nehmen ein. 

In derselben Weise ist auch die Wirkung der Belohnung paradox, denn 
durch diese erfolgt eine Steigerung des Schuldgefühles, Unlustvermehrung, 
wie sonst nur bei der Strafe. Zu bemerken wäre noch, daß manchmal 

- 284 — 



nach der Belohnung eine vorübergehende Besserung eintritt („ich kann 
doch nicht so schlimm sein, wenn man mich so liebt"). Die Besserung 
ist aber nicht von Dauer. 

Wir kennen auch noch eine Reihe anderer Fälle, beispielsweise bei aus- 
geprägtem Masochismus, bei denen genau dieselbe Wirkung von Lohn und 
Strafe zu bemerken ist. Ist der Erzieher oder Erziehungsberater über den 
Ablauf dieser psychischen Mechanismen orientiert, so kann er, wenn Lohn 
oder Strafe als Erziehungsmittel nicht ausreichen oder paradox zu wirken be- 
ginnen, in einer oder einigen Aussprachen dem Sachverhalt auf die Spur 
kommen, das Kind zu einem Geständnis oder einer Schadensgutmachung 
führen, damit das Schuldgefühl beseitigen, damit aber auch die Schwer- 
erziehbarkeit beheben. 

Sehr häufig liegt die Ursache für das Schuldgefühl in einer weit zurück- 
liegenden Zeit, an die keine Erinnerungen mehr bestehen. Es entsteht in 
der — vielfach umstrittenen — Zeit der Ödipussituation und kommt beim 
Kind häufig in der Onanie zum Ausdruck Hier reichen Aussprachen 
nicht mehr aus, sondern das Kind muß einer psychoanalytischen Behand- 
lung zugeführt werden, damit dort die den Erziehungsschwierigkeiten zu 
Grunde liegenden Tatsachen aufgedeckt und durch die Behandlung ihrer 
Wirksamkeit beraubt werden können. 

In solchen Fällen ist daher die Psychoanalyse ebenso wie sonst Lohn 
oder Strafe ein Hilfsmittel zur Erreichung des Erziehungszieles, daher als 
ein Erziehungsmittel zu werten. 



Über die allgemeinste Wirkung der Strafe 

Von Dr. Siegfried Bern fei d, Berlin 

Dem Brauch der pädagogischen und juristischen Theoretiker, die Strafe 
in der Erziehung und die in der Gesellschaft als zwei wesens- 
verschiedene Dinge anzusehen, sei in den nachstehenden Bemerkungen 
nicht gefolgt. Alles pädagogische Tun spielt sich innerhalb einer be- 
stimmten Gesellschaft ab und auf das Kind wirken nicht nur die Er- 
ziehungsstrafen, die der Pädagoge verhängt, sondern auch das System der 
Rechtsstrafen, dem die Erwachsenen, die Erzieher inbegriffen, selbst unter- 
worfen sind. 

Die Rechtsstrafe wird bekanntlich nach Meinung ihrer Theoretiker durch 
die Zwecke der Besserung, der Verhütung und der allgemeinen Abschreckung 
(sog. Generalprävention) gerechtfertigt. Dem steht das ernstlich kaum be- 
streitbare Faktum gegenüber, daß Besserung und Verhütung in Wirklich- 
keit nicht erreicht werden und daß die Abschreckung nur sehr unsicher 

- 285 — 



bestimmbar ist. Da aber die Vorstellung nicht leicht erträglich ist, daß eine 
so bedeutende und in das Schicksal von Millionen Menschen so tief ein- 
greifende Institution zwecklos oder zweckwidrig sein könnte, wird sich der 
Gedanke einstellen: die wirklichen Zwecke seien „dahinterliegend". Tat- 
sächlich gibt es eine Reihe verschiedener Auffassungen, die in diese Richtung 
weisen. Auch die Psychoanalyse hat in diesem Sinn zur Diskussion 
dieser Frage beigetragen. Sie weist darauf hin, daß der Zweck, den die 
Strafe wirklich erfüllt, in der Befriedigung von Trieben und 
unbewußten Wünschen liegt . 

Die Frage nach dem Zweck der Rechtsstrafen — wie überhaupt sozialer 
Institutionen — hat gewisse Schwierigkeiten. Sie setzt nämlich voraus, 
daß das Rechtswesen oder Strafwesen, weil es uns als ein einheitliches 
Ganzes imponiert, auch einen einheitlichen Zweck haben müßte; in Wirk- 
lichkeit aber ist das heutige Strafwesen historisch geworden, und daher ein 
vielfältig geschichtetes Gebilde, in dem Zwecke verschiedener Niveaus ein- 
ander durchdringen. So hatte z. B. die Zwangsarbeit, wie sie heute im 
Zuchthaus besteht, zur Zeit ihrer Entstehung einen klaren bestimmten 
Zweck: im Interesse der landesfürstlichen Kasse die Arbeitskraft der Straf- 
gefangenen für Festungsarbeiten und dgl. auszunützen. Beim Wegfallen 
dieses Zweckes erfolgte aber keineswegs auch die Aufhebung der Zwangs- 
arbeitsinstitution, sondern sie besteht heute noch mit anderen, u. zw. sehr 
viel unklareren Zwecken. So mannigfaltig auch die Zwecke sein mögen, 
aus denen eine einheitliche soziale Institution entstand; besteht sie einmal, 
dann übt sie Wirkungen aus, die wissenschaftlich leichter zu bestimmen 
sind als jene Zwecke. Gewöhnlich läßt sich auch eine allgemeinste 
Wirkung angeben, die von dem Ganzen einer Institution, unserenfalls also 
des Straf wesens, ausgeht. Es empfiehlt sich also, die Frage nach dem 
Zweck der Strafe durch die nach ihrer unvermeidlichen Wirkung zu 
ersetzen. 

Von Karl dem Großen berichtet die Fabel über die Schulvisitation, daß 
er die Kinder ohne Ansehen der Geburt nach ihren Leistungen in Gute 
und in Böse schied und zu seiner Rechten und Linken aufstellte. In dieser 
Legende scheint mir die allgemeinste Wirkung jedes Straf wesens deutlich 
ausgedrückt. Es teilt die Menschen in zwei Klassen : in Brave und Schlimme, 
Gute und Böse, Wohlanständige und Verbrecher, Ehrliche und Unehrliche, 
Vorbestrafte und Tadellose. Diese Wirkung ist banal und selbstverständlich, 
aber darin erweist sich ihre Allgemeinheit. Der Gestrafte ist diffamiert; 
Strafe ist eine Schande. Soweit angedrohte Strafen abschreckende Wir- 
kungen haben, also Menschen Verzichte ertragen, um nicht von der Strafe 
ereilt zu werden, geht diese Wirkung nicht in erster Linie von den Leiden 
und Einschränkungen des Strafvollzuges, sondern von dieser Diffamierung 

') Siehe neben R e i k, Geständniszwang und Strafbedürfnis (Wien 1925), die Auf- 
sätze vor Alexander, Staub und Fromm im Sonderheft „Kriminologie" der 
„Imago" 1931 (XVII. Jahrgang, Heft 2). 

— 286 - 



aus. Nicht als ob etwa die körperlichen und psychischen Leiden des 
Strafgefangenen gering wären: aber die Leiden des Strafvollzuges lernt erst 
der Abgestrafte kennen. Die Anderen haben von ihnen gewöhnlich nur eine 
sehr unklare und milde Vorstellung. Auch Psychoanalysen fördern nur sehr 
selten Phantasien zu Tage, in denen die Furcht vor den Strafleiden eine 
abschreckende Rolle spielt. Wenn dies in einzelnen Fällen doch geschieht, 
so handelt es sich regelmäßig um Menschen, die lustvolle Affekte an den 
Gedanken der Strafe binden. So weit das Strafsystem Furcht erzeugt, die 
abschreckend und hemmend wirkt, haftet sie vor allem an der Diffamierung 
und Schande in der Familie, bei den Berufskollegen und bei den Nach- 
barn. Sie hat den Charakter oder den Inhalt der „sozialen Angst", wie 
man zu sagen pflegt 1 . 

Daß in diesem präziseren Sinn vom Strafsystem Abschreckungswirkungen 
ausgehen, kann als gesichert angesehen werden. Aber zwei Momente warnen 
uns, sie als seine allgemeinste Wirkung anzusehen. 

1) Es ist sehr auffallend, daß die Menschen, die ja doch ihren Trieben 
nach alle kriminell sind, sich bewußt so wenig in Versuchung fühlen und 
daher verhältnismäßig selten soziale Angst erleben. Jenes Verhalten, das 
Straffreiheit sichert, ist offenbar durch Mechanismen garantiert, die auch 
das Erlebnis der Versuchung und das der sozialen Angst weitgehend er- 
sparen lassen. Das trifft auch für soziale Orte zu, an denen die geforderten 
Verzichte außerordentlich schwere sind (z. B. zum Teil selbst an dem 
sozialen Ort der Tantalussituation 2 ). 

2) Noch beachtlicher ist, daß wir gerade bei Straffälligen akute soziale 
Angst häufig vor und nach der Tat finden. Die soziale Angst schützt 
keineswegs vor der Strafe, hemmt durchaus nicht ganz allgemein jene 
Handlungen, die hohe Strafchance besitzen. Sie scheint vielmehr charakte- 
ristisch für jene Personen zu sein, die sich an der Peripherie der Klasse 
der „Ehrlichen" befinden. Wie überall, scheint auch hier die Angst 
S3'mptom einer mißglückten oder mißglückenden Bewältigung der Trieb- 
ansprüche zu sein. 

Die geglückte Bewältigung macht sich durch keinen lärmenden Affekt 
bemerkbar. Aber unter gewissen Bedingungen wird er doch deutlich erlebt. 
„Gott sei Dank, daß ich nicht bin wie diese da" empfindet der Angehörige 
der Klasse der „Ehrlichen", angesichts des bestraften „Unehrlichen . Der 
Affekt, dessen Ausdruck u. a. jener Ausspruch ist, wäre als sozialer Stolz 
zu bezeichnen. Er ist das positive Gegenstück zur sozialen Angst und steht 
im normalen Fall an ihrer Stelle. Er wird genährt durch den bloßen Be- 
stand eines Straf sj'stems, durch die Existenz einer Klasse von „Unehrlichen . 
„Ehrliche" gibt es nur, wenn die Schacher sichtbar sind. In früheren 

1) Doch sollte dieser Terminus nicht vergessen lassen, daß es sich um eine der 
Realität adäquate Angst, also um eigentliche Furcht handeln kann. 

2) Bernfeld, Der soziale Ort. Imago, XVI (1930) und Die Tantalussituation, 
Imago, XVn (1931). 

— 287 — 



Zeiten gab etwa der öffentliche Richtplatz dem Ehrlichen Gelegenheit, 
den Affekt des sozialen Stolzes zu erleben; heute bietet sie ihm nicht 
minder die Gerichtssaalspalte in der Tageszeitung. Schadenfreude, Rache, 
sadistische Regungen und gegebenenfalls andere Triebansprüche, gehen in 
die Befriedigung, die dieser Affekt gewährt, ein. (Darüber ist in der psy- 
choanalytischen Literatur manches Material gesammelt.) Man kann auch 
nicht bezweifeln, daß regelmäßig Anteile verdrängter und sublimierter 
infantiler Aggressionstriebe an seinem Aufbau mitwirken. Aber die narziß- 
tische Natur dieses Affektes darf nicht übersehen werden und seine Ge- 
schichte kann bis in die narzißtischen Befriedigungen der frühesten Kind- 
heit zurück verfolgt werden 1 . 

Dieser Affekt ist exquisit sozialer Natur: er verbindet die Menschen, die 
ihn erleben; er schließt sie eng zusammen und läßt sie einen Ring gegen- 
über den „Missetätern" bilden, die aus der Klasse der „Angesehenen" aus- 
gestoßen werden. Wie der große Kaiser selbst scheidet er die Guten von 
den Bösen. Der Affekt des sozialen Stolzes, der natürlich mannigfaltiger, 
hier nicht beachteter, Formen und Inhalte fähig ist, ist eines der Vehikel 
für jene Identifizierungen, deren grundlegende Rolle bei der Abgrenzung 
von Gruppen innerhalb der Gesellschaft Freud so eindrucksvoll nachge- 
wiesen hat". 

Ein probater Satz der Kinderpädagogik lehrt, daß Belohnung wirksamer 
sei als Drohung; daß Lustprämien Verzichte erleichtern. Es mag sein, daß er 
ähnlich auch für die Erwachsenen gilt. Der Stolzaffekt kann als Kompen- 
sation für die Verzichte eintreten, die das Recht von jedem fordert; er 
wirkt dann sicherer als der Angstaffekt. Aber man darf seine Wirksamkeit 
nicht überschätzen; denn jedenfalls reicht er nicht aus, die Verbrechen all- 
gemein zu verhüten. Er geht wahrscheinlich als wichtiges Moment in die 
mannigfaltigen Motive ein, die Menschen zu Verzichten bereit machen 
können. Er äußert sich dann etwa als weiter nicht begründbare Maxime: 
„Dies unterlasse ich, weil man das nicht tut." Jedoch, ob ein Rechts- 
system Folgsamkeit findet, hängt von sehr vielen Faktoren ab; ob und w r ie 
dabei dieser und jener Affekt regulierend mitwirkt, wäre nur durch eine 
spezielle Untersuchung zu erheben. Worauf ich hier hingegen nachdrück- 
lich hinweisen will, ist: daß jedes Strafsystem die Entwicklung des sozialen 
Stolzes und der Identifizierungen, die er stiftet, fördert. Auch wenn das 
Strafsystem weder Besserung noch Verhütung und nur wenig Abschreckung 
erzielt, auch dann besteht diese seine allgemeinste Wirkung. Die automati- 
sche Folge, möchte man sagen, jeglicher Abstrafung ist: daß alle nicht 
Gestraften eine narzißtische Befriedigung, eine soziale Rangerhöhung er- 
leben können und jedenfalls ein Teil von ihnen sie auch wirklich erlebt. 
Diese Folge ist sicherer als die Abschreckung. Keineswegs aber sagt dies, 

i) Über die Verbindung des narzißtischen Affektes „Stolz" mit dem Bemächtigungs- 
tirang siehe Bern fei d, Psychologie des Säuglings, Wien 1925. 

2) Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (Ges. Schriften, Bd. VI). 

- 288 - 



daß all die „Braven" nun um dieses Affektes willen auch in Zukunft brav 
bleiben werden. 

Die allgemeinste Wirkung, die jedes Strafsystem allein schon durch seine 
Existenz hat, ist demnach, daß es die Menschen in zwei Klassen sondert, 
in eine diffamierte, verachtete, und in eine wertvolle und angesehene Klasse. 
Es strukturiert die Gesellschaft in einer ganz besonderen Weise. Jede Ge- 
sellschaft, und insbesondere unsere heutige, ist ein vielfach gegliedertes 
Gebilde. Für die historische Entwicklung der Gesellschaft und auch für 
die „Libido-Ökonomie" jedes einzelnen ist jene Gliederung von entschei- 
dender Bedeutung, die als ökonomische Klassenschichtung (Proletariat, Klein- 
bürgertum und Bürgertum) bekannt ist. Man kann diese ökonomische 
Gliederung mit gutem Recht die reale Struktur der Gesellschaft nennen. 
Demgegenüber wäre die Klasseneinteilung, die sich durch das Strafsystem 
herstellt, eine ideale (ideologische) zu nennen; sie überdeckt die reale Struk- 
tur der Gesellschaft und strukturiert sie „moralisch" — ohne Ansehen der 
Geburt, des Vermögens usw. — in „Gute und Böse". Die moralische Struk- 
tur überdeckt nicht nur die reale, sondern sie verdeckt sie sogar. Die öko- 
nomische Gliederung bleibt verborgen, während sich die moralische durch 
den Rechts- und Strafapparat des Staates überaus lebhaft bemerkbar macht: 
Vom Gefängnis bis zum Schupo auf der Straße, vom Reichsgerichtspalast 
bis zum Anwaltsschild, von der Telephonnummer „Überfallkommando" bis 
zum Gerichtssaalbericht. Von diesem Apparat, als einem Zwangsapparat, 
gehen natürlich auch Drohungen aus 1 , aber ganz allgemein wird jeder, der 
„gutes Gewissen" hat, allein schon durch seine sichtbare Existenz in die 
Klasse der Guten eingereiht, die Bösen werden von seiner Klasse abgeson- 
dert; man kann diese Einreihung mit dem Affekt der Befriedigung und des 
sozialen Stolzes erleben. Der Apparat gliedert jeden ohne sein Zutun in die 
moralische Struktur der Gesellschaft ein, so sicher, daß es nicht geringer 
intellektueller Anstrengung bedarf, um zu prüfen, ob diese Einordnung 
auch eine — an irgend einem Maßstab gemessen — „gerechte" ist. 

Für die wissenschaftliche Betrachtung der pädagogischen Strafen, 
kommt diese allgemeinste Wirkung der Strafe sehr in Frage. Die moralische 
Struktur der Gesellschaft wird von der Pädagogik jedenfalls, welches Wert- 
system immer sie vertrete, bewußt zu ihrer Grundlage gemacht. Aber dar- 
über hinaus tradiert sie sich „von selbst", indem die Erwachsenen ihre 
Affekte und also auch gegebenenfalls sozialen Stolz und soziale Angst dem 
Kind nachdrücklich wahrnehmbar machen 2 . Welche Form immer der päda- 
gogischen Strafe gegeben wird, mit welchem Erfolg immer, die allgemeinste 
Wirkung jeder Strafe tritt bei den Kindern ein. Es wird durch die Strafe 

1) Über diese Seite der Strafsystems siehe Fromm, Zur Psychologie des Ver- 
brechers, „Imago" XVII (1951) Heft 2, und Fromm, Der Staat als Erzieher, Zeit- 
schrift f. psa. Päd. IV (1950). 

2) Zum Thema: Wirksamkeit der Tradition, auch jenseits der Pädagogik, siehe 
Bernfeld, „Trieb und Tradition", Leipzig, 1930. 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/8/9 289 — 21 



zwar bekanntlich nicht immer erreicht, daß die Kinder die Anforderungen 
erfüllen, die an sie gestellt werden; auch die Androhung beträchtlicher Leiden 
garantiert dies Ziel keineswegs. Aber die Gliederung der Menschen in die 
zwei Klassen der Braven (Nicht- Gestraften) und der Schlimmen (Gestraften) 
erleben die Kinder unzweifelhaft und zwar in Verbindung mit intensiven 
Affekten der Angst, Scham, Isoliertheit, Ungeliebtheit einerseits, des Geliebt- 
seins, Geborgenseins, der narzißtischen Befriedigung, des Stolzes, des Wertes 
andererseits. Der Aufbau des Über-Ichs, die Entwicklung des Schuldgefühles 
wird so wesentlich an der moralischen Struktur der Gesellschaft orientiert. 
Eine Besonderheit dieser Tradierung ist nicht unwichtig: in der Regel 
gehören für das Kind die Eltern selbstverständlich in die Klasse der Braven. 
Bravsein und Nicht-gestraft-werden kann, und wird es oft, mit Großsein, 
Vater-und-Mutter-ähnlich-sein identisch werden. Die tiefe Bedeutung, zu 
der das Erlebnis des sozialen Stolzes beim Erwachsenen gedeihen kann, 
wird aus dieser infantilen Quelle gespeist. In der Regel setzt das Kind 
ebenso Gestraft-werden gleich mit Kind-sein. Da für die früheste Kindheit 
sich die meisten Strafanlässe aus der Sexualität ergeben, in der späteren 
Kindheit mit ihr vielfach, unbewußt, verknüpft sind, gewinnt die Strafe 
oft die Bedeutung einer Kastration. Beim Erwachsenen mengt sich daher 
nicht selten in die soziale Furcht (Angst) ein Beitrag von Kastrationsangst 
mit den bekannten Wirkungen. Die Erziehung — welche Art von Strafen 
immer sie verwende — erreicht nicht nur die Tradierung der jeweiligen 
moralischen Struktur der gegebenen Gesellschaft, sondern indem sie dem 
sozialen Stolz und der sozialen Furcht Beiträge aus der infantilen Libido 
beimengt, wird die moralische Struktur der Gesellschaft im Über-Ich ver- 
innerlicht, fest verankert und so ihre Lebensdauer verlängert, selbst wenn 
die soziale Entwicklung nach der Änderung einer veralteten Struktur 
drängt. 

Angemerkt sei: diese Wirkung der Strafe haftet auch an solchen päda- 
gogischen Maßnahmen, die man gewöhnlich nicht Strafen nennt. In der 
modernen Pädagogik wird vielfach eine Erziehung ohne Strafen gefordert; 
gemeint ist, ohne die bisher üblichen Formen der Strafe. Diese Pädagogen 
hoffen, daß alle Ziele, die bisher trotz der Strafen nur mangelhaft erreicht 
wurden, durch neue Mittel besser erfüllt würden. Aber auf die Einteilung 
der Menschen oder der Kinder in Gute und Böse, einerlei wie sie diese 
Klassen benennen mögen, wollen und können auch sie nicht verzichten. 
Nicht minder gilt dies für die Formel: „Nicht Strafen, sondern Lob und 
Belohnung!" Wenn dieser Formel Folge geleistet wird, übt das „Nicht- 
I beloben" dieselbe allgemeinste Wirkung aus, die in anderem pädagogischen 
'Milieu die Strafe hat. 



Ulli: 
- 200 — 



Die Strafe in der Erziehung 

Von Dr. Edoardo Weiß, Rom 

Zur Beantwortung der Frage, ob, wie und wann man bei der Erziehung 
die Strafe anwenden soll, hat die Psychoanalyse neue bedeutsame Gesichts- 
punkte gewonnen. Zum Teil entspringen sie jener Psychologie, die sich 
mit der Entwicklung des Ichs und seiner Anpassung an die Wirklichkeit 
befaßt, — und diese Gesichtspunkte sind einem weiteren Kreise von 
Menschen zugänglich; zu ihrem Verständnisse gelangt man durch den 
„gesunden Hausverstand". Zum anderen Teil hingegen sind sie das Ergebnis 
einer tieferen psychologischen Forschung, die sich an die Vorgänge des 
Unbewußten und an die Trieblehre heranmacht. Die Aufstellungen auf 
diesem letzteren Forschungsgebiete scheinen jedoch vielfach geradezu gegen 
den „gesunden Hausverstand" zu verstoßen. Selbstverständlich kann man 
beide Forschungsgebiete nicht streng von einander scheiden. 

Daß ein gut Teil der psychoanalytischen Aufstellungen gegen den 
sogenannten „gesunden Hausverstand" zu verstoßen scheinen, ist keine 
Zufälligkeit: Gewaltige unbewußte Widerstände versperren einer großen 
Menge von unbewußten psychischen Vorgängen den Zugang zum Bewußt- 
sein. Diese gelten dann als „verdrängt". Der „Verstand", diese äußerst 
komplizierte Seelenfunktion, steht nun oft im Dienste der Widerstände, 
und so kommt es, daß mitunter gerade der „Verstand" das Verstehen 
erschwert. 

Wenden wir uns zuerst der Entwicklung und Anpassung des Ichs an 
die Wirklichkeit zu. Das schwache, unbeholfene, unerfahrene, unwissende, 
völlig unorientierte Kind lernt ganz allmählich und mühsam, nach 
unzähligen, leidvollen Enttäuschungen, sich in der bösen Welt zurecht- 
zufinden. Bei den Eltern (Pflegepersonen) fühlt es sich gut geborgen, auf 
sie muß es sich vollkommen verlassen, weil es ganz auf sie angewiesen 
ist. Ihre Abwesenheit wird als eine höchst gefährliche Situation empfunden. 
Die Macht der Eltern ist ihm Allmacht, ihr Wissen Allwissenheit, und so 
fühlt es sich bei ihnen sicher aufgehoben. Andererseits schätzt sich das 
Kind selbst sehr hoch ein, es ist im hohen Maße narzißtisch. Erst nach 
schweren Prüfungen lernt das heranwachsende Kind einsehen, daß es selbst 
nicht das Wertvollste auf der Welt ist. Das Ich des Kindes ist aber 
„egozentrisch", d. h. es fühlt die gesamte Welt um sich als Mittelpunkt 
geordnet, es stellt sich sozusagen in die Mitte des Weltalls. Kurz: Es fühlt 
sich, obgleich als das Wertvollste in der Welt, gleichzeitig auch machtlos, 
schütz- und hilfebedürftig. 

In seiner mühseligen Anpassungsarbeit muß es nun diese Einstellung 
aufgeben : Es muß mächtiger werden, sich selbst zu helfen wissen und sich 
richtig einschätzen lernen. Dies gelingt ihm aber erst nach und nach. 
Würde es zu früh flügge erklärt werden, so würde es die rücksichtslose 



— 291 — 



21* 



Welt erschlagen. So wie das Embryo den Schutz des Mutterschoßes benötigt 
und das frühgeborene, den Anforderungen der physischen Außenwelt noch 
nicht gewachsene Kind diesen unterliegt, so benötigt auch das Kind die 
für es sorgenden Eltern. Der narzißtischen Einstellung des Kindes entspricht 
aber anfangs eine Tatsächlichkeit: Es steht tatsächlich im Zentrum des 
Interesses der Eltern; diese sind bereit, sich gegebenenfalls für das Kind 
aufzuopfern. Und, was die Überschätzung der Eltern betrifft, wissen und 
können diese so unendlich viel mehr als das Kind, daß es vorerst auf ihre 
Unzulänglichkeiten nicht daraufkommt. 

Wir können somit die Außenwelt des Kindes als zweischichtig betrachten. 
Das Kind ist im Schöße der Eltern (Familie oder deren Ersatz) eingebettet 
— erste, schützende Schichte — , und in dieser Einbettung kommt es mit 
der rauhen, rücksichtslosen extrafamiliären Außenwelt (zweite Schichte) in 
Beziehung. Die Aufgabe des heranwachsenden Kindes besteht darin, aus 
dieser Schutzhülle herauszuwachsen und in direkten Kontakt mit den 
Schwierigkeiten der Außenwelt zu kommen. Dieses Herauswachsen erfolgt 
aber sukzessive in fortschreitenden Phasen. 

Zur Anpassungsarbeit an die Umwelt gehört auch zu lernen, auf so 
manche Triebbefriedigungen zu verzichten und manche Anstrengungen 
und ein gewisses Maß von unlustbetonten Situationen zu ertragen, respektive 
auf sich zu nehmen. 

Ursprünglich strebt das Kind nach der sofortigen Triebbefriedigung und 
sucht möglichst jedes Unlustgefühl zu vermeiden. In seiner Unerfahrenheit 
läßt es außer Acht, daß oft der unmittelbare Lustgewinn eine unlustvolle 
Lage nach sich ziehen kann und umgekehrt. Diese Richtlinie für das 
Streben und Handeln des Kindes nennen wir das „Lust-Unlustprinzip" 
oder kurz das „Lustprinzip". Um diesem Prinzipe blind zu folgen, vernach- 
lässigt das Kind die tatsächlichen Bedingungen der Außenwelt und gebt 
so den mannigfaltigsten Gefahrsituationen entgegen. Erst durch Erfahrung 
wird es klug; durch ausgiebige Erfahrungen kommt es zur Einsicht, daß 
es auf manche Triebbefriedigungen verzichten muß. Die bloße Einsicht 
genügt aber nicht. Um tatsächlich verzichten zu können, wann es not tut. 
muß es auch allmählich die Kraft dazu erwerben. Somit erfährt das „Lust- 
prinzip" eine Weiterentwicklung; es wird zum sogenannten „Realitäts- 
prinzip , d. h. das Kind lernt unlustvolle Situationen ertragen, oft ihnen 
geradezu begegnen, um dadurch erst aus einer realen Lustquelle in der 
Wirklichkeit Lust zu gewinnen. Es lernt auch auf eine unmittelbare Lust 
verzichten, damit es dadurch spätere unlustvolle Situationen vermeide oder 
zu späterer größerer Lustgewinnung komme, als die gewesen wäre, auf 
welche es zu verzichten hatte. Zu den unlustvollen Situationen gehören 
neben solchen elementarer Art besonders jene, die letzten Endes aus der 
Verletzung der Interessen der Mitmenschen erwachsen, da diese dann dem 
Verletzenden gefährlich werden. Ebenso werden wir zu Verzichtleistung 
und zur Aufopferung mannigfaltiger Art bewogen, um zur Belohnung 

— 292 — 



nach unserem Verlangen oder Bedürfnis von anderen Menschen geliebt und 
geachtet zu werden. Dies lernt das Kind recht bald verstehen, und zwar 
zuerst im Rahmen seiner engeren Umgebung, seiner Familie (innere 
Schichte), in der es vor groben Gefahren geschützt ist. Die Eltern reagieren 
von selbst auf das Benehmen des Kindes. Erspart man dem Kinde ganz 
die Leiden dieser Reaktionen der Mitmenschen, indem man es in allem 
gewähren läßt, so leidet dadurch seine Realitätsanpassung; es gelangt 
zu keiner richtigen Orientierung in seinem Verhältnisse zur Mitwelt 
und erwirbt nicht die Kraft zu den notwendigen Verzichtleistungen. 
Die Erziehung hat aber die Anpassungsarbeit des Kindes an die Außenwelt 
in konsequenter Weise zu begünstigen. Freud 1 sagt: „Die Erziehung kann 
ohne weiteres Bedenken als Anregung zur Überwindung des Lustprinzips, 
zur Ersetzung desselben durch das Realitätsprinzip beschrieben werden; sie 
will also jenem das Ich betreffenden Entwicklungsprozeß eine Nachhilfe 
bieten, bedient sich zu diesem Zwecke der Liebesprämien von seiten der 
Erzieher und schlägt darum fehl, wenn das verwöhnte Kind glaubt, daß 
es diese Liebe ohnedies besitzt und ihrer unter keinen Umständen ver- 
lustig werden kann." 

So wie sich das Kind einerseits die Liebe der Erzieher und der Umgebung 
erwerben will, so will es andererseits deren Aggressionen, d. h. deren 
Strafen, vermeiden. Liebesprämie auf der einen Seite, Strafe auf der anderen, 
hätten in gleichem Sinne zu wirken. 

Die Erziehung kann soviel vom Kinde verlangen, als es auch tatsächlich 
leisten kann, darf aber zur Erfüllung ihrer Forderungen nicht mit solchen 
Mitteln anhalten, die auf das Kind traumatisch wirken, sonst leistet man 
einer nachteiligen oder krankhaften Charakterbildung, der Neurose und der 
Einschüchterung Vorschub. Es ergibt sich nun die Frage, ob die Strafe im 
allgemeinen zu solchen Mitteln gerechnet werden muß. Wir werden 
antworten, daß die Strafe kein nachteiliges Erziehungsmittel zu sein braucht, 
stellt doch schon der einfache Liebesentzug, das Bösesein auf das Kind, 
eine Strafe dar. Dann dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß sich das 
Realitätsprinzip nicht nur anläßlich des Ausbleibens des Lustgewinns durch- 
setzt, sondern auch anläßlich des Erleidens von Unlust. So müssen wir 
einsehen, daß die Erziehungsarbeit, wenigstens in vereinzelten Fällen, auf 
die Strafe nicht ganz verzichten kann; diese soll aber in psychologisch 
zweckmäßiger Art erfolgen. 

Wenn wir von einer Zweckmäßigkeit der Strafe sprechen, so müssen 
wir bedenken, daß sich beim Kinde mit der Anpassung an die reale 
Außenwelt das logische, vernünftige Denken entwickelt. Dieses stellt gleichsam 
ein Abbilden der Wirklichkeit dar. Einstellungen und Handlungen, die 
von der vernünftigen Überlegung herrühren, folgen dem Realitätsprinzip. 

1) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. Ges. 

Schriften Bd. V, Seite 415. 

- 293 - 



Die Begründung dessen, was man vom Kinde verlangt, muß rational 
von ihm erfaßt werden können. Dem kleinen Kinde, das noch nicht 
verstehen kann, warum man das eine tun und das andere lassen muß, 
nimmt man nichts übel; es gilt als „unschuldig" (unschuldig = ohne 
Schuldgefühl), es kann noch kein Schuldgefühl verspüren. Seine Verstöße 
gegen die „guten Sitten" und Kulturanforderung empfinden wir als reizend, 
wir freuen uns seiner unschuldigen und rücksichtslosen Hemmungslosigkeit 
und seines Egoismus, als ob wir selbst von Sehnsucht nach einem vergessenen, 
goldenen Zeitalter ergriffen würden. Doch recht bald kann man ihm das 
eine oder andere begreiflich manchen, warum es das eine haben kann, 
auf das andere verzichten muß; welche Folgen seine Inkontinenz und 
Unreinlichkeit nach sich zieht usw. Wenn man sich nicht begnügt — 
und man tut gut, sich nicht damit zu begnügen — , dem Kinde nur mit 
Worten die Zweckmäßigkeit der gestellten Forderungen begreiflich zu 
machen, sondern es auch Kostproben von den durch seine Handlungen 
hervorgerufenen Reaktionen der Mitmenschen erleben lassen will, so kann 
man unter den von ihm hervorgerufenen unlustbetonten Situationen die 
Strafe" nicht genau abgrenzen. Allerdings enthält der Begriff der Strafe 
auch die in der Menschenseele tief eingewurzelte Vergeltung (Rachsucht); 
doch darüber später. Vom Standpunkte desjenigen, der die Strafe erleidet, 
können wir unter anderem sagen, daß der Schaden, der einem jeden aus 
der Nichtbefolgung der ihm von der Wirklichkeit aufgezwungenen Ver- 
haltungsmaßregeln erwächst, das Vorbild der Strafe ist. Zu gewissen Ver- 
haltungsmaßregeln wird im allgemeinen alles Lebende im Anpassungskampfe 
an die Wirklichkeit genötigt. Wenn sich ein Kind aggressiv und unbändig 
benimmt, so muß man ihm gegenüber jenen Unwillen über sein Benehmen 
zeigen, den es tatsächlich erweckt und eine in Form der natürlichen und 
spontanen Reaktion ausfallende Strafe kann nur seine Realitätsanpassung 
fördern 1 . Allerdings spielt da die Persönlichkeit des Erziehers eine große 
Rolle. Ist dieser neurotisch, wartet er bewußt oder unbewußt auf eine 
Gelegenheit, seinen eigenen Aggressionstrieb zu befriedigen, so wird seine 
„natürliche und spontane" Reaktion schädlich wirken, weil sie oft unan- 
gebracht, inkonsequent (deshalb desorientierend) und übermäßig ausfallen 
kann. Es gibt Eltern und Erzieher, welche an „alternierender Ambivalenz" 
leiden und die Kinder allzustreng bestrafen (oder gar züchtigen — meist 
im Wutanfalle) und später, dies bereuend, ihre ausgeübten Strafen durch 
Belohnungen oder wenigstens durch ein milderes und nachgiebigeres 
Benehmen ihnen gegenüber wieder gut machen wollen. Dadurch wird 
der neurotischen Charakterbildung Tür und Tor geöffnet. Was man vom 
Analytiker fordert, muß auch vom Erzieher gefordert werden: Er darf 
selbst nicht neurotisch sein. Ist er es aber, so nützen auch keine Ratschläge. 



1) Nicht nur in der Kinderanalyse, sondern auch in der Analyse Erwachsener muß 
man oft zur Korrektur aus der Wirklichkeit beitragen. 



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Das Benehmen dem Nebenmenschen gegenüber, in allen Beziehungen, sei 
es zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, kann nicht erlernt werden, 
muß sich vielmehr auf natürliche Gefühlseinstellungen gründen 1 . 

Die Erfahrung lehrt uns, daß die Strafe als Erziehungsmittel gar nicht 
oder selten in Betracht kommt, wenn der Erzieher beim heranwachsenden 
Kinde Verständnis für die Kulturanforderungen erweckt. Wo sie aber doch 
in Betracht kommt, darf sie nur im Dienste des Verständnisses wirken, 
d. h. einen Erlebnisbeitrag zur vernünftigen Einstellung im Leben liefern. 

Die Strafe darf nicht dort angewendet werden, wo die „Unerziehbarkeit" 
des Kindes auf besonderen psychischen Momenten beruht, die der psycho- 
analytisch geschulte Erzieher erforschen und beseitigen kann. Jede hart- 
näckige Widersetzlichkeit des Kindes beruht auf derlei besonderen Momenten, 
und in diesen Fällen kann die unwissende Anwendung der mitunter streng 
und oft angewendeten Strafe äußerst schädlich auf die Charakterbildung 
des Kindes wirken. 

Aus dem Vorangegangenen kann der Anschein geweckt worden sein, 
man wolle durch die Erziehung eine auf kalte Berechnung gegründete 
Einstellung des Kindes zu seinen Mitmenschen begünstigen. Das Realitäts- 
prinzip, in seiner strengen, ich möchte sagen „mathematischen" Auffassung, 
wäre ein „do ut des" . Dieser ernüchternde Eindruck schwindet aber, wenn 
man berücksichtigt, daß zu den Wünschen, die nach Befriedigung streben, auch 
die mächtigen Liebesbedürfnisse gehören. Man verzichtet, man plagt sich und 
leidet, nicht nur um sich selber Lust und Freude zu erkaufen, sondern auch 
anderen Menschen, in weiterer Folge bestimmten Zielen und Sachen 
zuliebe. Das Kind, das unter liebenden Eltern (Erzieher; erste, schützende 
Schichte) heranwächst, fühlt dies ganz deutlich, und es entsteht in ihm die 
Gegenliebe zu ihnen. Die Liebe zu den Erziehern, die im Kinde auf 
diese Weise, d. h. in Anlehnung an die Befriedigung seiner Lebens- 
bedürfnisse (Nahrungs-, Schutzbedürfnis usw.) entsteht, bezeichnet man 
nach Freud als Liebeswahl nach dem Anlehnungstypus. Das Kind er- 
widert die Liebe, es braucht aber auch Liebe. Von der oben erwähnten 
ersten schützenden Schichte fließt ihm diese Liebe zu, als Ausdruck des 
Altruismus von Seiten der Beschützer (Mutter). In einer Atmosphäre von 
Liebe lernt das Kind lieben und somit anderen Menschen und Zielen zu- 
liebe dulden und verzichten. 

Von großer Tragweite kann das Prinzip werden, wonach die Strafe (sei 

1) Als praktisch wichtiger Ratschlag für das Strafen durch Liebesentzug mag 
gelten, daß dieser nie über Nacht währen soll. Dadurch wird die Unsicherheit 
im Kinde vermieden und sein Grübeln und Phantasieren darüber verhindert, wie die 
Liebe zurückgewonnen werden könne. Es ist merkwürdig, daß normale Eltern, das 
heißt solche, die weder neurotisch noch sadistisch sind, dieses Prinzip in der Regel 
ohne jede Unterweisung sich zu eigen machten. Dadurch wird auch eine Inszenierung 
der Beendigung des Strafvollzugs, sozusagen die Wiedereinsetzung in die kindlichen 
Bürgerrechte überflüssig. Diese Szenen geben aber, wie unten erwähnt, recht uner- 
wünschte Gelegenheit zur Erregung masochistischer Gefühle. 

- 295 — 



sie auch als Mittel zur Förderung der Realitätsanpassung des Kindes 
gemeint) aus Liebe zum Kinde erfolgt; liegt doch dem Erzieher das 
zukünftige Wohl des Kindes am Herzen. Es kann zur Geltung kommen, 
daß der Erzieher darauf verzichtet, das Kind zu bestrafen, wenn er das 
Interesse am Kinde verloren hat und sich um das Kind nicht mehr 
kümmert. Und so kann es zur paradoxen Einstellung kommen, wonach 
die Strafe als Liebesbeweis aufgefaßt wird. Nach meiner Erfahrung stellt 
dies einen wichtigen Faktor (neben anderen) für das Zustandekommen des 
Masochismus dar. Man muß stets darauf bedacht sein, beim Kinde das 
Gefühl „Strafe = Liebesbeweis" nicht aufkommen zu lassen. Die Strafe 
soll nur als Ausdruck eines Liebesentzuges, beziehungsweise einer Aggres- 
sion gelten. 

Die Auffassung der Strafe als Liebesbeweis setzt sich vielfach als Trost- 
versuch zum Ertragen von Mißgeschick durch. Es gibt Leute, die, vom 
Unglück getroffen, in der religiösen Lehre „Gott straft, wen er liebt" 
eine Erleichterung suchen. Ein Patient, der in seinen masochistischen 
Phantasien sich vorstellte, gestraft zu werden, war eben in dieser Weise 
erzogen worden. Als er als Kind einmal an Leibschmerzen litt, sagte ihm 
die Mutter, Gott strafe ihn, weil er ihn liebe. Wofür er aber gestraft 
wurde, das wußte er nicht. Er faßte die Liebe Gottes zu ihm als eine 
sadistische Liebe auf, denn die Strafe erfolgte anscheinend grundlos, oder 
„um den von ihr Betroffenen zu prüfen". Derselbe Patient beging oft 
absichtlich Unartigkeiten, um von einer älteren Cousine, an welcher er hing, 
bestraft zu werden; damit wollte er mit ihr in Fühlung treten; er suchte 
so einen „materiellen Beweis dafür, daß sie sich um ihn kümmere. Da 
wird das Paradoxe in der Begründung der Strafe ganz besonders augenfällig. 
Will man also die Strafe in den Dienst der Realitätsanpassung stellen, so 
muß sie stets den Charakter des Liebesentzuges oder der vergeltenden 
Aggression beibehalten; auch in diesem Sinne muß man jedoch mit Maß 
und Verständnis vorgehen. 

Das Kind ist einerseits hilflos und liebesbedürftig, andererseits narzißtisch 
(egozentrisch). Aus diesen zwei Momenten ergeben sich zwei „Achilles- 
fersen" für das Kind. Erstens kann das Kind durch einen zu stark 
empfundenen Liebesverlust (oder erlittene Aggression) eingeschüchtert 
werden. Das wohlige Gefühl des Aufgehobenseins bei allmächtigen Be- 
schützern hinterläßt eine Sehnsucht nach diesem Zustande. Wie uns Freud 
gelehrt hat, wird die allmächtige Elterninstanz unbewußt im Schicksal und 
Gott fortgesetzt. Im Falle der Einschüchterung wird man im Leben mutlos, 
verzagt und gehemmt. Und umgekehrt: wer sich als Kind bedingungslos 
der Liebe seiner Eltern sicher fühlt, hat die beste Aussicht, sich auch im 
späteren Leben sicher zu fühlen und deshalb unentwegt zu handeln. Darunter 
kann natürlich die Realitätsanpassung in anderer Art leiden, aber diese 
Gefahr ist leichter zu beherrschen. Ich vernahm z. B. von einem Patienten, 
in dessen Kindheit die Eltern es nie über sich brachten, ihn eine Liebes- 

- 296 — 



entziehung merken zu lassen, daß er im Kriege auch in den gefährlichsten 
Situationen das innere, unbegründete Gefühl hatte: „Mir, N. N., kann so 
wie so nichts geschehen . 

Das zweite Moment, das berücksichtigt werden muß, ist der narzißtische 
Zustand des Kindes. Starke narzißtische Kränkungen führen zu Minder- 
wertigkeitsgefühlen. Dem beugt man am besten vor, wenn man an das 
Verständnis des Kindes appelliert und nur das von ihm verlangt, was es 
tatsächlich leisten kann. Auch darf die Strafe nie etwas Beschämendes für 
das Kind sein. 

Man darf nicht vergessen, daß das Kind erst allmählich den Sinn der 
Strafe erfassen kann. Ein zweijähriges Kind klaubte einmal einen Gegenstand 
vom Boden auf und steckte ihn in den Mund. Die Mutter nahm ihn ihm 
aus der Hand und während sie ihm den Mund reinigte, sagte sie ihm: 
., Wenn du solche garstigen Dinge in den Mund steckst, so wirst du wehe 
im Mund bekommen." Das Kind faßte dies als eine von der Mutter aus- 
gehende Drohung auf und bat sie, es solle ihm nicht wehe tun im Munde. 
Dieses kindliche Mißverstehen zeigt seine Bereitschaft, an die Macht, ja 
an die Allmacht der Eltern zu glauben; dieser Glauben findet seine Fort- 
setzung in der Lehre: „Es fällt kein Sperling vom Dach ohne Gottes 
besonderen Willen." In solchen Fällen muß man mit großer Geduld 
trachten, die Vorstellung des Kindes von der Strafe zu korrigieren. 

Wo die Strafe angebracht erscheint, soll sie in jedem Falle dem Individuum 
angepaßt werden. Auf die Empfindlichkeit des einen Kindes, das in einer 
gegebenen Gefühlsatmosphäre, unter dem Eindrucke gegebener Reaktionen 
von Seiten seiner Eltern aufgewachsen ist, wirkt dieselbe Strafe anders als 
auf ein anderes Kind, das unter anderen Verhältnissen aufgezogen wurde. 
Das Verhalten dem Kinde gegenüber in der ersten Zeit präjudiziert auch 
das spätere Verhalten seiner Erzieher ihm gegenüber. Ein Kind, das niemals 
von den Eltern geprügelt worden ist, war an die Eltern, besonders an die 
Mutter in hohem Maße gebunden; es folgte ihr überall so wie ein treuer 
Hund. Eines Tages, es war schon sieben Jahre alt, verprügelte es die Mutter 
anläßlich einer Unbändigkeit, deren es sich nicht einmal sehr bewußt war. 
Trotz seiner Schmerzensäußerungen beim ersten Hiebe, versetzte ihm die 
Mutter noch andere Hiebe. Diese Handlung der unvernünftigen Mutter 
hat auf das Kind in hohem Maße traumatisch gewirkt. Es fühlte sich von 
der Person, die es am meisten liebte und auf die es sein größtes Vertrauen 
setzte, furchtbar gedemütigt. Von dem Tage an verschwand die Liebe zur 
Mutter, es war ihr nie wieder, wie ein treues Hündchen, auf den Fersen, 
und die Liebe zu ihr ist nie wiedergekehrt. Noch als sechzig] ähriger Mann 
konnte er sich daran erinnern, während dieses Ereignis bei den übrigen 
Familienmitgliedern nach wenigen Tagen in Vergessenheit geraten war. 
Dieser Mann war im Leben in seiner Beziehung zum Weibe gestört. Die- 
selbe Züchtigung hätte in einem anderen Falle mit der früheren Einstellung 
dem Kinde gegenüber im Einklang stehen können, und hätte dann gar 

— 297 — 



keine bösen Folgen nach sich gezogen. Es ist nicht dasselbe, ob ein 
Schusterjunge eine Ohrfeige bekommt oder ein verwöhntes Schoßkind. 



Was bisher ausgeführt wurde, wird wohl den meisten einleuchten. 
Andere Gesichtspunkte ergeben sich aus der Tiefenforschung der Psycho- 
analyse. Wir verdanken Freud die Erkenntnis, daß im Lebewesen zweierlei 
Energien wirken. Die eine, Libido genannt, die Kraftäußerung des Lebens- 
triebes Eros, strebt die Erhaltung, die Vereinigung und Lebensschöpfung 
(Fortpflanzung) an. Eine ihr entgegengesetzte Wirkung hat die sogenannte 
Destruktionsenergie, die Kraftäußerung des Todestriebes. Die Libido läßt 
uns leben und gedeihen, die Destruktionsenergie hingegen läßt uns altern 
und sterben. Diese beiden Energien sind mannigfaltigen Schicksalen unter- 
worfen und treten zu einander in verschiedene Beziehungen, worauf hier 
nicht näher eingegangen werden kann. Es sei bloß erwähnt, daß sich diese 
beiden Energien in ihrer Auswirkung nach außen, gegen Objekte der 
Außenwelt, wenden und dann wiederum nach innen, gegen das eigene 
Individuum kehren können. Je mehr man andere liebt, um so weniger 
iebt man sich selber; je mehr man andere haßt, um so mehr verschont 
man sich selber. Die gegen andere gerichtete Destruktionsenergie heißt 
Aggressionsenergie. Sie kann bis zur Harmlosigkeit gemildert werden, wenn 
sie sich mit Liebe (Libido) mengt, eigentlich indem sie mit ihr eine so 
enge Verbindung eingeht, daß sie mit der chemischen Bindung zweier 
Elemente verglichen werden kann (Alexander). In dieser Bindung kann 
aber sowohl Libido als auch Aggressionsenergie im Überschuß auftreten. 
Im ersten Falle kommt es zu einer Idealisierung des geliebten Objektes, 
im zweiten Falle hingegen wird die Tendenz dem Objekte gegenüber, wie 
bekannt, eine sadistische, wobei die Libido nicht hinreichend vor der 
Aggression schützt. Der Kulturmensch wartet aber oft eine Gelegenheit ab, 
um seinen Aggressionstrieb zu befriedigen, er will dazu eine Rechtfertigung 
finden. Einer der üblichsten Anlässe nun, um den Aggressionstrieb zu 
betätigen, ist der der Vergeltung, die Rache. Diesen Charakter hat nun 
auch die Strafe. Sie stellt eine rationalisierte sadistische Befriedigung dar, 
wiewohl sie auch rationellen Zielen entsprechen kann. Mag dieses Trieb- 
hafte auch irrationell sein, seine Existenz ist eine Tatsächlichkeit — es ist 
allem Lebenden eigen. Die Strafe als aggressive Reaktion auf Aggressionen 
anderer ist eine nicht ganz abzuschaffende, biologisch begründete Reaktion, 
die der Selbsterhaltung dient. Mag man sich auch theoretisch dagegen 
sträuben, in der Praxis wird man biologisch fühlen und handeln müssen, 
man würde sonst einer neurotischen, wenn auch noch so rationalisierten 
Hemmung unterliegen, die zur Depression und Selbstaufzehrung führen 
kann. Mit fortschreitender Erkenntnis kann man wohl auf diesem Gebiete 
mehr und mehr Ausnahmen und Einschränkungen gelten lassen; diese sind 
aber schon die Folge des erweiterten Verständnisses. Diesen Charakter der 

— 298 — 



Strafe hat schließlich auch die des Erziehers, wenn auch in milderer Form. 
Er reagiert mit Aggression, wartet aber nicht auf einen Anlaß. Wie das 
Kind auf die Liebe mit Gegenliebe reagiert, so reagiert es auch auf die 
vom Erzieher ihm auferlegten Verbote und Strafen mit Aggressionsenergie. 
Allerdings mischen sich diese Aggressionstendenzen im Kinde mit seiner 
Liebe, wenn es die Verbote und Strafen begreift, weil sie in psychologisch 
richtiger Art erfolgen. Gibt aber ein zu milder Erzieher dem Kinde keine 
Gelegenheit, seinen Aggressionstrieb zu extravertieren (nach außen zu wenden), 
so speichert sich die Aggressionsenergie im Innern an. Ein intelligenter 
sechsjähriger Knabe, der vom Vater nur verzärtelt und niemals ernstlich 
zurechtgewiesen wurde, während hauptsächlich die Mutter erzieherische 
Maßnahmen traf, wurde sehr betrübt, als er erfuhr, daß alle Menschen 
einmal sterben müssen. Der Gedanke an den zukünftigen Tod seines Vaters 
quälte ihn furchtbar. Man versuchte ihm zu erklären, daß der Vater noch 
jung sei und noch viele, viele, lange Jahre leben werde; er selber würde 
dann ein reifer, vielleicht auch schon alter Mann sein. Man versuchte ihm 
begreiflich zu machen, daß es unsinnig ist, sich mit dem Gedanken an ein 
noch so fernliegendes, unabsehbares Ereignis zu plagen. Doch alles war 
umsonst; er wiederholte, sein Vater dürfe niemals sterben. Der Mutter 
gegenüber, die er ebenfalls liebte, machte er sich überhaupt nicht solche 
Sorgen. Später wurde er noch von Träumen geplagt, der Vater wäre 
gestorben, und wachte jedesmal schmerzerfüllt auf. Dieses klinische Bild 
erklärt sich folgendermaßen: Der allzumilde Vater hat dem Kinde keinen, 
sonst natürlichen Anlaß (Rechtfertigung) geboten, ihm, dem Vater, bewußt 
Aggressionsenergie zuzuwenden. Die negativen Regungen aus dem Ödipus- 
komplex blieben unbewußt und deshalb ohne affektive Abfuhrmöglichkeit; 
so häuften sie sich an. Die Verzweiflung des Kindes bei dem sich ihm 
aufdrängenden Gedanken an den irgendwann in ferner Zukunft erfolgenden 
Tod seines Vaters stellt eine Abwehr gegen die dem Vater geltenden Haß- 
regungen seines Unbewußten dar. Diese Regungen verrieten sich deutlich 
in den Träumen vom Tode des geliebten Vaters. 

In vielen Fällen führt die allzugroße Milde des Vaters zu einer über- 
triebenen Strenge des Über-Ichs (Alexander), der seelischen Fortsetzung 
der elterlichen Autorität. Dies gibt den Anlaß zur Neurose, namentlich 
zur Zwangsneurose. Die Aggressionsenergie, die sich nicht extravertieren 
kann, kehrt sich in Form der Strenge des Über-Ichs gegen die eigene 
Person. 

Aus dem oben geschilderten Beispiel ersieht man noch, daß es für den 
Knaben nicht einerlei ist, ob er vom Vater oder von der Mutter bestraft 
wird. Das männliche Kind hängt zärtlich an der Mutter und sieht im 
Vater den Rivalen; es ist ihm gegenüber ambivalent eingestellt. Diese Ein- 
stellung ist phylogenetisch begründet, es besteht beim Kinde eine Veranlagung 
dazu. Zu ihrer normalen Überwindung muß das Kind normale Verhältnisse 
vorfinden. Vertauschen aber neurotische Eltern zu stark (auf das Quantum 



299 — 



kommt es an) ihre Rollen, so begegnen dem Kind zu große Schwierig- 
keiten bei dieser Überwindung. Mutatis mutandis gilt dies auch für das 
weibliche Kind. 

Die psychologischen Probleme, die die Strafe in der Erziehung aufgibt, 
sind mit dem bisher Ausgeführten noch lange nicht erschöpft. Es ergeben 
sich mitunter, namentlich bei der gemeinsamen Erziehung mehrerer Kinder, 
interessante, einander steigernde Komplikationen, wobei die Rivalität und 
Eifersucht der Kinder eine große Rolle spielen. Eine ausführliche Rehandlung 
verdiente auch die Art und Weise, in welcher bestraft wird; denn jede 
Art der Strafe wirkt im Unbewußten anders: Die eine kann beispielsweise 
als Kastration, die andere als Beseitigung wirken u. dgl. mehr. Doch dies 
soll in einem anderen Zusammenhange besprochen werden. 

Geht der nicht neurotische Erzieher richtig vor,' so wird er kaum in 
die Lage kommen, zur Strafe im engeren Sinne zu greifen. 

liiiili 



Zur Psychologie des Lehrers, der Schuldisziplin 

und des Strafens 

Von Dr. Sybille L. Yates, London 

Es wird heute allgemein anerkannt, daß der Schulunterricht mehr bedeutet 
als ein bloßes Übermitteln von Wissen. Die Schule ist ein wichtiger Faktor 
in der Gesamterziehung des Kindes, wobei der Schul- und Klassendisziplin 
zweifellos eine Hauptrolle zufällt. Wir wissen, daß bestimmte Gefühlseinstellungen 
in politischer und religiöser Hinsicht durch unbewußte Motive bestimmt werden. 
Ähnlich werden auch die Einstellung des Lehrers in Bezug auf Schuldisziplin 
und die Mittel, durch die er sie herzustellen trachtet, durch unbewußte Fak- 
toren in weit größerem Maße beeinflußt, als man gewöhnlich annimmt. Indem 
der Psychoanalytiker diese unbewußten Quellen und Mechanismen aufzeigt, die 
sich in der Tätigkeit des Lehrers auswirken, kann er einen nützlichen Beitrag 
zur Pädagogik liefern, ohne auf das Bereich des Erziehers überzugreifen. 

Der seelische Apparat arbeitet nach dem Lustprinzip und sucht nach Mög- 
lichkeit alles Unlustvolle aus dem Bewußtsein zu eliminieren. Diese unlustvoilen 
Reize sind entweder äußere oder innere; die Psychoanalyse befaßt sich vor- 
wiegend mit letzteren. Von den unlustvoilen inneren Empfindungen ist das 
Schuldgefühl eine, die besonders schwer zu ertragen ist. Es gibt verschie- 
dene seelische Mechanismen, um das Schuldgefühl zu verarbeiten; einer davon 
der vorwiegend bei Lehrern zufolge ihrer Arbeitsbedingungen vorzuherrschen 
scheint, ist die Projektion, und auf diesen möchte ich in meiner Arbeit näher 
eingehen. Die verdrängten Wünsche des Lehrers, die von Kindheit an in ihm 
unbewußt wirksam sind, werden nicht als solche anerkannt, sondern sie werden 

— 300 — 



auf andere — auf die Schulkinder — übertragen, und diese werden dann für 
ein Benehmen, das solche den verbotenen Wünschen des Lehrers entsprechende 
Neigungen zeigen könnte, getadelt und bestraft. 

Dieser Projektionsmechanismus zeigte sich mir deutlich in der Analyse eines 
Lehrers. Sein Hauptsymptom bestand in einem Waschzeremoniell, das von Zwangs- 
gedanken begleitet war. In der Schule hatte er eine sehr strenge Einstellung 
zu den Knaben und hielt die Disziplin mit harten Strafen aufrecht. Seine 
Hauptklagen über die Schüler waren, daß sie schmutzig, wild und frech seien, 
nichts lernten, ihn dauernd ärgerten und zu ihm unverschämt seien. In der 
Analyse kam er immer wieder darauf zurück, daß es ebenso schlimm sei, ein 
Lehrer wie eine Kinderfrau zu sein, daß er die Schüler bändigen und erziehen, 
ihren Willen brechen und ihnen beweisen müsse, wer der Herr ist. Nach alldem 
könnte man annehmen, daß er einfach ein Lehrer mit Ansichten der alten 
Richtung sei, aber in jeder anderen Hinsicht war dies nicht der Fall, und ein 
großer Teil der Analyse bestand darin, daß er seinen Vater anklagte, der eine 
teilweise ähnliche altmodische Auffassung von der Erziehung hatte. Er wandte 
in wirkungsvoller Art die modernsten psychoanalytischen Argumente an, um 
die Art, wie ihn sein Vater erzogen hatte, zu verdammen ; wahrscheinlich war 
der Vater in Wirklichkeit aber garnicht so streng gewesen, wie es dem Patienten 
später schien. 

Für meinen Patienten war eine wichtige Vorbedingung um unterrichten zu 
können der Besitz eines Rohrstockes; ohne diesen fühlte er sich ohnmächtig, 
und er argumentierte, wenn die Jungen nur wüßten, daß der Stock im Zimmer 
ist, werde dies genügen, um sie zum Gehorsam und guten Benehmen zu ver- 
anlassen. In Wirklichkeit konnte aber seine Angst nur beruhigt werden, wenn 
der Stock neben ihm lag und er die Möglichkeit hatte, ihn zu verwenden. In 
zwei Schulen, wo nur der Direktor das Recht hatte, die Schüler mit dem Stock 
zu schlagen, schien es ihm unmöglich zu arbeiten. Er hatte, weil er die Schüler 
auf Kopf und Rücken schlug, dauernd Unannehmlichkeiten mit dem Direktor 
und den Eltern. Diese Schwierigkeiten führten in der ersten Schule zu einer 
solchen Verschlimmerung seiner neurotischen Symptome, daß er die Schule 
verlassen mußte; in der zweiten Schule zu seinem sofortigen Austritt. Das 
Prügeln beging er fast immer im Affekt; er erklärte mir, daß er seinen Ärger 
einige Zeit zu beherrschen versuchte, es dann aber nicht mehr länger ertrug 
und die Jungen schlug. 

Wenn wir die Symptome dieses Patienten und ihre Genese studieren, finden 
wir eine Erklärung dafür, warum er unter dem Zwange stand, die Kinder zu 
schlagen, trotzdem diese Strafe offiziell verpönt ist 1 . 

Bis zum Alter von 24 Jahren war er ein besonders gehorsamer und vor- 
bildlicher Sohn, aber seit dieser Zeit hatte er dauernd den Wunsch, seinen 

1) In England besteht eine allgemeine Abneigung gegen die Anwendung körper- 
licher Strafen. In den öffentlichen Schulen (an welchen mein Patient unterrichtete) 
ist die Anwendung des Rohrstockes fast ausschließlich nur dem Direktor gestattet, 
der diese Strafe nur für die schwersten Vergehen anwendet. 

— 301 — 



Vater wegen seines Verhaltens ihm gegenüber anzuklagen. Seine Neurose selbst 
begann schon etwas früher und bestand in einer Unfähigkeit, seine Studien 
zu verfolgen, weil ihm immer sexuelle Bilder in zwanghafter Weise vor 
den Augen erschienen. Seine Ängste waren mit der Befürchtung verbunden, er 
könnte seine Hände irgendwie mit Schmutz oder Exkrementen verunreinigen, 
und in der Analyse standen unbewußte kindliche Wünsche, mit Exkrementen 
zu spielen, im Vordergrund. Er hatte den Zwang, abends, bevor er Briefe 
schrieb oder sich seinen Lieblingsbeschäftigungen widmete, sein Waschzeremoniell 
zu vollführen, damit das Papier und die Feder nur ja nicht in irgendeine 
Berührung mit irgendetwas von der Schule kommen könnten. 

Wir sehen daraus, daß die Schule unbewußt eng mit seinen verdrängten 
kindlichen Wünschen verknüpft ist; sein Waschzwang, wie sein ganzes Benehmen, 
das ursprünglich dem Stuhl galt, hat er auf die Berührung mit der Schule 
übertragen. In seiner Einstellung zu den Jungen spiegelt sich weitgehend seine 
eigene Verurteilung seiner unbewußten Wünsche. Die Parallele zwischen 
seiner unbewußten Einstellung zu seinen verdrängten Wünschen und seiner 
bewußten Einstellung zu den Schülern zeigt sich weiter auch in der Angst, 
daß die Jungen sich gegen ihn empören könnten, ihn dann wehrlos machen und 
überwältigen würden, wenn er sie nicht strenge im Zaume hält. Darum straft 
er die Jungen für ihre Unreinlichkeit, ihre Unaufmerksamkeit beim Lernen, 
ihre Unverschämtheit ihm, ihrem Lehrer gegenüber. Er bewältigt so sein un- 
geheuer starkes Schuldgefühl, indem er den inneren Konflikt, die Spannung 
zwischen dem verurteilenden Über-Ich und den verurteilten Triebregungen in 
die Außenwelt verlegt. Er selbst übernimmt die Rolle der einverleibten kriti- 
sierenden Elternimagines, während er seine verdrängten Regungen auf die 
Schüler projiziert, und er beruhigt sein Schuldgefühl, indem er die Jungen für 
jede Äußerung der verbotenen Regungen bestraft. 

In einem anderen Fall, dem einer Lehrerin, zeigte sich ein ähnlicher 
Mechanismus, wenngleich in einem weniger starken Ausmaße. Die Maßnahmen, 
die sie den Kindern gegenüber anwendete, entsprachen der Art, wie sie mit 
ihren eigenen Gefühlen fertig wurde. Das Schuldgefühl war bei ihr mehr 
bewußt als beim vorigen Patienten, aber es kam auch bei ihr auf dem Umweg 
der Identifizierung mit den Schülern zum Ausdruck. Sie kam in analytische 
Behandlung wegen Stimmlosigkeit (Aphonie), — sie konnte nur flüsternd sprechen. 
Die Analyse erwies, daß ein wichtiger Grund für ihre Unfähigkeit zu sprechen 
darin lag, daß sie unbewußt das Sprechen als Aggression auffaßte, die sie nur 
durch ihre Stimmlosigkeit beherrschen konnte. In der Analyse wurde ihr all- 
mählich klar, daß das Sprechen mit dem Ausdruck sadistischer Regungen ver- 
knüpft war, und sie empfand starkes Schuldgefühl, als sie ihre sadistischen 
Impulse anerkennen mußte; gleichzeitig besserte sich die Stimmlosigkeit. 

Ihr Verhalten in der Schule zeigte eine genaue Parallele mit den Mechanismen, 
die in ihrer Neurose am Werk waren. Sie hatte durchgesetzt, daß ihre Klasse 
— bestehend aus 40 kleinen Kindern — vollkommen lautlos war; man hätte 
das Fallen einer Stecknadel hören können. Um dieses Resultat zu erreichen 

— 302 - 



hatte sie eine außerordentliche Energie anwenden müssen. Die Kinder bedeu- 
teten für sie Pöbel, der beherrscht werden muß, und sie mußte bei ihnen die 
Stille ebenso durchsetzen, wie sie ihre eigenen sadistischen Impulse durch 
Stimmlosigkeit beherrschen mußte. 

In einem dritten Fall äußerte sich der gleiche Mechanismus, aber mit wesent- 
lichen Unterschieden. Dieser Lehrer kam in Analyse wegen eines überwältigen- 
den bewußten Schuldgefühles, das sich auf eine masturbatorische Handlung 
bezog, die er vor einigen Jahren begangen hatte. Er war außerstande mit den 
Jungen streng zu sein, denn sie „werden sich eines Tages gegen mich wenden 
und mich meiner Sünden anklagen". Er war durch sein Gefühl der Nichts- 
würdigkeit und dadurch, daß er die Jungen zu seinen Richtern machte, unfähig, 
in seiner Klasse genügend Disziplin zu halten. Dieser Fall unterscheidet sich 
von den zwei ersten nicht nur dadurch, daß das Schuldgefühl bewußt war, 
sondern auch dadurch, daß die eigene kritisierende Einstellung auf die Kinder 
projiziert wurde. 

Diese drei Fälle sind ziemlich krasse und ungewöhnliche Beispiele für die 
Wirksamkeit von Mechanismen, die bei allen Lehrern am Werke sein dürften. 
Das Ich versucht, die inneren Konflikte zwischen den Triebregungen und den 
verurteilenden Kräften in die Außenwelt zu verlegen. Beim Lehrer finden sie 
hierfür in der Schule einen geeigneten Schauplatz vor. Die Schüler spielen 
dabei vielerlei Rollen: 

Ebenso wie die Triebregungen oder die verurteilenden Tendenzen des 
Lehrers auf die Schulkinder übertragen werden, stellen die Schüler auch die 
Objekte dar, an denen die sadistischen und erotischen Regungen sich abspielen, 
und Konflikte bezüglich dieser werden zu entsprechenden Schwierigkeiten beim 
Unterrichten führen. So hatten z. B. für die oben erwähnte Lehrerin die Schul- 
kinder die Bedeutung der eigenen gewünschten Kinder angenommen, aber ebenso 
wie sie selbst in Wirklichkeit keine Kinder haben durfte, hielt sie sich auch in der 
Schule die Kinder vom Leibe. 

Die Erziehung hängt also weitgehend von den unbewußten Konflikten ab; 
zu strenge Disziplin, wie das Fehlen von Disziplin überhaupt werden durch 
unbewußte Motive bestimmt. Der gleiche Mechanismus der Projektion, indem 
die verdrängten kindlichen Wünsche auf die Kinder verlegt werden, spielt ver- 
mutlich bei allen Lehrern eine Rolle. Der erfolgreiche Lehrer unterscheidet 
sich aber von den hier besprochenen darin, daß sein Schuldgefühl nicht so 
übermäßig stark, und er weniger streng zu seinen kindlichen Wünschen ist. 
Dem entsprechend wird er auch mit den Kindern weniger streng sein, dennoch 
gleichzeitig fähig sein, sie im Zaum zu halten. Er stellt sein Über-Ich zufrieden, 
indem er, wie er es auch mit seinen Triebregungen versucht hat, die Kinder 

seinem Ich-Ideal annähert. 

(Übersetzt von Dr. M. Schinideberg.) 



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Das Strafen aus analerotischen Motiven 

Von Dr. E. Hitschmann, Wien 

Die Hervorhebung der Bedeutung sadistischer Triebregungen in dieser 
Sammlung von Aufsätzen zum Thema Strafen soll hier ergänzt werden 
durch die Besprechung der Beziehungen zu den analerotischen Triebregungen 
und ihren reaktiven Charakterzügen. 

Hätten wir nicht gelernt, tiefere, organische und entwicklungsgeschicht- 
liche Notwendigkeiten hinter solchen Erfahrungstatsachen zu vermuten, wie 
es die Zusammengehörigkeit von Sadomasochismus und Analerotik ist — , man 
wäre geneigt, die besondere Gemeinschaft dieser beiden Triebregungen leb- 
haft zu bedauern und sie als von einander abhängig zu verstehen, da die 
frühe, allzufrühe oder -strenge Erziehung zur Reinlichkeit soviel zu 
Wut- und Trotzregungen und Strafen beiträgt. 

Es ist eine Tatsache, daß der Akt der Defäkation während des ersten 
Lebensjahres eines der beiden großen Lebensinteressen des Säuglings 
ausmacht, und daß gewisse Charakterzüge durch das Auftreten sexueller 
Erregungen der Afterzone in der frühesten Kindheit tiefgreifende Verände- 
rungen erfahren können. (Freud, Jones, Abraham u. a.) 

Aggressionstrieb und analer Trieb sind allgemein menschliche Regungen, 
es wird sich also hier nur um die gesteigerten Erscheinungen 1 handeln; 
überdies sei gleich hier auf die Vererbbarkeit hingewiesen, die ver- 
schärfend wirkt. Der Strafer begegnet bei seinen Erziehungsobjekten beson- 
ders ungern aus seiner Jugend mehr oder weniger erinnerten Schwächen 
und reagiert umso ärgerlicher auf solche. Der pedantisch-überreinliche geizige 
Analcharakter straft besonders gerne wegen schmutzlustiger oder ver- 
schwenderischer Verbrechen. Sind wir gewohnt, beim Pädagogen aus 
Neigung verdrängte sadistische Regungen nachzuweisen, so möchte ich 
hier das Bild der extrem „seriösen Persönlichkeit", der „ausgeprägten 
Individualität", wie wir ihm an Pädagogen und wichtigtuerischen Eltern 
begegnen, von der analen Seite her darstellen. Der „Charakter" im 
prägnanten Sinne — und den halten doch viele für den besten Erzieher — 
zeigt von dort herstammend: Entschlossenheit, Strenge und Hartnäckigkeit, 
Ordnungsliebe und Pedanterie, Sparsamkeit oder jeder leichtsinnigen Geld- 
ausgabe abholden Geiz. Die Paare Grausamkeit und Geiz, Härte und Über- 
ernst ergeben eine böse Sorte von Strafern altmodischer Art. Herrschsucht 
und Reizbarkeit, Engherzigkeit und Kleinlichkeit, die Unfähigkeit, zu „leben 
und leben zu lassen", zu escomptieren, — dies sind extremere Züge aus analer 
Quelle; geeignet, den Erziehungsobjekten das Leben schon durch das Milieu 
und überdies noch durch Strafen zu verbittern. Solche extrem harte Persönlich- 

i) Vgl. Hitschmann „Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei einem 
Kinde". Int. Zeitschx. f. Psychoanalyse I (1913). 

— 304 — 



i 



keiten sind schon durch ihre Anwesenheit eine Strafe für ihre Anbefohlenen- 
ihr unbeirrtes, un überzeugbares Beharren läßt z. B. dem Bedürfnis des 
Kindes, sich seinen Selbstwert noch durch einige wenige Wiederholungen 
des Verbotenen zu beweisen, keinen Platz. Die Strafe wird dann unentrinn- 
bar wiederholt und der Masochismus des bockigen Kindes nicht verstanden. 
Während eine Beihe von Geizigen im eigenen Kinde das Wesen 
haßt, das sie Geld kostet — sind doch schon Kinder aus diesem Motiv 
bis zu Tode gemartert worden unter der Vorgabe des Strafens — , so sind 
andere von der analen Veranlagung Beeinflußte besonders zärtlich gegen 
die Kinder, in denen gerade die „Reinheit auf sie wirkt: Die Über- 
reinlichkeit des Analcharakters hat ja auch besondere Vorliebe für Unschuld 
und Reinheit. Alles Sexuelle ist für sie von vornherein etwas Unsauberes, 
Strafbares und Bekämpfenswertes. Selbst wo sie zärtlich lieben, ist ihre 
tyrannische Herrschsucht unerträglich, die nicht die geringste Unabhängig- 
keitsregung duldet. Die Zärtlichkeit hält nur solange an, als der Zögling 
unterwürfig bleibt; auch was die Gefühle anlangt, besteht Geiz. 

Diese hier geschilderten anal charakterisierten Elternpersönlichkeiten und 
Erzieher haben überdies den Fehler, daß ihr Eigensinn unüberzeug- 
b a r ist; sie verhalten sich prinzipiell gegen die Methoden anderer ablehnend, 
natürlich auch gegen die Lehren der Psychoanalyse. Und doch werden sie vom 
neuen Geist der Erziehung für immer weggefegt werden! 

Der sadistische Analcharakter des Erziehers und Vaters richtet viel Un- 
heil an. Vor allem gehen sie auch von dem Grundsatz aus, das Kind dürfe 
es nicht besser haben als sie selbst in ihrer Jugend, nicht mehr 
Geldmittel, nicht mehr Freiheit und Genuß und — nicht weniger Prügel. 
Wenn doch ein Vergnügen, das Geld kostet, gestattet wird, so m u ß 
es kompensiert werden, etwa durch ausnahmsweises mehrstündiges 
Klavierüben. Ist man selbst auch zu Geld gekommen, so sollen es die 
Kinder nicht wissen, sollen — die Unnützen — schlecht gekleidet gehen. 
Sadisten sind oft sehr von Angst erfüllt: war das Kind wieder einmal 
Ursache einer Ängstigung, so wird es unwillkürlich dafür bestraft. Die Zeit, 
in der das Kind dem Erwachsenen gleich gekleidet wird, z. B. die der 
langen Hosen, wird möglichst hinausgeschoben; der Zeit des größeren 
Taschengeldes, das zur Loslösung von zuhause nötig werden könnte, 
wird mit Angst entgegengesehen. 

Sexuelle Nöte werden auch aus solchen Gesichtspunkten gerne über- 
sehen; die Onanie ist billiger als die Dirne, die Dirne billiger als eine 
Freundin. Werden nicht Rebellen aus den so Erzogenen, so sind es Neu- 
rotiker, Gehemmte, Zerbrochene, auch Verschwender aus Bache. So strafen 
oft die Kinder ihre falsch erziehenden Eltern. 

Der Anale will ungestört sein und die Kinder sind ihm eine Stö- 
rung. Daher werden die Kinder abseits gehalten, was sie oft als Strafe 
empfinden. Der Anale kann nicht rein einer Freude, einer freien Stunde, 
den Ferien leben: er „kann es sich nicht leisten". Er kann auch seinen 



Zeitschrift f. psa. Päd. V/8/9 305 



22 



Kindern oder Zöglingen nie wirkliche Freude, wirklich sorglose Ferien ge- 
statten. Es darf auch keine Stunde ohne Erziehen verlaufen! Er legt als 
Pedant und Schätzer von allem, was schwarz auf weiß ist, den größten 
Wert auf den Inhalt der Zeugnisformulare und den Notengrad 
in den Schulen; ist geneigt, spezielle Begabungen zu übersehen und ihnen 
eher Schwierigkeiten im Ausleben zu machen, wenn es „auf Kosten" anderer 
Noten geschieht. Was dem Analen abgeht, ist vor allem der vom Ernst des 
Lebens erlösende Humor, die Generosität, die Zügel nachzulassen für 
eine Weile, die menschlich so annähert und Milderung aufblühen läßt, 
so daß das Strafen nicht nötig ist. Der bedeutsamste Hinweis ist wohl der 
auf die Entstehung des Trotzes im Zusammenhang mit der Qualität. Trotz 
ist passag^res Rechtbehaltenwollen, Abbruch der Unterhandlungen, Er- 
wartung von Repressalien. Er zeigt etwas vom Spreizen der Stacheln 
des Igels und vom Totstellen des Käfers. Wie hat der Erzieher auf den 
ersten frühen Trotz zu reagieren? Mit Verstehen und liebevollem 
Ignorieren. Trotz muß man vom Anfang an verpuffen lassen, ihn durch 
Ablenkung auf ein anderes Thema — enttäuschen. Die Energie des 
trotzigen Verhaltens des Kindes darf nicht durch Gegentrotz erhöht und 
angehäuft werden. Sie soll durch Verzeihen, Übersehen — hier überflüssig 
erscheinen und anderswo verwendet werden. Der Trotz des älteren, um 
seine Selbständigkeit ringenden Kindes soll nicht verkannt, sondern an- 
erkannt werden. 

In den Anamnesen unserer neurotischen Patienten und in den be- 
kannten Schläge-Phantasien sehen wir immer noch auftauchen jenes 
Bild wahrhaft mitteralterlicher Züchtigung: das straf- 
fällige Kind hat auf die Züchtigung zu warten; es hat dann zur grö- 
ßeren Demütigung sich selbst auszukleiden, den Sessel zu holen und sich 
über ihn zu legen. Seine Hinterbacken müssen für die Prügel entblößt 
sein ; hier zeigt sich der anale Anteil klar. Der akademisch gebildete Patient, 
den ich neulich als Opfer solcher Prügelei sah, hat sich in drei- 
jähriger Ehe vollständig impotent erwiesen und seine hysterische Frau noch 
kränker gemacht. Sein Sexualleben besteht seit der Pubertät in Selbstbefrie- 
digung mit der Phantasie, daß jene Gouvernante seiner Kindheit ihn auf 
das nackte Gesäß schlägt. Ein kleinmütiger Pantoffelheld, eine fügsame 
Beamtennull, voll heimlicher Schuldgefühle — so lebt er sein zerstörtes 
Leben; durch die Verschlimmerung im Befinden seiner Frau erst gezwungen, 
wandte er sich an die Psychoanalyse, die alle Schwierigkeiten hat, den Maso- 
chisten zum Mann zu machen. Neben den bettnässenden Kindern sind wohl 
die sich mit Stuhl beschmutzenden, auch bis in vorgeschrittene lahre 
davon nicht befreiten die am meisten, ungeduldig und unter Beschämung Be- 
straften. Immer wieder wird vergebens an ihren Willen appelliert. Erst die 
Psychoanalyse hat das Triebhafte dieser „Unarten" nachgewiesen und Wege 
gezeigt, wie ihnen rationell zu steuern ist. Liebevolle Energie, geduldiges 
Verstehen sind die Hauptgesichtspunkte. Nicht selten muß psychoana- 

- 306 — 



lytische Pädagogik oder gar längere Psychoanalyse angewendet 
werden. Der psychopathologische Aufbau über verstärkter analeroti- 
scher Veranlagung und überdies verfehlten Erziehungsmaßregeln da- 
gegen, ist recht kompliziert. Abgesehen von der bekannten Charaktertrias 
von Trotz, Pedanterie und Geiz, die als Reaktion auf Analerotik sich aus- 
bildet, muß erwähnt werden, daß die Erziehung, welche vom Kinde neben 
der Reinlichkeit eine strenge Regelmäßigkeit in den Entleerungen fordert, 
seinen Narzißmus verletzt. Es wird entweder brav und allzu stolz auf diese 
Bravheit, oder aber es bleibt hinter der Folgsamkeit (besonders nach strengen 
Strafen) Rachsucht und Rebellion verborgen weiterbestehen. Das kleine 
Kind will sich gerade bei der Stuhlentleerung sein Selbstbestimmungsrecht 
zunächst nicht nehmen lassen. Zeigt doch der Trotz physiognomisch 
ein Bild, das dem des krampfhaft seine Entleerung zurückhaltenden Kindes 
überaus ähnelt. 

Ein allzu strenges, vom Erzieher übernommenes Uber-Ich gibt mit 
die Basis zur Entstehung der Zwangsneurose. Abraham be- 
schreibt eine Patientin, die sich in einem steten Konflikt zwischen be- 
wußter Nachgiebigkeit, Resignation und Opferbereitschaft auf der einen, 
und unbewußter Rachsucht auf der anderen Seite befand. Als Kind war 
sie auffallend fügsam geworden, nachdem die Mutter — neuerlich schwanger 
geworden — von dem Kinde früher, als sonst üblich, Folgsamkeit in der 
Verrichtung der Bedürfnisse verlangt hatte und die Wirkung der Worte 
jedesmal durch einen Schlag auf den Körper des Kindes unterstützt hatte. 
Jones hat als erster auf die Bedeutung hingewiesen, welche die frühe er- 
zieherische Einmengung in die analerotische Betätigung für die Entste- 
hung des Hasses hat ; wahrscheinlich jedes, gewiß aber hartnäckiges 
Strafen muß hier schweren Schaden stiften. Zugegeben muß werden, daß 
das Herumschmieren mit dem Kote und die ersten Versuche, mit demselben 
plastische Bildungen zu machen, dem Erzieher große Geduld zumuten. Ich 
erwähne den Fall eines „geborenen Bildhauers", dem durch von 
denkenden Eltern zum Ersatz beigestelltes Plastelin die Sublimierung seines 
analen Triebes gelang. 1 

Strafen und Verbote gegen die normale genitale Onanie lassen die 
lustvolle Aftererregung eher bevorzugen und intensivieren. Es muß hier 
gesagt werden, daß die „normale" Onanie des Knaben an seinem 
Gliede viel eher gestattet werden soll, als der Mißbrauch der analen: 
Denn bei dieser handelt es sich um Förderung weiblicher und homo- 
sexuell gerichteter Tendenzen des Knaben. Das Fortschreiten zur 
genitalen Sexualorganisation aber soll ungestört stattfinden und 
gestattet die entsprechende Überwindung der anal-sadistischen prägenitalen 
Organisation. Nicht den Trotz fördernde Strafen sind hier 
am Platze. Eine gesteigerte Analerotik soll nicht mit analen Eingriffen, 

j) Vgl. Hitschmann: „Ein geborener Bildhauer". Ztschr. f. psa. Pädag., III 
(1929) H. 14/15- 



- 307 - 



22* 



wie Klystieren u. dgl. verschärft werden; Verstopfung ist am besten 
nur diätetisch zu bekämpfen. 

Zur Vermeidung von Neurosen und Charakterverbildungen hat die Er- 
ziehung nicht sosehr dem Aggressionstrieb (Todestrieb) nachzugeben und 
mit Haß, Gewalt, Überwindung zu arbeiten, als vielmehr mit Liebe, Ge- 
duld, Nachsicht, Humor und Verstehen. 

Psychoanalytisches Wissen aber ist der beste Wegweiser. Und die Psycho- 
analyse des Erziehers ist das beste Vorbeugungsmittel gegen die hier be- 
schriebenen Irrwege der Erziehung. 



Zur Psychologie des Strafens 

Von Dr. Melitta Schmideberg, Berlin 

Im allgemeinen wird bei dem Problem der Strafe untersucht, inwieferne 
sie die erwünschte Wirkung erzielt. Ich möchte im folgenden eine 
andere Seite des Problems erörtern, nämlich was für unbewußte Motive 
den Erzieher zum Strafen veranlassen. Bernfeld hat darauf hingewiesen 1 , 
daß die Erziehung nicht nur rationellen Zielen dient, sondern daß sich 
in ihr häufig die feindselige Einstellung der Väter den Söhnen gegenüber 
durchsetzt. Diese feindliche Einstellung der Väter den Söhnen gegenüber 
wird, wie Reik ausgeführt hat 2 , dadurch bestimmt, daß der Sohn un- 
bewußt für den Vater die Bedeutung des eigenen wiedergekehrten Vaters 
annimmt, und daß auf ihn der dem Vater geltende Haß übertragen wird. 
Dies findet man in den Analysen vieler Männer bestätigt. Häufig wird 
ihre Einstellung zu Untergebenen, Kindern oder jüngeren Menschen dadurch 
bestimmt, daß sie sich an ihnen für die vom Vater erlittene Unbill rächen 
wollen. Mit diesem Wunsch wechselt meistens der Vorsatz ab, die Jüngeren 
besser zu behandeln, als der Vater sie selbst behandelte. In einem 
von mir beobachteten Fall hatte ein Junge, der von seinem Vater eine 
Ohrfeige erhielt, sofort seinem jüngeren Bruder eine gegeben; dieser ließ 
seine Wut am Hund aus. — Ein neunjähriger Junge spielt in der 
Analysenstunde, daß er der Lehrer oder der Vater ist, ich muß das Kind 
darstellen. Er behandelt mich dabei grausam, schimpft, will mich schlagen 
und bestrafen. Es geht hervor, daß er sich für alles, was er dem Lehrer 
und dem Vater übelgenommen hat, an mir rächen will. Aber er benimmt 
sich noch viel strenger als der wirkliche Vater ; denn mit seinem Verhalten 
will er nicht nur die Strenge des Vaters vergelten, sondern sein ganzer 
unbewußter Haß dem Vater gegenüber kommt darin zum Ausdruck. In 

1) Bernfeld: Sisyphus. 1925. 

2) Reik: Zur Genese der Vergeltungsfurcht. In: „Das Ritual". 

— 308 — 



dem Maße, wie in der Analyse sein Haß dem Vater gegenüber sich ver- 
ringert, spielt er immer mehr die Rolle eines guten und freundlichen 
Vaters, der dem Kinde hilft. So verbessert die Verringerung des Hasses 
dem Vater gegenüber auch das Verhältnis zum zukünftigen Kinde. 

Die Feindseligkeit des Vaters oder des Erziehers setzt sich vor allem 
bei der Bestrafung der Kinder durch. Doch scheint es, daß die Fehler des 
Kindes mehr als einen bloßen Vorwand zur Härte bedeuten. Ich habe 
einen kleinen Jungen analysiert, der durch sein ungewöhnlich schlimmes 
und unruhiges Wesen meinen anderen Patienten — die vor oder nach ihm 
kamen — unangenehm auffiel. Diese erwachsenen Patienten äußerten einen 
starken Widerwillen gegen ihn, den sie vorwiegend moralisch begründeten. 
Sie malten sich aus, was dieser Junge alles anstellen könnte, wenn man 
ihn allein läßt, z. B. stehlen, verschiedenes zerstören, an fremden Türen 
klingeln usw. In der Analyse dieser drei Patienten ergab sich, daß die 
unerlaubten Handlungen, die sie dem kleinen Jungen zuschrieben, ihre 
eigenen verdrängten oder unterdrückten kindlichen Wünsche waren, und 
daß der Widerwille gegen den Jungen, der so etwas tun könnte, der Ver- 
urteilung ihrer eigenen Wünsche entsprach. Nachdem wir das analysiert 
hatten, nahmen diese Patienten dem kleinen Jungen gegenüber eine 
wesentlich nachsichtigere Einstellung ein, obzwar er sie noch weiterhin 
gestört und belästigt hat. 

Ein zwanzigjähriger Patient, der stark asozial und ungewöhnlich streit- 
lustig war, verfolgte einen anderen gleichaltrigen Jungen mit starkem Haß. Er 
warf ihm immer wieder vor, wie unverträglich er sei, wie er alle störe, alles 
kritisiere und dabei nicht einmal im Heim, in dem sie lebten, zahle. Da- 
zwischen kam ihm der Gedanke, daß gerade er, der auch nicht besser 
gewesen sei, dies einem anderen nicht vorwerfen dürfe. Ich konnte ihm 
nachweisen, daß er den anderen Jungen darum so stark verurteilte, weil 
er sich selbst verurteilte. Angeblich hatte er wegen seines asozialen Ver- 
haltens gar kein Schuldgefühl, und es kam in der Analyse erst in dieser 
Form, in der Verurteilung des anderen Jungen, zum Vorschein, zugleich 
mit der Erinnerung, daß er an sich selber die Forderung gestellt hatte, 
er dürfe nichts kritisieren, da er doch nichts zahle. (Er war bei Fremden 
aufgewachsen.) Diese Forderung seines Ich-Ideals, — der er allerdings nicht 
nachgekommen war, — kam auch in seinen Vorwürfen dem anderen Jungen 
gegenüber zum Vorschein. Es ließ sich überhaupt zeigen, daß ein großer 
Teil seiner Aggression und Kritik eigentlich Selbstkritik und Selbstvorwürfe 
waren, die ihm aber nicht als solche bewußt wurden, sondern die er auf 
andere Menschen verlegte. Nachdem wir das analysiert hatten, änderte er 
auch sein Verhalten dem anderen Jungen gegenüber, meinte nun, er sei 
krank und er wolle dafür sorgen, daß er behandelt werde. 

Es scheint, daß ein Erzieher, wenn er Fehler seiner Zöglinge hart be- 
straft, damit den Forderungen seines Über-Ichs nachkommt und durch die 
Strafe seine eigenen verbotenen Wünsche — die die Kinder ausführen — 

- 309 — 



bekämpft. Die übermäßige Strenge eines Erziehers dürfte also aus dem 
Ödipuskomplex stammen, indem er am Kind den seinem Vater geltenden 
Haß ausläßt; diese Äußerung seines Hasses wird von seinem Über-Ich ge- 
stattet, weil das schlimme Kind, das er straft, die Verkörperung seiner eige- 
nen verbotenen Regungen darstellt und quasi zu seinem Prügelknaben wird. 
Wenn so der Haß gegen den Vater und die Strenge des Über-Ichs zu 
einer harten, ungerechten Behandlung der Kinder führen können, so re- 
sultieren häufig aus der gleichen unbewußten Schwierigkeit auch die ent- 
gegengesetzten Fehler. Wenn der eigene unbewußte Haß dumpf empfunden 
und ängstlich abgewehrt wird, kann dies eine Lähmung der Aktivität 
zufolge haben, weil man nicht die Stelle des Vaters einnehmen und nicht 
die Rolle einer Autorität den Kindern gegenüber spielen darf. Der Patient, 
von dessen aggressivem Verhalten ich vorhin berichtet hatte, meinte einmal : 
Jemand, der gar keine Autorität anerkennt, kann auch selber nie eine 
Autorität werden. Mit anderen Worten ausgedrückt, der starke Haß dem 
Vater gegenüber kann dazu führen, daß man selber nicht die Rolle des 

Vaters spielen darf. 

Diese Einstellung wird beim Erzieher oft noch dadurch verstärkt werden, 
daß er sich mit dem Kind, das verbotene Sachen macht, aus eigenen 
ähnlichen Wünschen identifiziert; das Gefühl, selber nicht besser als das 
schlimme Kind zu sein, wird ihn hindern, das Kind zu tadeln oder zu 
strafen. Dieses unbewußte Schuldgefühl kann manche Menschen sogar an 
einer berechtigten Notwehr hindern. 

Die Strenge des Über-Ichs und die Stärke des Ödipuskomplexes 
können ebenso zur ungerechten Strenge wie zur Schwäche des Erziehers 
führen. Eine wirklich sachliche, der gegebenen Situation entsprechende, 
der Entwicklung des Kindes günstige Einstellung wird nur der Erzieher 
einnehmen können, der durch seine eigenen Schwierigkeiten nicht zu 
sehr gehindert ist. 



Zur Dynamik der durch die Strafe ausgelösten 
psychischen Vorgänge 1 

Von Dr. Melitta Schmideberg, Berlin 

Eine Aufgabe jeder Erziehung ist es, beim Kinde Verzicht auf Trieb- 
befriedigung und die Erfüllung von Forderungen, denen es nur ungerne 
nachkommt, zu erzielen. Diese notwendige Anpassung wird im wesentlichen 
durch zwei Mittel, die schon seit uralter Zeit angewendet werden, — in 

1) Die Zahlen im Text beziehen sich auf das Literaturverzeichnis am Schluß des 
Aufsatzes. 

— 310 — 



besserer oder schlechterer Weise — erreicht: Strafe und Belohnung. 
Sie kommen in verschiedenen Modifikationen und Abstufungen zur An- 
wendung, die Strafe als körperliche Züchtigung, als Entziehung von etwas 
Lustvollem, als Liebesentzug, als Drohung, als Tadel, die Belohnung als 
Liebkosung, Geschenk, Lob usw. Nach der allgemeinen Auffassung ist die 
Strafe ein wirksameres Erziehungsmittel als die Belohnung. 

Mit der Erklärung des psychischen Vorganges, durch den die Strafe ihre 
Wirkung erzielt, hat man sich in voranalytischen Zeiten wenig befaßt. Die 
übliche Annahme war, daß das Kind die Strafe fürchtet und brav wird, 
um eine Wiederholung zu vermeiden, daß die Strafe also durch Abschreckung 
wirkt. Dieser Meinung widerspricht Gr o d de ck (12). Er meint, das Kind 
„lechze" nach Strafe aus Masochismus; nach erhaltener Strafe sei es brav, 
zufrieden, zuweilen zärtlich, weil sein Masochismus befriedigt sei. Diese 
Ansicht wird durch Alexander (2) ergänzt 1 . Er weist auch auf die Bolle 
des Masochismus hin, legt aber das Hauptgewicht auf die Befriedigung des 
Schuldgefühls. Häufig ermöglicht die Strafe die Sünde, indem das Kind 
durch die Strafe das Becht auf Schlimmheit erkaufe. Die Auffassung von 
Melanie Klein (15) befaßt sich weniger mit der spezifischen Wirkung 
der Strafe, sondern erklärt die übermäßige Beaktion des Kindes darauf. Sie 
meint, daß die der geringen Härte der Strafe oft nicht adäquate Wirkung 
der Strafe dadurch zustande kommt, daß durch die aktuelle Versagung die 
früheren, ersten Versagungen, vor allem die der Entwöhnung und der 
Reinlichkeitsgewöhnung aktiviert werden. 

Wenn wir zunächst die vierte Ansicht, die sich nicht mit der spezifischen 
Wirkung der Strafe, sondern mit der Versagung im allgemeinen befaßt, beiseite 
lassen und nur die anderen drei vergleichen, so müssen wir feststellen, daß 
sie einander in verschiedenen Punkten widersprechen. Während die übliche 
Annahme besagt, daß die Kinder die Strafe fürchten, meinen Groddeck (12) 
und Alexander (2), daß sie sie wünschen. Indem aber Groddeck annimmt, 
daß das Kind nach erhaltener Strafe brav wird, stimmt er mit der allge- 
meinen Auffassung überein, widerspricht aber der Ansicht von Alexander. 

Es lassen sich für die Richtigkeit jeder dieser — einander wider- 
sprechenden — Auffassungen Beweise bringen. Die allgemeine Auffassung, 
daß das Kind die Strafe fürchtet und sie zu vermeiden trachtet, beruht 
auf einer alltäglichen Beobachtung, und die Strafe wäre wohl auch nicht 
so lange Zeit hindurch als Erziehungsmittel angewendet worden, wenn sie 
nicht in den meisten Fällen das erwünschte Resultat — die Bravheit des 
Kindes — erzielt hätte. Die Bichtigkeit der Behauptung Groddecks, daß 
die Strafe eine masochistische Befriedigung bietet und deshalb provoziert wird, 
bestätigen viele Psychoanalysen; das bekannteste literarische Beispiel dafür 
steht in den „Confessions" von R o u s s e a u (14). Der Mißbrauch des Ablasses 
im Mittelalter scheint mir ein deutlicher Beweis für die Auffassung Alexan- 



1) Vgl. auch Reik: „Geständniszwang und Strafbedürfnis", 1925. 

— 311 - 



ders; die für die begangenen wie für die zukünftigen Sünden erhaltene Strafe 
erlaubte ein skrupelloses Sündigen. Ähnlich erzählt Rousseau, wie er sich 
durch die harte Behandlung seines Lehrherrn berechtigt fühlte zu stehlen; da 
er ohnehin so häufig bestraft wurde, brauchte er sich keine Gewissensbisse zu 

machen (14). 

Es scheint also, daß keine der hier angeführten Ansichten falsch ist, 
sondern daß sie verschiedene Seiten des durch die Strafe ausgelösten Vor- 
ganges beschreiben. Die populäre Auffassung betrachtet die Wirkung nur 
vom Standpunkt des Ichs, das, der Realität angepaßt, die Unlust 
der Strafe zu vermeiden trachtet, während Groddeck die libidinöse 
Komponente, die masochistische Befriedigung hervorhebt, und 
Alexander die Rolle des Schuldgefühls, also die Wirkung des 
Über-Ichs würdigt. Die verschiedenen Wirkungen der Strafe scheinen 
verschiedene Ausgänge des durch die Strafe ausgelösten Vorganges zu sein, 
der sich oft nachhaltig auf das ganze Leben auswirkt. 

Versuchen wir den durch die Strafe ausgelösten Prozeß dj r namisch zu 
verstehen: Die Strafe bewirkt absichtlich Unlustgefühle und weckt dadurch 
Haß. Die Wirkung der Strafe scheint vom Schicksal dieses 
Hasses bestimmt: darf dieser Haß bewußt werden, weil er durch die 
erlittene Strafe gerechtfertigt erscheint, wird das Kind rebellisch. Meistens 
kann der Haß aber nicht ertragen werden, weil er zu stark ist, und er 
muß verdrängt werden. Daß dieser Ausgang der häufigere ist, dürfte dadurch 
zustande kommen, daß der durch die Strafe ausgelöste Haß den tieferen 
verdrängten, aus dem Ödipuskomplex stammenden Haß aktiviert. Dadurch, 
daß die durch die Strafe verursachte Versagung die früheren Versagungen 
aktiviert (Klein, 13), wird zugleich der Haß geweckt, der diese frühen 
Versagungen begleitet hat. Dieser Vorgang wird noch dadurch verstärkt, 
daß die strafende Person ein Elternteil oder ein Elternersatz ist, also die 
Person oder deren Imago (Ersatz), von der auch die früheren Versagungen 
ausgingen. 

Der plötzlich auf diese Art geweckte Haß ist meist so intensiv und 
wird als so unerträglich empfunden, daß das Kind sich seiner nur durch 
Verdrängung erwehren kann. Der verdrängte Haß muß durch Liebe über- 
kompensiert werden, und so wird das bestrafte Kind brav und folgsam, 
unter Umständen sogar zärtlich und liebebedürftig, um sein Schuldgefühl 
wegen seines unbewußten Hasses zu beruhigen. Zweifellos gewährt die 
Strafe auch masochistische Befriedigung; diese wird jedoch bei den meisten 
Kindern nicht ausreichend sein, um die Strafe zu provozieren. Erst durch 
die Strafe wird das Kind in die masochistische Einstellung gedrängt, indem, 
wenn der Haß verdrängt wird, der Sadismus leicht in Masochismus 
umschlägt und das Kind die masochistische Lust dann als Prämie empfindet, 
die ihm hilft, in der passiven Einstellung — wenigstens zeitweise — zu 
verharren. Im allgemeinen möchte ich annehmen, daß, wenn das Kind 
die Strafe provoziert, es dies tut, um sich seines Sadismus zu erwehren. 

- 312 - 



Durch die Strafe wird das Schuldgefühl befriedigt, ein gewisser Grad von 
Haß gerechtfertigt, und die durch die Strafe gebotene masochistische 
Befriedigung hilft dem Ich den Sadismus zu bewältigen. 

Die Strafe spielt also die Rolle eines „Agent provocateur"; sie 
verstärkt die Verdrängung auf indirektem Wege, indem sie durch 
die absichtlich zugefügte Unlust so intensive Haßgefühle hervorruft, 
daß das Ich des Kindes sich ihrer nur durch Verdrängung erwehren kann. 
Freud hat im „Unbehagen in der Kultur ausgeführt (7), daß „äußere 
Versagung die Macht des Gewissens im Über-Ich so sehr fördert" (S. 104), 
daß die Versagungen des Schicksals — einer Elterninstanz — als Strafe auf- 
gefaßt werden, und daß jeder Triebverzicht die Strenge und Intoleranz des 
Gewissens steigert. Ferner: das Gewissen sei im Anfang entstanden durch 
die Unterdrückung einer Aggression und verstärke sich im weiteren Verlauf 
durch neue solche Unterdrückungen (S. 110). Dadurch, daß die Strafe eine 
solche Unterdrückung der Aggression verursacht, wirkt sie sich in den 
meisten Fällen dahin aus, daß die Strenge des kindlichen Gewissens 
gesteigert wird. 

Jede Strafe weckt durch die absichtlich zugefügte Unlust Haß. Wie stark 
der Haß ist, den die körperliche Züchtigung auslöst, läßt sich daraus 
ermessen, daß im Erwachsenenalter ein Schlag als eine „tötliche Beleidigung 
empfunden wird, die sich nur „durch Blut abwaschen läßt. Diese über- 
mäßige Reaktion entstammt sicher der Kindheit, in der der Haß wegen 
einer Züchtigung mühsam unterdrückt werden mußte. Manche Strafen 
lösen außer dem Haß noch Reaktionen anderer Art aus. Das Wesen 
gewisser Strafen besteht darin, daß sie eine sonst gestattete Lust entziehen ; 
das ist der Fall z. B. beim Essens- oder Liebesentzug. Die Befriedigung 
hat neben ihrer ursprünglichen Funktion, den Lusthunger des Individuums 
zu sättigen, im seelischen Haushalt noch eine sekundäre angenommen, 
nämlich die, den Verzicht auf primitive Wünsche zu ermöglichen. Sachs 
hat nachgewiesen (15), daß bei den Perversionen diese sekundäre Funktion 
— die Abwehr des Ödipuskomplexes — , die ursprüngliche Funktion, die 
Lustbefriedigung bestimmter Partialtriebe, bedeutend verstärkt hat und 
deshalb vom Über-Ich als Bundesgenosse zur Abwehr des Ödipuskomplexes 
geduldet wird. Auch beim Normalen ist dieser Prozeß — in geringerem 
Grade — ausgebildet, so erhält z. B. die primäre Homosexualität eine 
bedeutende Verstärkung durch die Überkompensierung des Hasses au« 
der Ödipuseinstellung. 

Das seelische Gleichgewicht beruht auf einem Kompromiß von Triebver- 
zicht und Triebbefriedigung; bestimmte verpönte Wünsche werden aufge- 
geben und andere werden in einer vom Über-Ich gestatteten Form befriedigt. 
Wenn diese vom Über-Ich gestattete Befriedigung aus äußeren Gründen unter- 
bleiben muß, wird das seelische Gleichgewicht erschüttert. Dieser Vorgang zeigt 
sich deutlich bei jenen Neurotikern, die an einer Versagung erkranken. 
Sie erkranken nicht einfach an der Entbehrung, also an der fehlenden 

-313 - 



Lust, sondern wie Freud nachgewiesen hat (8), daran, daß die fehlende 
normale und gestattete Befriedigung die Libido zu Regressionen treibt, die 
das Über-Ich verpönt. Dieser Kampf wird zur Ursache der Neurose, während 
die reale Versagung nur den auslösenden Anlaß darstellt. 

Einen ähnlichen Konflikt löst die durch die Strafe verursachte Entziehung 
von Lust aus. Wenn das Kind zur Strafe kein Essen erhält, werden sonst 
latent bleibende kannibalistische Wünsche in starkem Maße geweckt. Bei 
der Bestrafung durch Liebesentzug fällt z. B. die Befriedigung, die das 
Kind durch die Liebe des andersgeschlechtlichen Elternteiles erhält, weg; 
dadurch wird die Verarbeitung des Ödipuskomplexes, die auf dieser 
Befriedigung beruhte, erschüttert, und es besteht die Gefahr, daß die 
ursprünglichen Ödipuswünsche wieder zum Vorschein kommen. Gegen 
diese Gefahr setzt sich das Über-Ich zur Wehr, und der häufigste Ausgang 
dieses Kampfes ist dann eine vermehrte Verdrängung. Auf diese Weise 
kann die Strafe, indem sie Haß weckt, wie auch indem sie die sonst 
gestattete Lust entzieht, verbotene Regungen hervorrufen, die vom Über- 
Ich bekämpft werden. Auf diesem Umwege würde die Strafe die vermehrte 
Verdrängung herbeiführen. 

Die Wirksamkeit eines Partialtriebes kann von außen her auf zwei 
Arten gesteigert werden: 1) Durch Absperrung der normalen Befriedigung 
regrediert die Libido zu früheren Triebzielen. 2) Die latenten Wünsche 
werden durch Annäherung eines ihnen entsprechenden Triebzieles verstärkt. 
Wenn sich das Über-Ich gegen die latenten Wünsche wehrt, wird aber die 
Annäherung an ein solches Triebziel als unlustvoll empfunden. Je mehr 
der Kampf um eine bestimmte Triebregung noch schwankt, je unent- 
schiedener noch der Konflikt ist, umso heftiger wird die Reaktion auf eine 
Situation sein, die an „komplexbetonte" Dinge rührt. Von australischen 
Häuptlingen, die in ihrer Jugend Kannibalen waren, später aber die 
Menschenfresserei aufgaben, wird berichtet (3), daß sie voller Empörung 
aus der Kirche kamen, in der der Missionar über das Höllenfeuer predigte. 
Die Schilderung des Höllenfeuers weckte, wie man annehmen darf, ihre 
kannibalistischen Gelüste; Europäer hingegen, die gegen derartige Phantasien 
weniger stark ankämpfen müssen, werden von einer solchen Schilderung 

kaum erregt. 

Ähnlich ist das Gleichgewicht des Kindes, dessen Konflikte noch nicht 
fest verarbeitet sind, bei dem der Kampf zwischen dem Über-Ich und dem 
Es noch zu keinem sicheren Ausgleich kam, viel leichter zu erschüttern, 
als das des Erwachsenen; so lösen z. B. Erzählungen, die sich den vom Über- 
Ich verpönten Triebzielen zu stark nähern, Unlust aus. Wenn einem Kind 
vorgeworfen wird, es habe die Mutter gekränkt, so wird dieser Vorwurf 
dann besonders wirksam sein, wenn es früher diese Absicht in starkem 
Grade gehabt und intensiv verdrängt hat. Die Tatsache, daß dieser verpönte 
Wunsch in Erfüllung gegangen ist, bewirkt dann eben besonders starkes 
Schuldgefühl. Ferenczi hat in zwei Fällen beobachtet, daß die Mutter 

- 314 - 



dem Sohne damit drohte, sich nackt vor ihm zu zeigen (6); hier wird 
durch das Über-Ich das einst gewünschte Triebziel in Unlust verwandelt. 
Ähnlich berichtet Barberino, daß sein Vater ihn zur Strafe nackt ans 
Fenster stellte, und daß diese Strafe ihm ärger schien als Prügel (4). 

In meinen bisherigen Ausführungen versuchte ich zu zeigen, daß die 
Strafe das Gl eich ge wich t des Kindes zu erschüttern trachtet, 
indem sie auf indirektem Wege verbotene Regungen weckt: durch die 
verursachte Unlust wird der Haß geweckt, durch Entziehung sonst 
gestatteter Befriedigungen oder durch Annäherung an ein verpöntes Trieb- 
ziel werden verschüttete Wünsche neu belebt. Gegen diese so 
mobilisierten Regungen setzt sich das Über-Ich zur Wehr und meistens so 
erfolgreich, daß ein neues, mehr auf Verdrängung basiertes 
Gleichgewicht hergestellt wird. Das ist offenbar das Ziel der Erziehung, 
— allerdings verstärkt die Erreichung dieses Zieles oft die Neurose des 
Kindes. 

Manchmal kommt es aber zum Gegenteil des von der Erziehung 
gewünschten Resultates: wenn nämlich nicht das Über-Ich den Sieg über 
die aktivierten Regungen davonträgt, sondern das Es sich durchsetzen kann. 
Die Rebellion wird dann gerade durch die Unlust der Strafe gerechtfertigt. 
Daß dieser Mißerfolg jedoch der ungleich seltenere Fall ist, scheint durch 
zwei Momente bedingt. Indem die Strafe frühere Versagungen erneuert und 
die strafende Person einen Elternersatz darstellt, wird der Ödipuskomplex 
aktiviert. Dieser wird gewöhnlich durch Verdrängung und Überkompen- 
sierung des Hasses überwunden, und bei seiner späteren Aktivierung wird 
dieser schon gebahnte Weg abermals beschritten. Dazu trägt bei, daß im 
Unbewußten die Strafe der Kastration gleichgesetzt wird. In Analysen zeigt 
sich häufig, daß nicht nur körperliche Strafen und Entziehung eines 
Besitzes, sondern auch milde Strafen, ja sogar Tadel diese Bedeutung 
annehmen (13). Diese unbewußte Bedeutung gibt der anscheinend ober- 
flächlichen Meinung, daß das Kind aus Angst vor der Strafe brav werde, 
einen tieferen Sinn: es wird brav aus Kastrationsangst. Wie einst der 
Ödipuskomplex an der Kastrationsdrohung zerschellte, so werden später 
seine Abkömmlinge und Ersatzbildungen, die kindlichen Unarten, durch 
den symbolischen, aber tatsächlich vollzogenen Ersatz der Kastration, durch 
die Strafe vernichtet. 

So ist die Wirksamkeit der Strafe dadurch bedingt, daß gleichzeitig die 
verbotenen Regungen aktiviert werden und die Kastration angedroht wird; 
dabei bereitet entweder der unbewußt empfundene Haß gegen den Vater 
dessen Kastrationsdrohungen den Boden oder umgekehrt wird die Wirk- 
samkeit des Über-Ich s, das gegen die verbotenen Regungen ein- 
schreitet, durch die von außen kommende Drohung verschärft. 

Bei gewissen Kindern kommt eine paradoxe Reaktion auf die Strafe vor; 
ihr Schuldgefühl und ihre Angst wird durch die Strafe beruhigt (10). Der 
wichtigste Grund dafür, daß die Strafe die Angst des Kindes herabsetzt, 

- 315 — 



dürfte in dem Vorgang zu suchen sein, den N. S e a r 1 in ihrer Arbeit 
„Die Flucht in die Realität" beschreibt (16). Gegen die "Vorspiegelungen 
der Angst bietet die Realität einen Schutz, denn „von der Härte dieser 
Phantasien, in denen der Vater oder die Mutter das böse Kind schneidet, 
verbrennt oder auffrißt, sind die ärgsten Strafmaßnahmen der realen Mutter 
weit entfernt" (S. 262). So beruhigt die Strafe die Angst des Kindes da- 
durch, daß es z. B „nur" geschlagen wird, — die reale Strafe schützt 
vor der phantasierten 1 . 

Während bei dem ersteren Typus die Strafe als symbolische Kastration 
die Angst steigert, wirkt sie bei dem zweiten eher beruhigend; diese zwei 
Typen von Kindern entsprechen den zwei Typen von Neurotikern, die an 
der Versagung (8) und jene, die an der Erfüllung scheitern (9). Bei den 
ersteren löst die Versagung einen Konflikt aus, der zur Erkrankung führt, 
bei den anderen kann das Schuldgefühl eine Erfüllung nicht gestatten, sondern 
fordert Strafe. Ob die Strafe bei einem Kind die eine oder die andere 
Wirkung zur Folge hat, hängt davon ab, ob die Strenge des ÜberTchs durch 
die von außen kommende Kastrationsdrohung noch verstärkt wurde oder ob 
die erlittene Strafe das Über-Ich zufriedengestellt hat. 

Die Strafe erschüttert demnach das Gleichgewicht des Kindes in der Ab- 
sicht, ein neues, stärker auf Verdrängung basiertes und den Absichten der 
Erziehung besser entsprechendes Gleichgewicht herzustellen. Weil aber die 
Strafe — wie hier gezeigt wurde — nicht einfach auf das Ich einwirkt, 
sondern einen komplizierten Prozeß auslöst, kann die Stärke der hervor- 
gerufenen Reaktion von vornherein nicht bestimmt werden. Im wesent- 
lichen sind es folgende Faktoren, von denen der Ausgang des durch die 
Strafe ausgelösten Konfliktes abhängt: 1) Die Intensität der ausgelösten 
Affekte. 2) Die Strenge des Über-Ichs, das sich dagegen zur Wehr setzt. 
3) Die Intensität der hervorgerufenen Angst, weil sie die Verdrängung 
fördert, indem sie die Strenge des Über-Ichs verstärkt. 4) Ob die Strenge 
des Über-Ichs durch die von außen kommende Kastrationsdrohung verstärkt 
wird, oder ob die erlittene Strafe das Über-Ich zufriedenstellt. Die Intensi- 
tät der Affekte hängt von der Reaktionsart des Kindes, von der Härte der 
Strafe, von vielen Nebenumständen, z. B. Ungerechtigkeit oder Ungewöhnlich- 
keit der Strafe ab. Ob die Strenge des Über-Ichs durch die erlittene Strafe 
befriedigt wird, wird weitgehend von der Härte der Strafe bestimmt; eine harte 
Strafe ist eher geeignet, das Schuldgefühl zu beruhigen, weckt aber anderer- 

1) Wegner schildert (18), daß Moni, ein kleines Mädchen im dritten Jahr, 
trotz des Verbotes der Mutter das Spielzeug des Bruders zerbricht. Der Vater schützt 
sie vor der angedrohten Strafe, indem er der Mutter sagt, er hätte es ihr gestattet. 
Als der Vater weggeht, fühlt sich Moni bedrückt und verlangt von der Mutter, daß 
sie sie auf die Hand schlägt. Die Mutter straft sie aber nicht, und nun fürchtet sich 
Moni vor dem Bullen. (Wie aus dem Buch hervorgeht, stellt der beißende Bulle 
Monis Über-Ich dar.) Sie fällt hin und schlägt sich an. „Aber Moni, die einen Augen- 
blick heftig aufgeschluchzt hat, beruhigt sich bald. Wollüstig schluckt sie an ihrem 
Kummer; der schwarze Bulle hat sein Opfer bekommen." 

— 316 — 



seits stärkeren Haß und führt so indirekt zu einer Verstärkung des Schuld- 
gefühls. Stärkere Angst wird schließlich der Verdrängung der Haßregungen 
Vorschub leisten. 

Das Problem wird aber noch dadurch kompliziert, daß in der psychischen 
Realität sich die Strafe anders spiegelt, als sie tatsächlich vorgefallen ist. 
In einer Tageszeitung veröffentlichte ein Lehrer folgenden Bericht: Er hatte 
einem Schüler drei Stockschläge gegeben und ließ sich diese Szene nach- 
her von den anderen Schülern, die sie mitangesehen hatten, schildern. Die 
Berichte waren alle verschieden, von der Wahrheit abweichend, manche 
geradezu phantastisch. Die Komplexe, die durch ein solches Erlebnis stark 
aufgewühlt werden, verfälschen die Realität. In einem noch stärkeren Grade 
trifft das natürlich für das bestrafte Kind selbst zu. Man kann in Analysen 
immer wieder die Beobachtung machen, daß eine anscheinend milde 
Strafe als sehr hart empfunden wird 1 , ähnlich wie beim Neurotiker die 
neurotische Angst die real begründeten Befürchtungen verstärkt und verzerrt. 

Diese Umstände erschweren natürlich die Neurosenprophylaxe, denn die 
Strafe bewirkt immer eine vermehrte Verdrängung, und die Intensität der 
Reaktion läßt sich meiner Ansicht nach nicht voraussehen. Strafen, die 
eine besonders starke Reaktion hervorrufen, sollten nicht angewendet werden. 
So weckt insbesonders die körperliche Züchtigung in starkem Ausmaße 
die Kastrationsangst und ruft starken Haß hervor, der verdrängt werden 
muß. Besonders wirksam und deshalb besonders schädlich vom prophylak- 
tischen Standpunkte ist das Abwechseln von Strenge und Freundlichkeit, 
von Züchtigung und Liebkosung, von „Vater- und Mutterhypnose", worauf 
Ferenczi schon vor zwanzig Jahren aufmerksam gemacht hat (5). Wenn 
der Vater nach der Züchtigung freundlich ist, müssen die Haßregungen 
mehr verdrängt werden, und jede Liebkosung nach einer symbolischen 
Kastration drängt den Knaben stärker in die passiv-homosexuelle Einstellung. 

Auch der Liebesentzug, der von manchen Pädagogen als eine milde 
Strafe angesehen wird, übt oft eine außerordentliche Wirkung aus. Freud 
hat gezeigt, daß der Liebesverlust die Gefahrsituation für die frühe Kind- 
heit ist und beim Mädchen die gleiche Rolle spielt, wie beim Knaben die 
Kastrationsangst (11). Ich habe früher darauf hingewiesen, daß die zärtliche 
Liebe der Eltern eine wichtige Hilfe für die Verarbeitung des Ödipuskomplexes 

1) Dafür, daß die Strafe meist härter empfunden wird, als real begründet wäre, 
möchte ich zwei Beispiele anführen: Ein Schlag, vom Lehrer erhalten, wirkt meistens 
schmerzhafter, als der von einem anderen Jungen empfangene, den man zurückgeben 
kann. Ein Kind, das zufolge äußerer Not kein Essen erhält, wird das Hungern 
nicht so hart empfinden, als wenn der Essensentzug eine Strafe wäre. Es scheint, daß 
die zur Unterdrückung des Hasses gebrauchte Anstrengung die Unlust des Schmerzes 
verstärkt. In der chirurgischen Klinik pflegt man bei kleinen Eingriffen, die ohne 
Anästhesie gemacht werden, dem Patienten zu sagen, er möge, wenn es schmerzt, den 
Arzt oder die Schwester in den Arm kneifen; dies pflegt erfahrungsgemäß den Schmerz 
zu lindern. Dadurch, daß der Haß wegen der schmerzhaften Operation abreagiert 
werden kann, scheint auch der Schmerz verringert zu werden. 

- 317 - 



bildet [vergl. auch (l 1)], die beim Liebesentzug erschüttert wird. M. Klein hat 
hervorgehoben (13), daß die Liebe der Eltern auch die Bedeutung des Angst- 
schutzes hat, und daß der Liebesentzug die ganze latente Angst vor den Eltern 
weckt. Schließlich kommt noch hinzu, daß während bei jeder anderen Strafe 
die Eltern dem Kinde etwas antun, was seinen Haß wenigstens teilweise recht- 
fertigt, diese Rechtfertigung beim Liebesentzug fehlt, und daß somit das Schuld- 
gefühl des Kindes wesentlich verstärkt wird. Aus diesen Gründen wird der 
Liebesentzug von den Kindern nicht nur hart empfunden, sondern diese Strafe 
verstärkt — nach meinen Beobachtungen — oft übermäßig die Verdrängung. 
Wenn also einerseits bestimmte Strafen das Schuldgefühl und die Angst 
des Kindes außerordentlich steigern können und dadurch seine Verdrängungs- 
neigung unheilvoll verstärken, so garantiert andererseits die Vermeidung solcher 
Strafen noch nicht einen günstigen Erfolg. Denn auch eine mild scheinende 
Strafe kann auf das Kind eine tiefe Wirkung ausüben, wenn sie gerade be- 
sonders stark an seine Komplexe rührt. (So wird z. B. ein Kind, das unter 
dem Eindruck der oralen Entbehrung steht, durch den Entzug von Süßigkeiten 
besonders hart getroffen). In der psychischen P»ealität wird die Strafe oft ganz 
anders empfunden, als der Erzieher es beabsichtigte, und die Stärke der Reaktion 
wird letzten Endes von der Strenge des Über-lchs des Kindes abhängen. Dem- 
nach wäre vom Standpunkt der Neurosenprophylaxe eine Erziehung wünschens- 
wert, die den nötigen Triebverzicht und die Realitätsanpassung erzielt, ohne 
Strafen und ohne Mittel, die die Angst und das Schuldgefühl des Kindes wesent- 
lich steigern 1 . Ob und inwiefern sich dieses Ideal unter günstigen Umständen 
verwirklichen läßt, kann jedoch erst die praktische Erfahrung entscheiden. 

* 

Literatur: 

1) Abraham, Karl: Geschichte eines Hochstaplers. Imago XI. (1925). 

2) Alexander, Franz: Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. 1926. 

3) Andree, Franz: Anthropophagie. 1885. 

4) Blei, Franz: Männer der Renaissance. 1928. 

5) Ferenczi, Sändor: Zähmung eines wilden Pferdes. In: Bausteine zur Psycho- 
analyse. I, 192. 

6) Ferenczi, Sändor: Die Nacktheit als Schreckmittel. Int. Zeitschr. f. Psa. V.^gig). 

7) Freud, Sigm.: Das Unbehagen in der Kultur. 1930. 

8) Freud, Sigm.: Über neurotische Erkrankungstypen. Ges. Sehr. V. 
g) Freud, Sigm.: Die am Erfolge scheitern. Ges. Sehr. X. 

10) Freud, Sigm.: Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein. Ges. Sehr. X. 

11) Freud, Sigm.: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr. XI. S. 21. 

12) Groddeck, Georg: Die Arche. 1926. 

13) Klein, Melanie: Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. Vor- 
tragskurs, gehalten in London 1927. 

14) Reik, Theodor: Geständniszwang und Strafbedürfnis. (1925). 

15) Rousseau, Jean Jacques: Confessions. 

16) Sachs, Hanns: Zur Genese der Perversionen, Int. Zeitschr. f. Psa. IX. 1923. 

17) Searl, N.: Die Flucht in die Realität. Int. Ztschr. f. Psa. XV. (1929). 

18) Wegner, Armin T.: Moni. (1929). 

1) Hingegen läßt sich auch die Ansicht vertreten, daß das Kind zur Herstellung seines 
seelischen Gleichgewichtes die Strafe als Verdrängungshilfe braucht: die Strafe befriedigt 
sein Schuldgefühl, gibt seinem Haß eine Berechtigung, hilft ihm seine Triebe zu bändigen. 

— 318 — 



Strafe als Triebbefriedigung 
Von Ewald Böhm 

Um die Problemstellung der folgenden Ausführungen in ihrer vollen Trag- 
weite klarzulegen, muß betont werden, daß ein wesentliches Resultat neuzeit- 
licher Psychologie und Pädagogik als anerkannt vorausgesetzt wird. Verfasser 
stellt sich nämlich auf den Boden der Forderung, daß nicht gestraft werden 
soll, weil die Strafe in den normalen Entwicklungsablauf der libidinösen Be- 
ziehung zwischen Kind und Erzieher eingreift, d. h. persönlich, nicht 
sachlich wirkt. Das soll nicht nur bezüglich der Körperstrafe verstanden 
werden, sondern hinsichtlich jeder Strafe überhaupt. Das alte Wort Walters 
von der Vogelweide: „Niemand kann mit Gerten Kindes Zucht erherten" 
hat sich ja im Laufe der Jahrhunderte allmählich auch in den Kreisen der 
pädagogischen Halbreformer herumgesprochen, wurde aber auch dort in der 
Praxis meist nur teilweise befolgt. Uns geht es heute darum, alle Strafen 
aus der Erziehungspraxis zu verbannen. Diese Forderung braucht man freilich 
nur auszusprechen, um sofort ein ganzes Heer von Schwierigkeiten auftauchen 
zu sehen, die sich ihrer praktischen Durchführung entgegensetzen. Ehe aber 
auf die eigenartige Natur dieser Schwierigkeiten einzugehen ist, soll doch zu- 
nächst zur Vermeidung von Mißverständnissen der Begriff der Strafe näher 
abgegrenzt und sollen die Gründe zu ihrer Verwerfung in der Erziehungsarbeit 
wenigstens kurz erwähnt werden. 

Unter Strafe (im Sinne der Erziehungsstrafe) verstehen wir im folgenden 
jede Reaktion des Erziehers auf ein (subjektiv) unerwünschtes Verhalten seines 
Zöglings, die im Bewußtsein des Erziehers als gewillkürte Vergeltung«- 
handlung in Form eines dem Zögling zugefügten Übels erscheint, das jedoch 
in keinem direkten Kausalzusammenhang mit dem unerwünschten Verhalten des 
Zöglings steht. Nicht dagegen lehnen wir jene bewußte Herausarbeitung des 
Realprinzips ab, wie sie im Eintretenlassen der natürlichen Folgen oder der 
Quasi-Folgen des unerwünschten kindlichen Verhaltens zu sehen ist, und wie 
sie von manchen auch als „Strafe" bezeichnet wird. So, wenn Dr. Alfhild 
Tamm 1 sagt: „Jede Strafe erfolge wie die selbst herbeigeführte Folge der 
schlimmen Handlung". 

Die Gründe, warum wir die Strafe in der modernen Erziehung verwer- 
fen, seien ganz kurz nochmals in der Form wiedergegeben, wie wir sie anläß- 
lich einer pädagogischen Diskussion bereits in der Tagespresse geäußert haben 2 : 
„Strafe soll überhaupt nicht sein; denn sie ist immer schädlich: 1) weil sie das 
Kind verängstigt, verbittert und ihm keinen Anreiz für eine bessere soziale Ein- 
ordnung bietet, 2) weil sie den erzieherischen Verirrungen der Erwachsenen 

1) In ihrem Beitrag „Sprach- und Stimmstörungen und ihre Behandlung" in Meng, 
Das ärztliche Volksbuch, Bd. II, S, 468. Hippokrates -Verlag, Stuttgart. 

2) In dem Artikel „Muß Strafe sein?" im „Abend" (Spätausgabe des Vorwärts) 
vom 3. Juli 1930. 

- 319 - 



Tür und Tor öffnet, und 3) weil sie dem Strafbedürfnis des Kindes entgegen- 
kommt und so die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aufhält, anstatt sie 
fortzuentwickeln. " 

Unser zweites Argument gegen die Strafe enthält zugleich die Schwierig- 
keiten, die sich der Durchführung unserer Forderung nach strafloser Erziehung 
entgegenstellen. Unsere Erziehungsideale sind ja wahrhaftig nicht neu. Mit 
Recht hat Witt eis 1 darauf hingewiesen, daß Rousseau in seinem „Emile" 
bereits 1761 dieselben Forderungen erhoben hat. Und Witteis setzt dann hinzu: 
„Daß es so langsam besser wird, liegt an Ursachen, die dem Verstände offenbar 
nur schwer zugänglich sind." Mit anderen Worten: Diese Schwierigkeiten liegen 
darin, daß die Strafen so häufig von Seiten der Erzieher (wenn nicht überhaupt 
immer) triebhaft bedingt sind. 

Wir sehen also : Die straflose Erziehung ist ein Erwachsenenproblem 
wie alle in der praktischen Sphäre angestellten Erziehungserörterungen : 
denn in der Praxis wird ja fast jeder Erwachsene, ob er selbst sich nun dessen 
bewußt ist oder nicht, irgendwann und irgendwo einmal als Miterzieher eines 
Kindes tätig, und sei es auch nur als Teil eines allgemeinen „Milieueinflusses". 
Was für die Erzieher selbst noch dazukommt, ist gewöhnlich nur die theore- 
tische Verbrämung ihrer triebgebundenen Erziehungspraktiken, die ihrerseits 
doch schließlich den Ausschlag geben. Das ist auch der Grund für die leider 
sehr deutlich zu bemerkende Tatsache, daß auch die Theorie von der straf- 
losen Erziehung bei einem großen Teil ihrer Anhänger nicht allzulange vor- 
hält. Die Theorie allein macht es ja nicht, und wo sie auch anfangs dagewesen 
sein mag, da „rutscht" doch gelegentlich einmal „die Hand aus". Und gewöhn- 
lich läßt dann der menschliche Geist diese Inkongruenz zwischen Theorie und 
Praxis nicht lange bestehen: Es werden auf dem Wege des rationalen Über- 
baues sehr rasch sogenannte „neue" (und meist sehr alte) Argumente für eine 
wenigstens teilweise Anwendung der Strafe gewonnen. So stellen die Zweifel 
der Fachleute an der praktischen Möglichkeit einer straflosen Erziehung sich 
in den allermeisten Fällen dar als Rationalisierungen für eine Trieb- 
erfüllung, deren Ursachenerkenntnis verdrängt ist. Vielleicht wird der Kampf 
um die straflose Erziehung in späteren Zeiten einmal leichter und erfolgreicher 
sein. „Aber heute sind noch mehrere hunderttausend Lehrer und O* erlehrer 
bis zum tiefsten Grunde ihres Ichs überzeugt, daß Erziehung ohne Strafe un- 
möglich sei. Sie wissen nicht, daß sie unter dem Vorwand der Erziehung ihren 
Sadismus ausleben" (Witt eis, Die Befreiung des Kindes, S. 108). Und der 
Elternschaft geht es nicht viel anders! 

Aus dem bisher Gesagten wird ohne weiteres ersichtlich sein, daß es für 
alle ernsthaften Befürworter der straflosen Erziehung von Interesse und für die 
Sache der neuen Erziehung selbst von großem Nutzen sein muß, daß einmal 
das Phänomen der Erziehungsstrafe in ihrer Eigenschaft als 
Triebbefriedigung zum Gegenstande der Untersuchung gemacht wird. 

1) „Die Befreiung des Kindes", S. 115. Hippokrates-Verlag, Stuttgart. 

— 320 — 



Indem wir dies versuchen, müssen wir uns zuerst über Wesen und Arten 
der Triebe und den psychologischen Sinn unserer Problemstellung im kla- 
ren sein. 

Was ist ein Trieb? Um den Gang unserer Untersuchung nicht unnötig 
aufzuhalten, wollen wir uns bei dieser Frage nicht weiter auf biologische und 
philosophische Streitereien einlassen, sondern begnügen uns mit der Anführung- 
der Definition, die Freud in „Jenseits des Lustprinzips" eingehend entwickelt 
hat. Danach ist ein Trieb „ein dem belebten Organischen inne- 
wohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren 
Zu Standes, welchen dies Belebte unter dem Einflüsse äußerer Störungskräfte 
aufgeben mußte, eine Art von organischer Elastizität oder, wenn man will die 
Äußerung der Trägheit im organischen Leben". 

Diese biologische Erscheinung des Triebes kann nun von verschiedenen Ge- 
sichtspunkten aus betrachtet werden. Wir verweisen hierzu nur kurz auf 
die übersichtliche Einteilung, die Richard S t e r b a in seiner „Einführung in 
die psychoanalytische Libidolehre" ! gegeben hat. Sterba unterscheidet mit Freud 
am Trieb die Quelle, das Ziel, das Objekt und fügt den „Drang" hinzu. Die 
Quelle eines Triebes ist „jener Vorgang im Organ, dessen Reiz im Seelen- 
leben durch den Trieb repräsentiert wird". Das Ziel des Triebes ist seine 
Befriedigung, die „durch die Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle" 
geschieht. Das Objekt des Triebes ist „ein Gegenstand der Außenwelt, an 
dem oder durch den der Trieb seine Befriedigung erreicht". Der Drang des 
Triebes, von Sterba als das „motorische Moment am Trieb" bezeichnet 2 , ist die 
Triebstärke, gemessen an der „Höhe der durch ihn (den Drang) gerade noch 
überwindbaren Hindernisse". 

Zwei dieser Gesichtspunkte scheiden für unsere pädagogische Untersuchung 
aus, die Quelle fluid der Drang der Triebe. Die Triebquelle interessiert den 
Biologen und Physiologen, der Drang den Experimentalpsychologen. (Hier scheint 
uns noch ein weiteres Feld für Forschungen gegeben zu sein.) Unser Interesse 
wendet sich nur den Zielen und Objekten zu. Wir fragen also zuerst: 
Welche der uns bisher bekannten Triebziele können durch die Erziehungs- 
strafe herbeigeführt werden? (Denn einen selbständigen „Straftrieb" zu sub- 
stituieren, einen Trieb also, der die Strafe selbst zum Ziel hätte, lehnen wir 
ab.) Da wir aber, wie gleich zu erörtern sein wird, die Triebe nach ihrem 
jeweiligen Ziel einteilen wollen, so würde unsere erste Frage kürzer lauten: 
Welche Triebe können durch Erziehungsstrafen befriedigt 
werden? 

An diese erste Frage reiht sich dann die zweite : Wie kann ein zu erziehendes 
Kind mittels einer Strafe zum Objekt eines Triebes werden, zu einem Ge- 
genstand also, an dem der „Erzieher" durch sein Strafen eigene Triebe befrie- 
digen kann? 

In den Wirrwarr der Triebe, wie er uns in der biologischen, philosophischen 

i) Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, 1931, Nr. 2/3. 

2) Vgl. Klag es' Auffassung des Triebes als einer „vitalen Bewegungsursache". 

Zeitschrift f. psa. Päd., V/8/9 321 

23 



und psychologischen Literatur heute begegnet, eine wissenschaftliche Ordnung 
hineinzubringen, dürfte nicht einfach sein. Am besten ist es wohl, daß man 
sich grundsätzlich entschließt, die Triebe nur nach ihren Zielen zu benennen 1 . 
(Dann entfällt z. B. auch die Annahme eines „Fortpflanzungstriebes".) So bleibt 
man etwa bei der beliebten alten Einteilung in Hunger und Durst (zu- 
sammengefaßt: Nahrungstrieb), Tätigkeits- und Ruhetrieb (die 
man auch zu einem positiven und negativen, also rhythmisch bipolaren Be- 
wegungstrieb zusammenfassen kann) und Sexualtrieb (nicht Zeugungs- 
trieb!). Schon diese Dreiteilung läßt sich sehr wohl in Selbsterhaltungs- 
triebe (Nahrungstrieb und Bewegungstrieb) und Sexualtriebe (die sich 
nun weiter differenzieren lassen) zusammenfassen. 

Unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser Zweiteilung zeigt die ältere Freud- 
sche Einteüung der Triebe in „Ichtriebe" und „Sexualtriebe". Als 
sich aber ein Teil der Ich-Triebe ebenfalls als libidinös erwies, wurde diese Ein- 
teilung bereits verschwommen, und mit der Auffindung des Todestriebes wurde 
sie vollends unhaltbar. Vor der Entdeckung der (oder des) Todestrieb e(s) schien 
es eine Zeitlang, als ob diejenigen Kritiker Recht behalten sollten, die der 
Psychoanalyse „Pansexualismus" vorwarfen. Zwar hat sich Freud selbst immer 
dagegen gewehrt, daß, als sich ein Teil der Ich-Triebe als libidinös heraus- 
stellte dies nun auf schlechthin alle Ich-Triebe ausgedehnt werden sollte, und 
daß man etwa die Annahme anderer als libidinöser Triebe einfach fallen lasse 2 . 
(An dieser Stelle befindet sich auch die Lücke im unten angegebenen Trieb- 
schema.) Aber es war bisher nicht gelungen, diese anderen Triebe nachzu- 
weisen. Wohl aber wurde Freud, ausgehend von der Beobachtung eines 
psychischen Wiederholungszwanges, durch eine eingehende biologische Unter- 
suchung zur Annahme eines Todestriebes geführt. Abgeleitet wird dieser Todes- 
trieb aus dem allgemeinen Trägheitscharakter der Triebe (siehe oben) und 
der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten. „Das Leblose war früher da, als 
das Lebende". „Das Ziel alles Lebens ist der Tod", und nach dem Ziel wollen 
wir ja die Triebe benennen. Alle Lebenserscheinungen (Ich-Triebe, Selbsterhaltungs- 
triebe) sind „Umwege zum Tode", also alle anderen Triebe gewissermaßen ab- 
geleitete Triebe. In einer eingehenden Erörterung zellularbiologischer 
Probleme klärt dann Freud des weiteren den neuaufgesteüten Gegensatz von 
Lebenstrieben und Todestrieben, und am Ende der Lektüre von 
„Jenseits des Lustprinzips" sind wir in der Lage, ein vorläufiges Schema 
der Triebe aufzustellen, an dem wir auch für unsere Arbeit festhalten wollen. 
Wir zeigen dieses Schema nebenstehend. 

Welche Triebe können nun durch Strafen befriedigt werden? Da die 
Strafe die Zufügung eines Übels ist, so leuchtet ohne weiteres ein, daß die 
nach außen gekehrten destruktiven Ich-Triebe, die Aggressionstriebe, 
hinter dieser Maßnahme stehen könne n. Und tatsächlich stellt sich auch ein 

i) Siehe hierüber u. a. Ludwig Klag es, „Die Triebe und der Wille«, Zeitschrift 
für Menschenkunde, IV, S. 265 ff. 

2) Siehe z. B. „Jenseits des Lustprinzips", Ges. Schriften Bd. VI, S. 2 44 f. 

— 322 — 



Trieb e 



Lebenstriebe 

(aufbauende Zelltriebe) 
(libidinöse Triebe, Sexual- 
triebe i. w. S.) 



konstruktive Ich-Triebe 
(Selbsterhaltungstriebe, 

Machttriebe) 
(narzißtische Libido) 



Objekt-Triebe 
(Serualtriebe i. e. S.) 

(Objekt-Libido) 



Todestri eb e 

(abbauende Zelltriebe) 



destruktive Ich -Triebe 
(Aggressiomtriebe) 



großer Teil der Erziehungsstrafen als deutlich von Aggressionstendenzen des Er- 
ziehers beeinflußt dar. Man darf jedoch keinen Augenblick vergessen, daß ja 
das ganze oben dargestellte Schema der Triebe wie eine Art System kommuni- 
zierender Röhren funktioniert, in dem jederzeit die merkwürdigsten Verschie- 
bungen auftreten können. Lebenstriebe und Todestriebe bilden beim gesunden 
Menschen, beim Nicht-Neurotiker, ein harmonisches Gleichgewicht. Innerhalb 
dieses Gleichgewichtes im großen spielen sich jedoch im kleinen ständige Kämpfe 
ab, und das Kompromiß wird schon in kleineren Zeitabständen kaum ein völlig 
gleiches Resultat ergeben. Und die gedankenlose Erziehung unseres neurotischen 
Zeitalters tut das Ihrige, um diese Trieb konflikte durch äußere Einflüsse noch 
zu steigern und zu verschärfen. Sehr leicht stellen sich dabei die Kompromisse 
so her, daß die beiden miteinander vermischten Triebtendenzen im Ergebnil 
in derselben Richtung weisen. So wird sich z. B. beim Sadismus nur schwer 
auseinanderhalten lassen, wieviel auf das Konto des eigentlichen Aggressiont- 
triebes und wieviel auf das Konto des auf der analen Phase fixierten objekt- 
libidinösen Lebenstriebes zu setzen ist. Das gleiche gilt für die passive Form 
des Sadismus, den Masochismus. Beide Triebarten gehen hier eine praktisch 
nicht mehr trennbare Legierung ein. Wir sind also berechtigt, auch den Le- 
benstrieben einen erheblichen Anteil an der Verursachung der Erziehungs- 
strafen zuzubilligen, wobei die libidinösen Triebe in der Form der narzißtischen 
oder der Objektlibido auftreten. 

Wir sehen also, daß die Erziehungsstrafe (wie übrigens die Rechtsstrafe 
auch) ganz allgemein zur Triebbefriedigung dienen kann, daß mithin bei 
allen hier in unserem Schema genannten Triebarten die Möglichkeit sich er- 
geben kann, in Form von Strafe abreagiert zu werden. Welche inneren Me- 
chanismen dabei ablaufen, soll uns unsere zweite Frage beantworten: 

Wie wird das Kind beim Strafen zum Objekt eines Triebes? 

Zwei Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens können hier aufklärend 
für unser Problem wirken: die Identifikation und die Projektion. Die Iden- 
tifikation des Ichs mit einem anderen Ich, entweder als primitivste Form 
der Gefühlsbindung oder so, daß das andere Ich zunächst Objekt der Libido 
war und dann zur Überwindung dieser seiner Objektrolle in das eigene Ich 
einbezogen wurde, soll hier als bekannt vorausgesetzt werden. Mit diesem 
eigentümlichen psychischen Mechanismus im Zusammenhang steht die Erschei- 



323 - 



23* 



nung der Projektion. Unter Projektion verstehen wir die unbewußte Ver- 
legung innerer persönlicher Konflikte in die Umwelt, wodurch sich die unbe- 
wußten unerledigten inneren Schwierigkeiten als Verhaltensfehler anderen Men- 
schen gegenüber auswirken können. Diese häufige Einstellung der menschlichen 
Psyche entsteht aus ihrer allgemeinen Neigung, auf die zahlreicher und konti- 
tinuierlicher auf sie einströmenden inneren Reize so zu reagieren, als ob 
sie von außen kämen, weil dann das Mittel des Reizschutzes gegen sie 
angewendet werden kann, das ja gegen innere Reize biologisch nicht gegeben 
ist 1 . Selten gelingt es diesem Scheinmanöver der Seele, die inneren Reize und 
ihre Wirkungen auszuschalten, es schafft viehnehr meistens nur neuen Konflikt- 
stoff in der Außenwelt. 

Die Bedeutung der Projektion gerade für das Problem der Erziehungsfragen 
möge an einem instruktiven Beispiel erörtert werden. Die ausgezeichnete 
Schilderung des Falles findet sich bei H. E gg er s : 2 „Zur Frage der Behandlung 
schwieriger Kinder in der Schule". 

„Ein begabtes Mädchen ist unehelich geboren. Die Mutter hat auf eine Anzeige 
in der Zeitung hin geheiratet. ,Ich mußte ja froh sein, daß ich überhaupt einen Mann 
bekam. 1 Er ist ein rechtlich denkender Bahnbeamter. Er ist allerdings sehr verschlos- 
sen und hat gar keine geistigen Interessen. Aber er hält sehr viel von dem Mädchen. 
Die Mutter erzieht es allerdings seiner Meinung nach zu frei. Es wird dabei frech. 
Häufig muß er ihm den Vorwurf der Frechheit oder der absichtlichen Bummelei, 
des absichtlichen Vergessens machen. Das Mittel, das er anwenden möchte, ist der 
Stock. — Das ist dasselbe Mittel, das man ihm gegenüber früher ausgiebig ange- 
wandt hat, und worunter er sehr gelitten hat. — Seine Mutter war Straßenprostituierte. 
Er hatte zwei uneheliche Geschwister. Da er zu verbummeln drohte, kam er in eine 
private, konfessionelle Erziehungsanstalt, wo man ihn ,mit Gotteswort und Prügel 1 
erzog, um so mehr, als er einen ,eigenen Kopf hatte. In der Schusterlehre hat man 
ihn einmal mit dem Stiefelabsatz auf den Kopf geschlagen; er glaubt, daß er seit 
der Zeit gedächtnisschwach ist." 

Aus diesem Beispiel ist vieles zu lernen. Zunächst verwendet der Mann das 
„Erziehungsmittel" Stock nicht etwa obgleich, sondern weil man es 
ihm gegenüber angewandt hat; er identifiziert sich mit seinen eigenen Er- 
ziehern. Diese Identifikation ermöglicht eine Art Projektion, indem die durch 
falsche Erziehungsmaßnahmen verzerrten Beziehungen zu den infantilen Libido- 
objekten (Erzieher) nun in den Beziehungen als Erzieher seiner Kinder wieder- 
holt werden. Diese „projizierende Identifikation" ist vielleicht die gefährlichste 
Erscheinung der pädagogischen Feld-, Wald- und Wiesenpraxis. Ihr Ergebnis 
ist sehr einfach darzustellen: Der Erzieher gibt das, was er selbst als Kind zu 
leiden hatte, als aktive Maßnahme an die nächste Generation weiter (und so 
fort). „Wie er (sie) mir, so ich ihm (ihr)", das etwa ist hier das Motto. Und 
schaurig ist für unsereinen der Gedanke, daß das dann immer so weiter gehen 
kann. Doch davon später. — Wir kehren z u unserem Beispiel zurück und wollen 

i) Siehe hiezu Freud. „Jenseits des Lustprinzips«, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 8i6f. 
2) „Das werdende Zeitalter". Monatsschrift für Erneuerung der Erziehung, 1950, 
Heft 2/3. 

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noch einen anderen Zug daran betrachten: Man kann wohl annehmen daß 
das Verhältnis des einstigen Schusterlehrlings zu seinem Lehrmeister bereits 
mit unbewußten Schuldgefühlen durchsetzt war, so daß möglicherweise der 
Schlag mit dem Stiefelabsatz durch eine Missetat des Lehrlings aus Strafbe- 
dürfnis provoziert worden ist. Vielleicht diente die hypochondrische „Gedächtnis- 
schwäche" des Bahnbeamten teilweise der Befriedigung seines Straf bedürfnisses. 
Diese Befriedigung mag ungenügend gewesen sein, die unbewußten Ursachen 
des Schuldgefühls drängen weiter, und dieser unbehagliche Konflikt wird nach 
außen verlegt, indem der Vater der Tochter „absichtliches Vergessen" unter- 
schiebt, um so in der Außenwelt gegen einen Fehler zu Felde ziehen zu können 
der in unbewußtem Zusammenhange mit dem eigenen Konflikte steht. Dazu 
kommen noch die Minderwertigkeitsgefühle infolge der sozialen Stellung der 
Mutter (Prostituierte), die wohl schon bei dem Schusterlehrling die Ursache des 
„Verbummeins" waren. Ein durch strenge Erziehung rigoros gewordenes Über- 
ich stellt nun zu hohe moralische Anforderungen an die Tochter. So werden 
Verfehlungen konstruiert, die Anlaß zur Bestrafung geben. Die ehemalige Mutter- 
Sohn-Bindung findet hier ihr Spiegelbild in der Vater-Tochter-Bindung mit 
derselben eigentümlichen Ambivalenz: Der Vater „hält sehr viel von dem 
Mädchen", aber er hält sie für eine „absichtliche" Bummlerin, handelt und straft 
danach; denn die Tochter (eigentlich Stieftochter) dieses Mannes ist nicht seine 
Mutter, sie ist es nur für sein Unbewußtes und wird deshalb von ihm so behandelt. 
Bevor wir das Thema „Projektion" vorläufig verlassen, müssen wir noch 
eine Nebenbemerkung machen. Nicht nur die Strafe selbst ist die Spiegelung 
der Fehler der Erzieher des Erziehers, auch die Auswahl der einzelnen 
Körperstellen, an denen sich die Strafe (die ja doch zumeist eine Körper- 
strafe ist) vollzieht, ist durch das Verhalten der vorangehenden Generation 
bereits fixiert. Meng sagt einmal 1 : „Es ist ein törichtes Beginnen des Er- 
wachsenen, daß er die erogenen Zonen, vor allem bei der Reinlichkeitserziehung, 
desexualisieren will und sie gleichzeitig durch Bestrafen und Liebkosen sexuali- 
siert". Leider ist dieses „törichte Beginnen" aber die Regel, und es erklärt 
nicht nur die so häufige Lokalisierung des kindlichen Strafbedürfnisses am 
Gesäß (siehe Rousseau), sondern in der Projektion auch die Bevorzugung ge- 
wisser Körperstellen bei Bestrafung des Zöglings eines so erzogenen Erziehers: 
Die „Spezialstelle", an der viele Erzieher ihre Zöglinge zu züchtigen pflegen, 
ist vielfach diejenige erogene Zone, die in ihrer eigenen ersten Kindheit von 
den Erziehern sexualisiert wurde. Am häufigsten dürfte das Gesäß dafür in 
Frage kommen (Reinlichkeitserziehung), bei Schuldgefühlen wegen frühkindlicher 
Onanie können es aber auch die Hände sein und in gewissen Fällen starker 
oraler Fixierung wohl auch der Mund. So erklärt sich denn die Neigung 
mancher Eltern, ihr vielleicht etwas vorlautes Kind, wenn es eigene Meinungen 
äußert, „auf den frechen Mund" zu schlagen, oder etwa die Vorliebe eines 

1) „Über Pubertät und Pubertätsaufklärung", Sonderheft „Menstruation" der 
„Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" (V. Jg. Heft 5/6) S. 167. 

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meiner Elementarlehrer, seine nicht immer fügsamen Septimaner durch empfind- 
liche Linealschläge auf die Handflächen zu bestrafen. Seinen grimmigen Gesichts- 
ausdruck dabei und die -wunderlichen Tanzbewegungen der gemarterten Kinder 
•ehe ich noch heute. 

Den wichtigsten allgemeinen Beitrag zum Thema „Strafe als Triebbefriedi- 
gung" (genauer: zu unserer zweiten Frage, wie ein Kind Objekt einer durch 
Strafe erzielten Triebbefriedigung werden kann) gibt uns aber das Phänomen 
des Strafbedürfnisses, das vorgreifend hier bereits erwähnt war. Als 
alltägliche Erscheinung der Kinderstube bildet das Strafbedürfnis die crux der 
Erziehung und als solche das stärkste Argument gegen die Erziehungsstrafe. 
Beim Erwachsenen kann das Strafbedürfnis sowohl zum affektiven wie zum 
Gewohnheitsverbrechen führen und in milderer Form zur Erfolgsangst und zu 
wirtschaftlichen und familiären Schwierigkeiten. Diese Auswirkungen des Straf- 
bedürfnisses sind von Freud, Reik, Witteis u. a. ausführlich und eindring- 
lich dargestellt worden. Uns interessiert aber an dieser Sache noch eine andere 
Seite: Kombiniert mit der Identifikation und der Projektion 
kann das Straf bedürfnis nämlich auch zur Auslösung von Erziehungs- 
strafen führen. Reik u. a. weisen bereits darauf hin, daß die Rechtsstrafe eine 
Doppelfunktion habe, sie diene nicht nur der Befriedigung des eigenen Straf- 
bedürfnisses des Delinquenten, sondern sie „befriedige auch das Strafbedürfnis 
der Gesellschaft durch deren unbewußte Identifizierung mit dem Verbrecher" 1 . 
Analog ergibt sich die Erziehungsstrafe aus dem Strafbedürfnis des Erziehers 
durch Identifikation mit dem Kinde, durch dessen Bestrafung sich der Erzieher 
eigentlich selbst zu treffen strebt (siehe unten). 

Hier liegt auch der Grund, warum gegen die Erziehungsstrafe (wie auch die 
Rechtsstrafe) so schwer anzukämpfen ist: Sie ist meistens mehr als eine falsche 
Erziehungsmethode, sie ist das Produkt von bisweilen überaus drängenden 
Schuldgefühlen und verursacht immer neues Schuldgefühl. Diese Schuldgefühle 
brauchen ursprünglich nicht auf Grund begangener Taten zu entstehen. Phantasie 
und Wirklichkeit werden vom Über-Ich gleich behandelt. Entsteht doch das 
Über-Ich, dessen Druck das zwanghaft zur Bestrafung drängende Schuldgefühl 
hervorruft, aus dem Kind-Vater-Verhältnis zu einer Zeit, in der das Kind noch 
keine klare Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit treffen kann. 
So ist das Schuldgefühl, wie Witt eis sagt 2 , „Dunst, der aus den starren Rest- 
gebilden kindlicher Zusammenstöße mit der versagenden Umwelt aufsteigt". 
So quält und peinigt das Schuldgefühl und manifestiert sich im Strafbedürfnis. 
Das Schuldgefühl ist demnach vor der Tat bereits vorhanden, es ist „prä- 
existent", ist „straf bezogen", wie man es in teleologischer Betrachtungsweise 
nennen könnte. Man könnte den paradoxen Vergleich wagen: Die Verlockung 
der Strafe wirkt so, als wenn ein Jucken der Haut das übermütige Kind zu 
einem Unfug verleiten würde, damit es die schlagende Hand des „Erziehers" 
als wohltuende Erlösung empfinden kann. 

1) Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, S. 151 — 152. 

2) Fritz Witt eis, Die Welt ohne Zuchthaus, S. 145. 

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Aus diesem Vergleich ist ersichtlich, daß hier noch ein -wesentlicher Um- 
stand im Dunkeln geblieben ist; denn ein normales Kind -würde sich doch ein- 
fach kratzen. Der kuriose Umweg über die Untat zur Strafe kann nur dann 
einen Sinn haben, wenn die eigentliche Ursache des Schuldgefühls verdrängt 
ist und deshalb nicht zum Bewußtsein gelangen kann. Um diese im Triebleben 
(Ödipuskomplex) verwurzelte und meist nur psychisch reale Urschuld in 
ihrem verdrängten Zustande zu halten, wird in der schlimmen Tat eine zweite, 
physisch reale, aber in ihrem Verhältnis zur Strafe nur scheinbar reale 
Schuld gesetzt, und „strafbezogen" wird eigentlich nur diese zweite, sekundäre 
Schuld. Was die Tat selbst auslöst, ist also die Verdrängung, und deren Wider- 
part, die verbotene Triebregung einer Urschuld, die ja weiterbestehen 
bleibt, sorgt für Wiederholung. Durch diesen Wiederholungszwang 
entsteht die unglückselige Kette von immer wieder neuen Verstrickungen. 

Ist also, wie gesagt, die Erziehungsstrafe vielfach nur ein Ersatz für die 
Selbstbestrafung, die durch Wiederholungszwang zum System wird, so können 
wir sehr wohl auch die ungemein häufige Erziehungsstrafe aus Straf bedürfnis 
zum „Strafen aus Triebbefriedigung" rechnen; denn das hierfür ursächliche 
Strafbedürfnis des Erziehers nimmt seine Energie aus den unterdrückten Trieb- 
wünschen der Urschuld. 

Die Dinge liegen recht kompliziert und werden durch den nun darzustel- 
lenden Mechanismus der Umwandlung des Straf bedürfnisses des 
Erziehers zur Erziehungsstrafe infolge der menschlichen Bisexualität 1 noch 
komplizierter. Die Grundeinstellung zum Kinde ist nämlich bei den beiden 
Geschlechtern durchaus verschieden; beide psychischen Haltungsweisen sind aber 
•wenigstens in der Anlage bei beiden Geschlechtern vorhanden. Die Frau neigt 
in den meisten Fällen zum narzißtischen Typ der Objektwahl. Freud 2 sagt 
von den Frauen: „In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein Teil des eige- 
nen Körpers wie ein fremdes Objekt gegenüber, dem sie nun vom Narzißmus 
aus die volle Objektliebe schenken können". Von den vier möglichen Wegen 
zur narzißtischen Objektwahl, die Freud angibt, treffen, wenn es ein Mäd- 
chen ist, sogar drei in der Liebe der Mutter zum eigenen Kinde zusammen: 
Man liebt dann in der Tochter: „1) was man selbst war, 2) was man selbst sein 
möchte, und 3) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war". Diese narziß- 
tische Identifikation des Erziehers mit dem Kinde pflegt infolge des 
ausgesprocheneren Narzißmus der Frau beim weiblichen Erzieher mehr in Er- 
scheinung zu treten, ist aber durchaus nicht auf das weibliche Geschlecht be- 
schränkt. Infolge der bisexuellen Uranlage des Menschen und infolge der auch 
im Manne vorhandenen narzißtischen Libido zeigt auch der Vater gewöhnlich 
eine ähnliche Einstellung zum Kinde. Mit Recht konnte daher Freud sagen : 

1) Siehe hierzu u. a. Georg Groddeck, Das Zwiegeschlecht des Menschen, 
Psychoanalytische Bewegung, III, 2, und Felix Boehm, Über den Weiblichkeits- 
komplex des Mannes, Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, 1930, und Almanach der 
Psychoanalyse, 1931. 

2) Freud, Zur Einführung des Narzißmus (Ges. Schriften, Bd. VI.). 

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„Die rührende, im Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes als der 
wiedergeborene Narzißmus der Eltern, der in seiner Umwandlung 
zur Objektliebe sein einstiges Wesen unverkennbar offenbart". Wir können 
also sagen: Die narzißtische Identifikation mit dem Kinde ist 
bei beiden Geschlechtern der mehr weibliche Zug in der Einstel- 
lung zum Kinde. Das nie völlig überwundene Kind im Erzieher wird wieder 
lebendig, „dies Kind vor ihm ist er selbst als Kind", wie Bernfeld 1 sagt. 

Doch dasselbe Ergebnis kann auch durch die bereits erwähnte „projizie- 
rende Identifikation" errreicht werden. Dies ist die Identifikation mit 
den erzieherischen Autoritätspersonen (Eltern und Elternimagines) der eigenen 
Kindheit. Da es sich hier um eine „o b j ektlibidinö se Identifikation" 
handelt, glauben wir, in dieser Haltung den mehr männlichen Zug in der 
Einstellung beider Geschlechter zum Kinde zu sehen \ denn beim Manne 
überwiegt im allgemeinen die Objektlibido, und seine Objektwahl erfolgt meist 
nach dem Anlehnungstyp. 

Wir sind mit dieser Betrachtung zu folgendem Ergebnis gekommen: Die 
Fortpflanzung der strafenden Erziehungsmethode durch libi- 
dinöse Triebkräfte von einer Generation auf die andere vollzieht sich: 

1) bei Frauen: 

a) feminin: durch narzißtische Identifikation (Motto: „Wie 
ich mir so ich dir"); konkrete Ursache der Erziehungsstrafe: das durch die 
strafende Erziehung der vorigen Generation im Erzieher erzeugte Straf bedürfnis; 

b) maskulin: durch objektlibidinöse Identifikation (wie 
beim Manne). 

2) bei Männern: 

a) maskulin: durch objektlibidinöse Identifikation (Projek- 
tion. Motto: „Wie er oder sie [Vater, Mutter usw.] mir, so ich dir"); konkrete 
Ursache der Erziehungsstrafe: die strafende Erziehung der vorigen Generation 

selbst; 

b) feminin: durch narzißtische Identifikation (wie bei der 

Frau). 

Die objektlibidinöse Identifikation ist also die direkte Form der Fort- 
pflanzung strafender Erziehung; die narzißtische Identifikation die indirekte 
Form (über den Umweg des Strafbedürfnisses). 

So „erben sich Gesetz und Rechte" . . . 

Um ein Büd von der Mannigfaltigkeit der triebbedingten Erziehungsstrafen 
zu geben, sollen diese theoretischen Zusammenhänge nach dem Gesichtspunkt 
der jeweils an der Strafe vorwiegend beteiligten Triebe noch einmal konkreter 
aufgelöst werden. Wir wollen im folgenden einige Arten der „Strafe als Trieb- 
befriedigung" aufzählen, jedoch ohne Anspru ch auf Vollständigkeit. 

1) Siegfried Bernfeld, Sisyphos, S. 147. 

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I) Todestrieb 1 : 

Wenn wir hier die Strafe aus Sadismus oder Masochismus des Strafenden 
allgemein unter den Gesichtspunkt des Todestriebes einreihen, so muß zugegeben 
-werden, daß diese schematische Vereinfachung eine Willkürlich- 
keit ist. 

a) Sadismus: Die menschliche Aggressionslust, die wir im allgemeinen 
als den nach außen abgeleiteten Zerstörungs- und Todestrieb auffassen, bricht 
bisweilen, wenn sie durch einen schlecht und unvollständig entwickelten Liebes- 
trieb nicht genügend gebunden ist, mit elementarer Gewalt in der Erziehungs- 
praxis durch. Wir kennen alle jene Eltern und Lehrer, die als „Prügel- 
pädagogen" allenthalben verschrien sind, und die doch so selten mit wirk- 
lich sachlich ernstem Nachdruck abgelehnt werden. In den weitaus meisten 
Fällen wird dieser pädagogische Sadismus, da er gewöhnlich als solcher un- 
bewußt ist, mit einem rationalen Überbau versehen, also in sogenannte 
Vernunftargumente eingekleidet. Solche Einkleidungen können sehr mannig- 
facher Art sein. Zwei der häufigsten sollen hier erwähnt werden : Entweder der 
Erzieher 2 sieht überall Verfehlungen des Kindes, die er nach seiner Ansicht 
bestrafen muß. Alles Mögliche wird zur „Unart" gestempelt, was für vernünf- 
tige Pädagogen absolut nichts Außergewöhnliches oder Ungehöriges darstellen 
würde. Die narzißtische Übertreibung der Autorität und das bedingungslose, 
unkritische Verlangen nach Gehorsam leisten dabei gute Dienste. — Oder der 
Erzieher gibt selbst zu, im Kinde durchaus nicht den kleinen Schwerverbrecher 
vor sich zu haben. Aber er hält aus sittlichen Gründen eine strenge Zucht in 
der Erziehung für erforderlich. Er erreicht damit tatsächlich meist genau das 
von ihm erstrebte Ziel, das Kind zu eben demselben „moralischen" Menschen 
heranzubilden, wie er es selbst ist: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird dieses 
Kind nämlich als Erwachsener selbst ein Sadist geworden sein, der seine 
Kinder und Zöglinge ebenso „streng" behandelt. — Der pädagogische Sadismus 
muß sich aber nicht unbedingt in der Form der Prügelstrafe entladen ; er kann 
sich auch in scheinbar zahmerer, für die Seele des Kindes aber nicht minder 
grausamer Form äußern. Sticheleien, Hohn und Spott oder auch tägliches, durch 
seine Dauer aufreibendes und zermürbendes Schimpfen und Nörgeln der Er- 
zieher ist sehr häufig auf solchen Sadismus zurückzuführen. Das unbewußte 
Ziel, das Selbstgefühl des Kindes herabzusetzen, das Kind zu demütigen und zu 
quälen, wird jedenfalls dadurch genau so oder gar noch besser erreicht als 

durch Prügel. 

Innerlich verwandt mit der Strafe aus sadistischem Aggressionstrieb ist die 
Strafe teils aus Rache teils aus N e i d. Hier ist der Mechanismus 



ü Wir verweisen auf unsere S. 3*5 gemachte Bemerkung, daß sadistische und 
masochistische Strafen vielfach auch durch anal-fixierte Ohjekthbido ausgelöst sind. 
Ferner führt das reaktive Umschlagen verdrängter (meist inzestuöser) Liebe m Haß 
in vielen Fällen zur Verstärkung vorhandener sado-masochistischer Tendenzen. 

2) Wenn nichts Besonderes gesagt ist, ist unter „Erzieher" im folgenden jede 
Erziehungsperson verstanden, also gleichermaßen Eltern und Berufserzieher. 

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der Gegenbesetzung an der Arbeit. Der Kummer und die Betrübnis, die 
den Erzieher angesichts der kindlichen Unart ergreifen, werden in ihrer ich.- 
zer stören den Wirkung dadurch abgeschwächt, daß das Ich den destruktiven. 
Trieben nach außen ein Ventil öffnet. Die vielleicht nur mühsam unter- 
drückten Aggressionstriebe können in strafende Handlungen ausfließen, und die 
seelische Balance des Erziehers ist wiederhergestellt. Der rationale Überbau 
heißt auch hier nicht selten „sittliche Entrüstung". Diese Reaktion auf die 
kindlichen Missetaten nimmt ihre treibende Kraft vom Andrängen des mit 
Mühe nur verdrängten ungezogenen Kindes in uns Erwachsenen. 
Je weniger diese Verdrängung gelungen ist, desto eher werden wir bei Unarten 
der von uns zu erziehenden Kinder zu Strafen neigen. Witt eis 1 bemerkt 
einmal sehr feinsinnig : „Der nazarenische Satz : Den ersten Stein werfe auf sie, 
wer sich selbst frei von Schuld fühlt, erhält seinen tiefen Sinn erst dann, wenn 
man einsieht, daß um so leidenschaftlicher gesteinigt wird, je schuldiger inner- 
lich die sich fühlen, welche die Steine aufheben". (Wobei es übrigens auch 
hier nur auf die psychische Realität der Schuldgefühle ankommt, nicht auf 
ihre physisch reale Begründung.) Es ist also hier so, daß der Erzieher als 
„potentiell unartiges Kind" sich einer Verlockung gegenübersieht, die gleich- 
zeitig wie ein Hohn wirkt. Das Kind tut, was er sich selbst versagen muß. 
„Es darf, ich nicht", denkt sein Unbewußtes, und sein bewußtes handelndes 
Ich straft. Diese Strafe ist also Vergeltung aus Neid und zugleich in 
manchen Fällen eine Selbstbestrafung, eine Bestrafung des ungezogenen Kindes 
in uns. 

b) Masochismus: Es kann nun aber auch eine masochistische Einstellung 
der Erzieherpersonen zur Anwendung von Strafen führen. Nur ist das recht 
schwierig festzustellen, und der genaue Nachweis, daß es sich in diesen Fällen 
um Masochismus handle, dürfte wohl nur unter Zuhilfenahme einer Analyse 
oder mindestens des Traummaterials der Erzieherpersonen gelingen. Meist stellt 
auch hier der Todestrieb die Energiequelle dar; denn der Masochismus ist ein 
auf das Ich zurückgezogener Sadismus, und da die Abziehung der destruktiven 
Ichtriebe vom Ich und ihre Bindung an Objekte der frühere Vorgang war, so 
ist der Masochismus eine Regressionserscheinung auf dem Ge- 
biete des Todestriebes 2 . Die Sadisten und die Masochisten unter den 
strafenden Erziehern werden sich nur schwer auseinanderhalten lassen. 

Wie kommt nun der Masochist, dem man es doch am wenigsten zutraut, 
zur Anwendung von Erziehungsstrafen? Hier gibt es zwei Möglichkeiten: 

1) Der Masochist will sich mit dem dem Kinde zugefügten Übel selbst 
treffen. Bei Prügelstrafen kann man dann also sagen: Der Masochist schlägt 
sich selbst im Objekt. Das ist durch narzißtische Identifikation des 
Erziehers mit dem Kinde erklärbar, die zur Umwandlung des Triebzieles führt 
(aktiv-passiv). Es wäre dies die feminine Form, in der sich strafende Erziehungs- 
maximen von Generation zu Generation fortpflanzen können. Es ist ja bekannt, 

1) Fritz Witt eis, Die Welt ohne Zuchthaus, S. 97. 

2) Siehe Freud, Jenseits des Lustprinzips, Ges. Schriften, Bd. VI, S. 247. 

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daß die Frauen, weil bei ihnen die narzißtische Triebkomponente stärker aus- 
geprägt ist, auch mehr zum Masochismus neigen als die Männer. Voraussetzung 
zur Erziehungsstrafe aus Masochismus ist also ein Straf bedürfnis des Erziehers. 
2) Der Masochist will sich mit den Folgen des Übels treffen, das er dem 
Kinde in Form der Strafe zufügt. Denn der pädagogische Masochismus kann 
sich auch so äußern, daß die Eltern sich durch das M i ß r a t e n ihrer Kinder 
quälen bzw. strafen wollen. Auch hier liegt häufig ein Strafbedürfnis der Er- 
zieher (in dieser besonderen Form meist der Eltern) vor, das jedoch ohne 
narzißtische Identifikation wirksam wird. Zur Erreichung der Selbstpeinigung 
(oder Selbstbestrafung) wird in solchem Falle vielmehr ein anderer Umweg 
beschritten, der über Heranbildung leben s untüchtiger Kinder 
durch falsche pädagogische Maßnahmen. Das kann man auf 
zwei Wegen erreichen, entweder durch Nichtstun, das dann selbst noch 
bei beginnender Verwahrlosung beibehalten wird, oder durch Strafen. 

II) Narzißtische Libido: 

H. Hanselmann, der Leiter des heilpädagogischen Seminars Zürich, 
äußert sich einmal in einem Aufsatz über .Schwererziehbare Kinder" über die 
so beliebte Maulschelle 1 : „.Ohrfeigen' und ,Maulschellen' sind nicht Strafen, 
sondern Verzweiflungstaten des Erziehers, die als Kurzschlußphänomene ver- 
werflich, wenn auch verstehbar sind". Was sind das für „Kurzschlußphänomene", 
wo „die Hand ausrutscht"? Steckt nicht hinter dieser Art von „Strafen" die 
Gedankenlosigkeit und H i 1 f 1 o s i g k e i t des Erziehers ? Erziehen ist 
eine sehr schwere Aufgabe, und solche „Kurzschlußphänomene" sind für den 
Augenblick geeignet, den Erzieher über Schwierigkeiten hinwegzutäuschen. 
Alexander H e r z e n hat den Ausspruch getan : „Vielleicht quälen die Menschen 
die Kinder und manchmal auch die Erwachsenen nur darum, weil es so schwer 
ist, sie zu erziehen, und so leicht, sie zu schlagen ? Vielleicht rächen wir uns 
für unsere eigene Unfähigkeit, wenn wir unseresgleichen quälen?" Uns scheint, 
Herzen hat hier in der Tat das Richtige getroffen. Die Gedanken- und Hilf- 
losigkeit ist nicht die alleinige Ursache solcher pädagogischer Fehler, sie ist nur 
eine Vorbedingung für das Wirksamwerden stärkerer, triebhafter Kräfte : der 
Eigenliebe, des Narzißmus. Hartherzige Erziehung mit häufigen Strafen 
findet sich deshalb oftmals bei Erziehern mit stark ausgeprägtem Narzißmus. 
Denn je stärker der narzißtische Teil der Libido ist, desto bedeutungs- und 
wirkungsloser wird der objektlibidinöse Teil. Kühl berechnende Naturen, Ich- 
linge, die nur wenig innere Gefühlsbindungen zu ihrer Umgebung anknüpfen 
können, eignen sich wenig zur Erziehung. Solche Menschen vermögen sich nicht 
in die Seele anderer Menschen hineinzuversetzen, sondern nehmen als selbst- 
verständlich an, „daß der Zögling denkt, wie er, der Erzieher, es selbst tut, 
und wenn das Kind deutliche Zeichen abweichender Gedankenbahnen von sich 
gibt, so ist dies dem betreff enden ichsüchtigen Vater ein Dorn im Auge" (Oskar 

1) Das Zitat ist einem Auszug der Schrift entnommen, der sich in Heft 2/3 der 
Zeitschrift „Das werdende Zeitalter", 1930, findet (S. 103). 

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P f i s t e r, Elternfehler). Die erzieherischenSchwierigkeiten werden 
vom narzißtischen Erzieher als Unbequemlichkeiten empfunden, sie bedeuten 
für ihn „narzißtische Kränkungen", Störungen seines inneren Gleich- 
gewichts, auf die er mit einer Störung seines äußeren Gleichgewichts reagiert. 
Wenn ihn jemand aus der Ruhe bringt (seinen Ruhetrieb stört, können wir 
sogar manchmal sagen), dann „schlägt er aus 1 ". Getroffen wird bei diesem Aus- 
schlagen nicht immer der Ruhestörer selbst (ein Dritter oder das Kind), sondern 
das Kind muß vielfach auch dann daran glauben, wenn die narzißtische Kränkung 
nicht von ihm selbst ausgegangen ist. Mit anderen Worten, der narzißtische 
Erzieher neigt umso eher zum Strafen, je mehr er aus seinem Gleichgewicht 
gebracht ist. Wird er gesellschaftlich verachtet, von Seinesgleichen oder Vorge- 
setzten „geschnitten", werden seine Leistungen nicht genügend anerkannt, hat 
er Enttäuschungen und Mißerfolge in finanzieller Beziehung, immer wird dieser 
Mensch seine Wut an seiner Umgebung auslassen, und zur „Umgebung" gehören 
leider auch — die Kinder. 

Gewisse besonders verbreitete und typische Erziehungsfehler können wir 
wohl auch zum großen Teil auf den Narzißmus der Erzieher zurückführen: 
Das Abbitten müssen, die Gelübde (es nicht wiederzutun u. dgl.) und 
ähnliche längst als überflüssig oder sogar schädlich erwiesene Praktiken gehören 
hierher. Derartige „Eitelkeitsstrafen" gehören vielfach mit den Körperstrafen 
gelinderen Grades zusammen zum Arsenal derjenigen Pädagogen, die zur Erhöhung 
ihres eigenen Machtgefühls die Forderung des unbedingten Gehorsams, des 
sogenannten Kadavergehorsams, aufstellen, und bei deren kümmerlichen päd- 
agogischen Theorien die „Autorität" des Erziehers im Mittelpunkt steht. Um 
nicht mißverstanden zu werden, soll hier betont sein, daß auch wir die Autorität 
der Erzieherpersönlichkeit für eine der wichtigsten Voraussetzungen pädagogischer 
Erfolge halten, aber nur jene Autorität, die vom Kinde und von 
seiner Bindung an den Erzieher ausgeht. Die richtige päd- 
agogische Autorität ist also die Wirkung libidinöser Triebe des Kindes und nicht 
narzißtischer Triebe des Erziehers. Der narzißtische Erzieher dagegen wendet 
jene falsche Autorität an, die die Wertschätzung und Achtung der eigenen 
Person durch Machtmittel sichern will, und die deshalb auf Schulzucht, Ehrer- 
bietung vor den Erwachsenen und ähnliche Formalitäten (wohlverstanden als 
bloße Äußerlichkeiten) das größte Gewicht legt. 

IU) Objektlibido: 

Die Verbindung von narzißtischer und objektlibidinöser Bedingtheit der 
Erziehungsstrafe stellen uns die Fälle her, wo die Strafe (wie das in der indi- 
vidualpsychologischen Literatur wohl ausschließlich geschieht), aus Minder- 
wertigkeitsgefühlen und deren Überkompensation, dem Geltungs- 
bedürfnis, zu erklären ist. Denn entweder ist diese pädagogische Herrsch- 
sucht aus Minderwertigkeitsgefühl auf frühinfantile und unbewußt gewordene 
narzißtische Kränkungen zurückzuführen, oder aber es verbirgt sich dahinter 
eine Störung in der Entwicklung der objektlibidinösen Triebe. Es ist nun völlig 

- 332 - 



ausgeschlossen, aus der Fülle der hier gegebenen Möglichkeiten auch nur die 
meisten im Einzelnen aufzuführen. Lediglich einige typische Verwicklungen 
sollen wegen ihrer Häufigkeit hier Erwähnung finden. 

Die bereits in unseren allgemeinen Ausführungen mehrfach erwähnte „pro- 
jizierende oder objektlibidinöse Identifikation" gehört in 
allererster Linie hierher. Die durch die eigene „strenge" Erziehung nicht ge- 
nügend abgebauten und bis in die Erwachsenenzeit festgehaltenen Todeswünsche 
gegen den Vater (aus der Ödipussituation) werden nun, da man sich mit dem 
eigenen Vater identifiziert, in das Kind projiziert. In das Kind werden nun auf 
dem Wege des „rationalen Überbaues" allerlei Unarten hineingesehen, ähnlich 
wie wir das beim sadistischen Erzieher kennengelernt haben. Ja, diese unbe- 
wußte Projektion von Todeswünschen kann sogar unter Umständen mit dem 
Masochismus Hand in Hand gehen, indem der Vater etwa sich einen mißratenen 
Sohn wünscht, um so eine Rechtfertigung für seine instinktive Abneigung zu 
haben. — Auch kann eine ursprünglich instinktive Zuneigung zu den gleich- 
geschlechtlichen Zöglingen durch Überkompensation in ihr Gegenteil verkehrt 
werden ; unbegründet harte Erziehungsmaßnahmen, militärischer Drill und häu- 
fige Strafen sind dann die Folge. Stauen sich solche, wie auch immer ent- 
standene, schwache Haßgefühle gegen den Zögling lange Zeit im Erzieher an, 
so können sie sich bisweilen explosiv im Jähzorn entladen. 

In derartigen Fällen, in denen sich das Ich bemüht, sich durch Projektion 
und Überkompensation von seinen eigenen Konflikten abzulenken, ist es begreif- 
licherweise außerordentlich schwierig, die Erzieher auf das Fehlerhafte ihrer 
Handlungsweise aufmerksam zu machen. Mit Recht bemerkt P f i s t e r (in 
„Elternfehler") nach der Erwähnung der genannten Erscheinungen : „Die grim- 
mige Abneigung, sich in die Tiefenwelt der Kinderseele einführen zu lassen, 
entspringt gleichfalls oft dem Grauen vor der Höllenfahrt in die eigene Seele. 
Und damit wird die Verständnislosigkeit gegenüber dem Kinde erst recht ge- 
schützt." Verfasser hat bei seinen Versuchen, durch Kurse und Aussprachen 
pädagogisch aufklärend auf die Elternschaft einzuwirken, das wiederholt am 
eigenen Leibe erfahren. 

Auch die von Pf ist er erwähnte „Verwechslung des Einst mit dem Jetzt" 
gehört hieher, jene Wiederherstellung eigener Kindheits- 
erlebnisse, welche das Schwanken und die Ungleichmäßigkeit in der 
Praxis so mancher Eltern und Erzieher erklärt. Das plötzliche Umschlagen 
von Liebe in Haß „geschieht oft dadurch, daß das Kind durch sein Verhalten 
an diesen oder jenen anderen Menschen erinnert, z. B. an die ungeliebte 
Stiefmutter, an eine heißgeliebte Schwester, an eine erlittene Züchtigung usw." 
(„Elternfehler"). Auf diese Weise kann jede in der Kindheit des Erziehers 
einmal eingetretene Fixierung an ein Trauma objektlibidinöse Verwicklungen 
schaffen, die dann später in der Erziehungspraxis verhängnisvoll werden. 

Den Übergang zu den eigentlichen Sexualneurosen bilden jene Fälle, in denen 
sich die pädagogischen Strafmaßnahmen aus Eifersucht auf die Lieblinge 
des anderen Elternteiles erklären lassen. Diese Erscheinung, ebenso wie ihr 

— 333 - 



Gegenstück, die überschwängliche Verzärtelung der Kinder, geht auf ein neu- 
rotisch-ambivalentes Verhalten in der Beziehung eines Ehegatten zum anderen 
zurück. Der psychische Mechanismus der Eifersuchtsstrafe wird uns sogar leich- 
ter verständlich werden, "wenn wir zuerst die zweite Erscheinung betrachten. 
Die Psychoanalyse hat uns ja gelehrt, extreme Gegensätze als die Pole einer 
schwankenden, gewissermaßen oszillierenden Ambivalenzhaltung anzusehen, und 
häufig wird uns das eine Extrem unschwer erklärbar, wenn wir uns zuerst 
dem leichter verständlichen Gegenteil zuwenden. — Die Verzärtelung der Kin- 
der, wie auch die verwandte, meist bei Frauen zu beobachtende Erscheinung 
einer (objektiv gefährdenden) Überängstlichkeit und peinlicher Beobachtung der 
Gesundheit des Kindes, sie haben beide bei näherem Zusehen zumeist eine 
sehr einfache Erklärung: die mangelnde S exu al b ef r ie d igung 1 . Han- 
delt es sich um Frauen, so mag zum kleineren Teil wohl das Verhalten de« 
Ehemannes die unmittelbare Ursache dazu sein, in der überwiegenden Mehr- 
zahl der Fälle aber wird es ziemlich gleichgültig sein, ob der Gatte seine „ehe- 
lichen Pflichten" erfüllt oder nicht: die Frau ist impotent (anästhetisch, meist 
infolge einer Hysterie oder einer verwandten Neurose), und der Mann selbst 
braucht das noch nicht einmal immer zu merken und zu wissen. Wie dem auch 
sei, ob die Ursache der mangelnden sexuellen Befriedigung beim anderen Ehe- 
gatten oder in der eigenen Person liegt, in jedem Falle ist hier durch die 
Verstopfung des elementaren Sexualtriebes eine objektlibidinöse Stau- 
ung gegeben, und das Hineinwachsen der eigentlich genitalsexuellen Zärtlich- 
keit in die durchaus anders gearteten Beziehungen zum Kinde ist die Folge. 
Bei der eifersüchtigen Strenge des einen Elternteiles gegen die Favoriten 
des anderen liegen die Ursachen ganz ähnlich. Die eifersüchtige Einstellung 
und die daraus entspringende Abneigung gegen die Kinder ist nichts anderes 
als der Wunsch nach dem „Alleinbesitz" des anderen Ehegatten. Abgesehen 
davon, daß sich dieser Besitzerstandpunkt in der Liebe eigentlich nur bei pri- 
mitiven, nicht voll ausgereiften Naturen findet, die noch etwas vom infantilen 
„Alles oder Nichts-Prinzip" an sich haben, so deutet dieser Wunsch nach Allein- 
besitz gewöhnlich darauf hin, daß die Person, von der er ausgeht, irgend einer 
besonderen Bestätigung ihres Geliebtseins bedarf. Wie könnte sich 
so ein erotisches Minderwertigkeitsgefühl entwickeln, wo die volle, immer 
wieder beglückende und in sich beweiskräftige physiologische Liebesfähigkeit 
besteht und betätigt wird? Wir sehen also: Auch hinter dieser merkwürdigen 
Eifersucht mancher Elternteile auf die eigenen Kinder steckt ein psychophysi- 
scher sexueller Defekt oder eine seelische Diskrepanz der sonst vielleicht psy- 
chisch gesunden Ehegatten 2 , in jedem Falle also eine mangelhafte Sexual- 
entspannung. 

1) Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß auch eine Überdeckung eines 
unbewußten Wunsches nach dem Tode des Kindes jene Verzärtelung oder Überängst- 
lichkeit herbeiführen kann. (Siehe darüber Pfister, „Elternfehler", S. 37.) 

2) Denn die Sexualentspannung ist durchaus keine rein physiologische Ange- 
legenheit. 

- 334 — 



Es bleibt uns nur noch übrig, zum Schluß unserer — es sei nochmals betont, 
unvollständigen — Aufzählung die Fälle anzuführen, in denen die sexuelle 
Unbe friedigung ohne den Umweg über die Eifersucht die unmittel- 
bare Ursache zur Gereiztheit und dadurch zu ausgiebigen Erziehungs- 
strafen ist. Wir sind allerdings der Meinung, daß an dieser scheinbar direkt 
durch Objektlibido bedingten Strafe in Wahrheit wieder der Todestrieb mit- 
beteiligt ist. Wir nehmen an, daß der hierbei ablaufende psychische Vorgang 
folgender ist: Durch die sexuelle Unbefriedigung wird die psychische Wider- 
standsfähigkeit gegen die Mächte des Aggressionstriebes geschwächt, die nor- 
male Legierung von Lebens- und Todestrieb wird teilweise rückgängig gemacht, 
so daß destruktive Triebenergie frei wird, die sich nun nach außen entlädt. 
Die sexuelle Unbefriedigung verursacht also eine Triebentmischung, so 
daß sich ein Teil der Aggressionstriebe ungehemmt in Erziehungsstrafen aus- 
toben kann. Die übliche Rationalisierung heißt hier (wie überall) auch „mora- 
lische Erziehung". Solche Fälle sind selbst vom wenig geschulten Beobachter 
meist schon bei einer ersten Begegnung zu erkennen und zu verstehen. Be- 
dauernswert sind diese Mütter, deren Streitbarkeit einem schon bei dem ersten 
Wort über Erziehung mit dem ganzen Programm atavistischer Methoden ins 
Gesicht springt, und die sich nicht genug über die bösen Neuerungen der mo- 
dernen Pädagogik entrüsten können; (überzeugen kann man sie nicht, denn sie 
hören gar nicht zu). Aber noch bedauernswerter sind die armen Kinder, die 
solcher Mutter (und dem meist dadurch in Mitleidenschaft gezogenen Vater) 
ausgeliefert sind, und denen, falls e« Töchter sind, mit großer Wahrscheinlich- 
keit eine ebenso unbefriedigende Ehe vorausgesagt werden kann. 

Wir sagten schon oben, der größte Teil der Fälle sexuellen Unbefriedigtseins 
bei Frauen ist aut die mangelnde Auslösbarkeit des Orgasmus, die weibliche 
Impotenz, zurückzuführen, auf deren grauenhafte Verbreitung jüngst von 
Wilhelm Reich 1 mit erschütternden Ziffern hingewiesen wurde. Diese weib- 
liche Impotenz kann selbst wieder die mannigfachsten Ursachen haben. 

Es gibt aber neben der eigentlichen, meist psychisch, seltener organisch be- 
dingten, weiblichen Impotenz immerhin noch zahlreiche Fälle scheinbarer 
Impotenz, in denen die sexuelle Unbefriedigung der Frau sehr wohl ver- 
meidbar ist. Diese Unbefriedigung der Frau infolge technischer Ursachen soll 
hier deshalb noch ausdrücklich Erwähnung finden, weil sie zu den wenigen 
verbreiteten sexuellen Mißständen gehört, die man wirksam durch bloße Aut- 
klärung bekämpfen kann, zu deren Behebung also eine Analyse nicht erforder- 
lich ist. Wir denken hier namentlich an zwei Fälle: Entweder kommt die Frau 
bei der Umarmung nicht zu ihrem Recht, weil sie es nicht versteht, Vorlust 
und Endlust so zu verteilen, daß ihr Orgasmus erreicht wird. Oder beide Gatten 
bringen sich durch Unterbrechung des Aktes (coitus interruplus) um 
die sexualhygienisch unbedingt erforderliche Entspannung. Die mangelnde Aus- 
lösung der Mutt er (und auch des Vaters) beim coitus interruptus ist in einer 

Referat auf dem 4. Internat. Kongreß für Sexualreform in Wien, September 1950, 

veröffentlicht in „Sexualnot und Sexualreform«, Wien, Elbemühlverlag. 

— 335 — 



großen Zahl derFälle praktisch dieUrsache der nörgeln- 
den und strafenden Erziehung! 

Doch zurück, zur eigentlichen Impotenz: Wenn man sich über die oben ge- 
schilderten Zusammenhänge zwischen dieser Neurose und einer verfehlten Er- 
ziehung und deren Folgen im klaren ist, so muß uns schon allein die enorme 
Häufigkeit derartiger sexueller Störungen in Schrecken und Besorgnis versetzen. 
Nehmen wir aber weiter zurückschauend noch die ganze Skala der hier auf- 
geführten Möglichkeiten hinzu, nach denen Eltern und Erzieher in triebhafter 
Verstrickung ihre Zuflucht zu Erziehungsstrafen nehmen und dadurcli ihre Kinder 
schädigen, und bedenken wir ferner, daß dieses Unheil in jeder Generation „fort- 
zeugend Böses muß gebären", so kommen wir damit zum Schlußpunkt unserer 
Betrachtungen, zu der Frage: Welche Maßnahmen sollen hier ergriffen 
werden? 

Ehe wir hier an konkrete Vorschläge denken, möchten wir zuvor noch eine 
andere Frage aufwerfen: Was sind das für Menschen, die ihre Kinder nicht 
strafen? Es sind die wenigen Glücklichen, denen jene Befreiung von den 
männlichen und weiblichen Urinstinkten, jene Vermeidung von strafender Strenge 
und weichlicher Verzärtelung gelungen ist, die wir im Anfange unseres Buches 
„Sexualerziehung" * als „Neutralisierung" der Erziehung bezeichnet haben. 
An sich könnte eine solche praktische Ausschaltung unerwünschter Wirkungen 
der Triebe auch durch Verdrängung der unangebrachten hereditären Trieb- 
regungen sich vollziehen, d. h. also durch Entzug der psychischen Besetzung 
von der psychischen Bepräsentanz dieser Triebregungen. Aber bei der Ver- 
drängung weiß man nie, ob sie gelingt. Nur die gelungene Verdrängung 
würde zu einem Grade von „Beherrschung" der Triebe führen, der eine sach- 
liche Erziehung gewährleisten könnte. Ändert sich aber die psychische Ver- 
dauungskraft des betreffenden Menschen, oder treten neue, starke Versagungs- 
ansprüche an ihn heran, so kann diese Verdrängung noch späterhin mißlingen. 
Und die mißlungene Verdrängung öffnet bekanntlich allen neurotischen 
Libidoverschiebungen Tür und Tor. In der großen Mehrzahl der Fälle gelingt 
die Verdrängung derartiger elementarer atavistischer Begungen mindestens nicht 
völlig. 

Die Sublimierung, das ist die mit der Verschiebung auf andere Ziele 
in Zusammenhang stehende völlige Vertauschung des libidinösen 
T r i e b z i e 1 e s , ist die einzig sichere Basis der erzieherischen Neutralität. Der 
Erzieher bedarf also, wie Bernfeld es ausdrückt, der „echten sublimen 
Liebe" zu Kindern; nichts nützt ihm die „scheinbar sublime, in Wahrheit gänz- 
lich unabgelenkte, aber von ihrem ursprünglichen Ziel abgedrängte Libido" 2 . 
Von dem eigentlichen Vorgang der Sublimierung wissen war noch recht wenig. 
Nur so viel ist gewiß, daß die Sublimierungsfähigkeit des einzelnen 
Menschen in starkem Maße verschieden ist, und daß diese Verschiedenheit zum 

i) Magnus Hirschfeld und Ewald Böhm, „Sexualerziehung", Der Weg durch 
Natürlichkeit zur neuen Moral, Universitäts-Verlag, Berlin. 
2) Bernfeld, Sisyphos, S. 144,. 

— 336 - 



Teil -wohl auf konstitutionellen Momenten, zum nicht geringen Teil aber auch 
auf der frühkindlichen Erziehung beruht. Und hier nun „beißt sich die Katze 
in den Schwanz". Wohl ist jede Erzie h u n g s reform der Sache nach eine 
Erzie her reform ; aber die Reform der Erzieher hängt großenteils wieder von 
pädagogischen Voraussetzungen ab, weil sie an die Sublimierungsfähigkeit der 
Erzieher appelliert, die beim Erwachsenen bei-eits mehr oder minder beschränkt 
ist. „Es ist", wie Bernfeld 1 sagt, „der Hexenring, in den die Pädagogik 
gebannt ihre wunderlichen Tänze zelebriert, indem sie die neuen Erzieher für 
die neuen Menschen sucht". 

Wahrlich, unsere Untersuchungen haben uns vor ein schwieriges Problem 
gestellt : Wir wollen die Strafe aus der Erziehung verbannen, 
weil sie die Menschen verdirbt, und haben nun festgestellt, daß ge- 
rade bei der Anwendung von Strafen die Erzieher zumeist unter 
einem triebhaften Zwange handeln, weil sie auch ihrerseits 
mit Strafen erzogen worden sind. Wie kann wohl aus dieser end- 
losen Kette der Verhängnisse ein Glied herausgenommen werden ? 

Uns scheint, die Lösung dieses Problems liegt auf dem Gebiete der 
Soziologie. Das Kind darf möglichst nur mit psychologisch geeig- 
neten und fachlich geschulten Erziehern in Berührung kommen, 
mit anderen Worten (da ja heute nur eine verschwindende Minderzahl der 
Erwachsenen die verlangten Qualitäten zum Erzieher besitzt) die Umgebung 
des Kindes muß bewußtund systematisch v erkl ein er t un d 
verbessert werden. Was eine bessere Zukunft uns in dieser Hinsicht 
bringen wird, wissen wir nicht. Was aber heute schon geschehen könnte, 
soll als kurzes Programm hier noch skizziert werden: 

1) Es sollten allenthalben für die Kleinkinder vom vollendeten 1. bis zum 
7. Lebensjahr (Schulbeginn) Kindergärten und Kleinkinderschulen 
eingerichtet werden, in denen die Kinder den größten Teil des Tages (von 
8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends) unter sachverständiger Aufsicht stehen. Für 
die kleinsten Kinder ist dabei an das Vorbild der englischen „Nursery Schools" 
gedacht 2 , von denen ein so kompetenter Fachmann wie Bertrand Russell sagt 3 : 
„Wenn sich diese Kinderschule allgemein durchsetzen würde, könnte sie in 
einer Generation die tiefen Gegensätze in der Erziehung beseitigen, die im 
Augenblick die Klassen voneinander trennen, könnte eine Bevölkerung hervor- 
bringen, der ausnahmslos die körperliche und geistige Entwicklung zuteil würde, 
die bis jetzt auf ein paar Begünstigte beschränkt bleibt. Solche Erziehung könnte 
ferner den furchtbaren Ballast Krankheit, Dummheit und Bosheit aus dem Wege 
räumen, der heute den Fortschritt so schwierig macht". Wenn wir auch be- 
züglich der Bosheit nicht so optimistisch sind wie Russell, so halten jedenfalls 
auch wir mit Bernfelds Worten „die Organisation des Kinderlebens in 

1) Ebenda, S. 157 — 138. 

2) Siehe Margaret M c Mi 11 an, „The Nursery School", Dent 1919. Die Ver- 
fasserin ist Leiterin der vorzüglichen Kleinkinderschule in Deptford. 

3) Bertrand Russell, Ewige Ziele der Erziehung, S. 1 74. 



Zeitschrift f. psa. Päd., V/8/9 337 



34 



eigenen Institutionen, die für eine überwältigende Mehrzahl aller Kinder Ent- 
faltung, Blüte, Harmonie bringt" für „die eine große Möglichkeit der Erziehung" . 
2) Die Elternschaft wird sagen: „Dann haben wir doch gar nichts 
von den Kindern". Das eben ist der falsche Standpunkt, und ihn gilt es 
systematisch zu bekämpfen. Erstens haben die Eltern noch sehr viel von ihren 
Kindern, und zweitens sind die Kinder kein Spielzeug für das große Kind in 
den Eltern! Verständige Eltern propagieren heute schon selbst die Idee der 
Kleinkinderschule und wissen sehr wohl, daß sie im Ergebnis dadurch vielleicht 
sogar noch mehr von ihren Kindern „haben". Darum gilt es, die Elternschaft 
aufzuklären und sie anzuleiten zur verständigen Zusammenarbeit mit 
den Kleinkinderschulen und Kindergärten. Systematische Eltern- 
erziehung in Kursen muß deshalb obligatorisch werden. Sie kann 
am besten von den Leitern der nach Distrikten aufgeteilten Kleinkinderschulen 
und Kinderhorten erfolgen, erforderlichenfalls auch von besonders dazu bestellten 
(staatlichen oder städtischen) Elternpädagogen. 

3) Den Schulkindern muß für ihre Freizeit eine genügende Anzahl 
öffentlicher Kinderhorte zur Verfügung stehen. 

4) Das für die Kleinkinderschulen, Kindergärten und Kinderhorte anzustel- 
lende Personal muß nach seiner Eignung besonders ausgesiebt werden. 
Anwärter mit überdurchschnittlichen Neurosen dürfen nicht zugelassen werden. 
Dieses Personal sowie die Lehrerschaft der öffentlichen Schulen muß 
ferner in der modernen tiefenpsychologischen Pädagogik gründlich theore- 
tisch und praktisch ausgebildet werden. An den pädagogischen 
Akademien sollten psychoanalytische Kinderpsychologie und Sexualwissenschaft 
Pflichtfach werden. Die alte scholastische Psychologie und die älteren aka- 
demischen Psychologieschulen finden ihren Platz besser in der Geschichte der 
Psychologie und Pädagogik. Auf diese Weise kann eine unnütze Überlastung 
der Studenten mit theoretischem Ballast vermieden werden. — Das Projekt 
Prof. Ernst Schneiders zur Gründung eines psychoanalytischen Pädagogiums 
mit anschließender Mütterschule sollte möglichst rasch aus öffentlichen Mitteln 
durchgeführt werden. 

5) Wenn der Staat wirklich etwas für die moderne Erziehung tun will, 
so könnte und müßte er die Einrichtung der Kindergärten und Klein- 
kinderschulen durch Gesetz obligatorisch machen. Das Gleiche 
gilt für die daran anzuschließende Elternausbildung. Noch besser freilich 
wäre der obligatorische Besuch von öffentlichen Kursen über Ehehygiene 
und Kleinkindererziehung für alle Neuvermählten. Auf den 
Besuch der Kinderhorte für Schulkinder braucht kein staatlicher Zwang aus- 
geübt zu werden. Wohl aber müßte die gründliche Aussonderung und Schulung 
des pädagogischen Personals gesetzlich geregelt werden. 

Diese meine letzten Ausführungen werden den Unwillen aller derer hervor- 
gerufen haben, die immerzu von Realpolitik reden. Wir sind uns aber über 
die Schwierigkeiten, die der Ausführung unserer Vorschläge entgegen- 
stehen, vollkommen im klaren. Dabei ist die Beschaffung des erforderlichen Per- 

— 338 — 



sonals noch die geringere Sorge; denn das ganze Projekt kann ja stufen- 
weise allmählich durchgeführt werden, etwa wie seinerzeit die 
Einrichtung des Katasters und der Grundbuchämter, die ja heute noch nicht 
ganz abgeschlossen ist. Aber man wird sich bei dem jetzt noch herrschenden 
Wirtschaftssystem (besser: -chaos) von Seiten der Regierung damit verteidigen, 
daß man für Erziehungszwecke keine Mittel habe. Doch ist bei 
der Reichswehr z. B. die sorgfältigste Auswahl der Anwärter und ihre gründ- 
lichste und kostspieligste Ausbildung eine Selbstverständlichkeit. Für die An- 
wendung der gleichen staatlichen Grundsätze bei den Pädagogen werden wir 
aber noch lange kämpfen müssen. Solange wir in einer Wirtschaftsverfassung 
leben, in der ein Drittel der amerikanischen Baumwollernte vernichtet werden 
muß, damit die Farmer nicht verhungern, während Millionen von arbeitslosen 
europäischen Arbeitern in zerfetzten Kleidern herumlaufen müssen, solange die 
Staatsregierungen für die Vernichtung unserer Kinder in einem künftigen Kriege 
noch immer ein Vielfaches von dem übrig haben 1 , was sie für ihre Erziehung 
ausgeben, solange wird unser ganzes Programm ein frommer Wunsch bleiben 
müssen. Erziehungsreform (auch und gerade im Sinne der Erzie her- 
reform) und Politik sind eben untrennbar miteinander ver- 
bunden. 

ü'.Iill 



Jähzorn und Selbstbestrafungstendenz 

bei einem Mädchen 

Von Dr. Alfhild Tamm, Stockholm 

Vor einiger Zeit wurde ich von einem Hofbesitzer wegen seiner elfjährigen 
Tochter Martha um Rat gefragt. Es handelte sich um „Bösartigkeit" und „Jäh- 
zorn." Das Kind war schon seit langer Zeit etwas reizbar, dies hatte sich seit 
etwa einem Jahr so verschlimmert, daß die Eltern schließlich vollständig ratlos 
wurden. Bei der geringsten Gelegenheit geriet Martha in wahre Wut, schrie 
und schlug um sich. Ihr Zorn schien gegen keinen bestimmten Menschen 
gerichtet zu sein. Oft warf sie Sachen aus dem Fenster und manchmal versuchte 
sie sogar, sich dann selbst hinauszuwerfen. Diese Wutausbrüche kamen nie in 
der Schule vor, sondern nur zu Hause. Schläge und Ermahnungen waren fruchtlos. 
Ein Arzt, der um Rat gefragt wurde, erklärte das Mädchen für nervös und 
überanstrengt und verschrieb eine stärkende, nervenberuhigende Medizin. Außer- 
dem riet er, den Schulbesuch für einige Zeit abzubrechen. Aber, obgleich Martha 
nun schon zwei Monate von der Schule befreit war, wurde ihr Zustand nur 

1) Zurzeit betragen die Gesamtkosten der Rüstungen aller Staaten nahezu 5 Mil- 
liarden Dollars, wie der Präsident H o o v e r in seiner Rede vom 5. Mai 1931 feststellt. 

— 339 — 24- 



immer schlimmer. Da sie die Beste ihrer Klasse war, ärgerte sie sich sehr 
darüber, ihren Platz verlieren zu müssen. 

Somatische Krankheitserscheinungen waren nicht vorhanden. Appetit und 
Verdauung waren gut, nur der Schlaf war unruhig. Sie hatte drei jüngere 
Geschwister, von denen das Älteste zweieinhalb Jahre jünger war als Martha. 
Die übrigen waren fünf, drei und ein Jahr alt. 

Ich sprach nun mit ihr unter vier Augen. Sie sah sehr ängstlich und ver- 
drießlich aus, machte aber einen höchst intelligenten Eindruck. Wir unterhielten 
uns eine Weile, ohne daß „die Bösartigkeit" erwähnt wurde, und allmählich glückte 
es mir, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich frug sie, ob sie öfters träume, was sie 
sofort bejahte. Sie erzählte ihre letzten Träume, die folgenden Inhalt hatten: 

I) Unser Pferd, fiel in einen Brunnen, wurde aber wieder heraufgezogen, und 

II) Unsere Kuh wurde krank und mußte geschlachtet werden. Zum Pferd fiel 
ihr der Vater ein, zu der Kuh die Mutter. Ich sagte ihr, es schiene mir, als 
ob sie in ihren Träumen besonders auf ihre Mutter böse sei, erklärte ihr, daß 
man für seine Träume nicht verantwortlich sei, und bat sie, mir zu sagen, was 
ihr weiter zu den Träumen einfiele. Sie antwortete darauf ohne Zögern: „Sie 
haben meine kleine Gans geschlachtet." Auf meine Frage: „Und was mehr?" 
sagte sie: „Sie haben die kleinen Kälber verkauft." Ich erkundigte mich nun 
näher nach den Tieren und erfuhr, daß Martha sich besonders durch das 
Schlachten der kleinen Gans tief gekränkt fühlte, da sie dieselbe als ihr 
Eigentum betrachtet hatte. Aus dem weiteren Zusammenhang ging hervor, daß 
die kleinen Tiere Symbole für sie selbst waren, ebenso wie Pferd und Kuh 
als Symbole für die Eltern galten. Ich versuchte ihr dies klar zu machen und 
frug sie, wie sie eigentlich auf die Idee gekommen sei, daß ihre Eltern ihr 
Böses zudachten. Sie antwortete: „Sie lassen mich immer allein gehen. Sie 
kümmern sich nur um meine kleinen Geschwister." Darauf antwortete ich ihr, 
daß dies ein Irrtum ihrerseits sein müsse. Ihre Eltern hätten ja diese weite 
Reise nach Stockholm ausschließlich ihretwegen gemacht. Sie habe ihnen wohl 
nie gezeigt, wie einsam sie sich fühle, sondern sei zornig geworden, so daß 
die Eltern sich gezwungen sahen, sie zu strafen. Auch würden dieselben wohl 
annehmen, daß ein so großes Mädchen wie sie gerne selbständig sei. Ich riet 
ihr, ihre Augen offen zu halten, so würde sie sicher bald merken, daß ihre 
Eltern sie lieb haben. Hierauf fingen wir an, ihre Wutanfälle zu erörtern. Als 
wir darüber sprachen, daß sie Sachen aus dem Fenster warf, kam sie wieder 
auf ihre Geschwister zu sprechen. Ich erklärte ihr, daß sie wahrscheinlich sehr 
eifersüchtig auf diese sei, und da sie ihnen selbst nichts Böses antun wolle, so 
werfe sie ihnen Sachen aus dem Fenster. Als Selbstbestrafung wolle sie dann 
sich selbst hinauswerfen. Ich ermahnte sie, darüber nachzudenken, was ich ihr 
gesagt hatte, und fügte hinzu, daß eine Sache, die sonst unmöglich erscheint, leicht 
sei, sobald man deren Ursache verstehe. Sollte ich mich bei ihr geirrt haben, 
so solle sie es mir mitteilen. Hierauf entließ ich das Mädchen und ihre Eltern 
und bat sie, am folgenden Tag wieder zu kommen. Beim zweiten Besuch sprang 
mir Martha mit einem befreiten Ausdruck im Gesicht entgegen und rief: .Tante 

- 340 - 



Doktor, Du hast recht." Wir besprachen nun die Schwierigkeiten noch einmal 
und sie versprach mir jetzt, wo ihr alles klar geworden war, zu versuchen lieb 
und gut zu sein. Früher wußte sie zwar, daß sie auf die Geschwister eifer- 
süchtig sei, doch war ihr der Zusammenhang zwischen diesen Gefühlen und 
ihren Wutausbrüchen nicht klar. 

Hierauf sprach ich mit ihren Eltern. Die Träume erwähnte ich nicht sondern 
sagte nur, daß sich Martha augenscheinlich zurückgesetzt fühle und daß dies 
der Grund ihrer Wutanfälle sei, ohne daß ihr dies jedoch selbst klar wäre. 
Auch sei es wünschenswert, daß sie ihr die gleiche Liebe und Zärtlichkeit wie 
ihren Geschwistern zuteil werden ließen. Ferner riet ich, sie wieder in die 
Schule zu schicken. Die Mutter antwortete mir darauf nachdenklich : „Ja, das wird 
schon stimmen. Marthas Wutanfälle fingen gerade zu der Zeit an, da unser 
altes Dienstmädchen starb. Dieselbe hat Martha seit ihrer frühesten Kindheit 
gepflegt und sich ihrer ganz besonders angenommen. Es war uns aber nicht 
klar, daß das Kind sich darnach so einsam fühlte, sie hat nie etwas darüber 
gesagt, und wir betrachteten sie ja auch schon als ein großes Mädel." 

Sieben Monate später kam der Vater zu mir und teilte mir mit, daß Martha 
jetzt wieder ganz hergestellt sei und fragte mich, wie sich die Sache eigentlich ver- 
halte, da ich ihr ja nicht einmal eine Medizin damals verschrieben habe. Er 
und seine Frau hätten zwar meine Ratschläge befolgt, sich aber doch über die 
Sache gewundert. 

Marthas Handlungsweise, Gegenstände aus dem Fenster zu werfen, erinnert 
sehr an die Episode, die Goethe in „Dichtung und Wahrheit" von sich selbst 
erzählt, nämlich, daß er alle möglichen Gegenstände aus dem Fenster geworfen 
hätte und zwar unmittelbar nachdem ihm sein Vater die Ankunft seines kleinen 
Bruders mitgeteilt hatte. Freud erklärt diese Handlung als ein symbolisches 
Beseitigen des Bruders. 1 Im Falle Martha geben sowohl ihre Träume als auch 
ihre Assoziationen Grund zur gleichen Deutung. Da indessen das Mädchen die 
Haßgefühle in sich nicht duldete, sondern dieselben teils auf tote Gegenstände, 
teils gegen sich selbst richtete, indem sie sich aus dem Fenster werfen wollte, 
so darf man sie nicht als einen Fall von „moral insanity" betrachten, sondern 
eher als ein Kind mit starken Haß- und Eifersuchtsgefühlen ansehen, welche 
sich gerne in Gewalttätigkeit äußerten. Da sie aber gleichzeitig sehr moralisch 
war, drückte sie dieselbe in symbolischen Handlungen aus und quälte die Um- 
gebung nur auf indirekte Weise. 

Daß bloßes Strafen nichts hilft, sieht man immer wieder; der Strafende 
erkennt daran das »Verstockte" oder gar eine abnorme Anlage des Kindes, — 
wir erkennen, daß solches Strafen sinnlos ist und nicht nur nichts helfen kann, 
sondern noch schadet, weil es den unbewußten Motiven für die Handlung 
bestärkendes Material hinzufügt und den Haß rechtfertigt. 

1) Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit". Ges. Schriften, Bd. X. 



— 341 — 



Du Menschenquäler ! 

Von Karl Pipal, Guntramsdorf 

i 

Von Prügelstrafen und ähnlichen Liebesbeweisen soll hier die Rede sein, und 
die Überschrift, die kurz und bündig ein richtiges Urteil über die auch heute 
noch bei vielen Eltern beliebte Erziehungsmethode fällt, verdanke ich meinem 
4 Vi jährigen Neffen. Burli, der in diesem Alter einen wahren Höllentanz auf- 
führte, wenn Mama allein ausgehen wollte, brachte einmal seinen Papa derart 
in Harnisch, daß er den kleinen Missetäter ergriff, übers Knie legte und anfing, 
mit dem „Spanischen" den Herrn im Hause zu beweisen. Aber Papa kam nicht 
weit, nach den ersten Streichen riß sich Burli los, sank in die Knie, ballte drohend 
die Fäuste und schleuderte seinem Vater mit tränen- und wuterstickter Stimme 
„Du Menschencmäler!" entgegen. Schrecklich war der Gesichtsausdruck, der 
seinen Worten den nötigen Nachdruck verlieh und Papa sofort zur Besinnung 
brachte. — Ein 4 Va jähriger Knirps hat den Arm wider seinen Vater erhoben, 
dies muß die autoritätsbewußte Seele vieler Väter aufpeitschen, ich höre ihre 
Meinung: „Das muß ein rechtes Früchterl sein, mir sollte er so etwas machen, 
ich möchte ihm schon den Zorn austreiben!" Und wenn Hiebe nichts nützen 
sollten, nicht wahr, allerweiseste Erzieher, so gibt es noch andere famose 
Mittelchen: „Wart' nur, der liebe Gott wird dir das garstige Handerl abfaulen 
lassen, er wird dich krank machen, das Christkind wird dir nichts bringen 
u. dgl. mehr". Wir Menschen sind stets bereit, wo unsere Kräfte versagen, den 
Beistand eines übersinnlichen Wesens anzurufen; auch ein strafender, grausamer 
Gott kann ja unser Bundesgenosse sein. Warum sollte es schließlich durch dra- 
konische Strenge nicht möglich sein, aus offenen Kindercharakteren überaus brave 
Heuchler und Sklavennaturen zu „erziehen"? Die äußeren Zeichen der inneren 
Affektaufwallung können durch Hiebe unterdrückt werden — übrigens kein 
Meisterstück — aber die Gedanken sind frei, und mißhandelte Kinder, die alles 
hinunterschlucken müssen, streuen ihren Bezwingern in Gedanken und Gefühlen 
keinen Weihrauch. Ich könnte mit einer Fülle von Belegen dienen, doch möge 
eine kleine Auswahl genügen: 

M.» (11 J.) Wenn mich der Vater oder die Mutter schlagen, möchte ich auch 
zurückschlagen, aber ich traue mich nicht. Einmal sind wir bei Tisch gesessen, da 
hat mir die Mutter eine (Ohrfeige) heruntergehaut. Da habe ich so einen Zorn 
bekommen, daß ich alle Schimpfnamen sagen wollte. 

M. (12 J., sollte Prügel bekommen, ging durch zu einer Tante.) Die Mutter 
suchte mich und fand mich bei der Tante. Sie ging in das Zimmer und wollte mich 
schlagen. Ich kroch unter das Bett und die Mutter haute fest auf das Bett und 
meinte, sie schlage mich. Ich aber stand schon bei der Tante, und die Tante sagte 
immer: „Hast du deinen Zorn schon ausgerutet?" Die Mutter sagte: „Warum? — Da 
steht ja das Luder, so ein Rabenvieh, so eine vermaledeite Gans!" Ich habe mir 
gedacht im Zorn „Du bist das gleiche". 

M. (12 J.) Wenn ich Schläge bekomme, möchte ich am liebsten zurückhauen, aber 

1) K: Knabe, M: Mädchen. 

— 342 — 



das darf ich nicht, denn wenn ich zurückschlage, möchte ich vielleicht noch mehr 
Schläge bekommen. Weil ich nicht zurückhauen darf, bin ich lange Zeit trotzig. 

M. fl* J-) Schläge habe ich schon oft bekommen, und immer dachte ich mir: 
Zurückschlagen, denn schuldigbleiben soll man nichts. Wenn die Mutter oder der 
Vater etwas zusammenschlagen, so geschieht niemandem etwas, aber wenn ich 
etwas zusammenschlage, bekomme ich meinen Lohn. Darum halte ich auf Prügel 
nichts und denke mir nur „Gleiches Recht für alle!". 

K. (13 J.) Wenn ich Schlüge bekam, wurde ich so zornig, daß ich vor Wut nicht 
wußte, was ich tun sollte. Oft wollte ich auch zurückschlagen, so war ich zornig. 

Ich werde zornig — ich mochte am liebsten zurückhauen — wenn ich auch 
zurückhauen könnte — ich hätte den Eltern eine (Ohrfeige) herunterhauen wollen!" 
Diese und ähnliche Äußerungen bekommt man immer wieder zu hören. Ge- 
schlagene Kinder wollen nach ihren Eltern schlagen, und nur die Angst, dann von den 
„Stärkeren" noch mehr mißhandelt zu werden, hält sie davor zurück. Das 
Bewußtsein ohnmächtiger Schwäche zwingt sie ferner, all die schönen Namen 
und Titelchen, die sie dem geliebten ElternteÜ beilegen, bei sich zu behalten. 
Wie lächerlich ist es, zu glauben, daß zur rechten Zeit erteilte Hiebe Liebe 
und Vertrauen erwecken könnten! Nein, Zwang erzeugt nur Gegenzwang, sät 
nur Haß, und dieser Haß kommt früher oder später in irgendeiner Form zum 
Vorschein. „Weil ich nicht zurückschlagen darf, bin ich lange Zeit trotzig!" 
Was die Prügelstrafe nicht alles bewirken soll; den Eigensinn des Kindes soll 
sie austreiben, soll es an Ordnung und Nettigkeit gewöhnen, soll das Kind 
gefügig machen und vor allem soll sie Arbeitswilligkeit und Fleiß wecken 
nur schade, daß die geprügelten Kinder in den meisten Fällen diesen Bestrebungen 
ein „Geradenicht" entgegensetzen. Als Beispiel: 

M. (11 J.) Ich kam einmal an einem Mittwoch heim und ging gleich schwimmen, 
Da kam meine Mutter und holte mich. Als wir nach Hause kamen, ging sie ins 
Zimmer, holte den Hosenriemen meines Vaters und schlug mich so viel, daß ich 
„Riegeln" bekam. Da sagte sie: „So, Jetzt gehst Geschirr abwaschen und Wasser herauf- 
tragen" lind so sagte sie mir recht viele Arbeiten an. Ich dachte mir: „Ja natürlich, 
alles tue ich". Ich tat ihr gar nichts. Da kam sie nochmals zu mir und schlug mich noch 
mehr. Ich dachte mir: „Umso besser, mache ich dir erst recht nichts«. Dann sagte sie: 
„Geh um Wasser!" Ich nahm den Amper, ließ ihn bei der Tür stehen und lief davon. 
K. (zo J.) Wenn ich Schläge bekommen habe, bin ich sehr zornig geworden, und 
wenn mir mein Vater eine Arbeit angeschafft hat, habe ich sie nicht getan. „Ihr könnt 
mich alle gern haben, ich mache euch erst recht nichts« - so sieht die Weckung 
der Arbeitsfreudigkeit durch Prügelstrafen aus. Die Rachepläne, die das kindliche 
Gehirn ausbrütet, setzen sich kühn über den Bereich des gewöhnlich Möglichen 
hinweg. „Wenn ich groß bin, werde ich meinem Vater einmal ein paar Ohrfeigen 
zurückgeben«, meint ein zwölfjähriges Bürschchen', und ein Siebenjähriger, der von 
einer Hausbesorgerin beim Vater vertratscht wurde und Schläge bekam, spinnt sich 
in die Rolle eines Anarchisten ein, der die Ha usbesorgerin in die Luft sprengt. Kon- 

1) Solche Äußerungen können wir, auch bei einem zwölfjährigen Kinde, nicht als 
unsinnig und läppisch bezeichnen, wenn wir bedenken, daß viele Kinder im „Spiel- 
alter" und auch noch etwas später glauben, ihrem Heranwachsen, Groß- und Stark- 
werden entspreche eine Rückentwicklung der Eltern, die dann zu Kindern werden. 
Freilich ist es uns angenehmer, wenn solche Phantasien ohne feindselige Einstellung 
auftreten, denn dann können wir sie sogar reizend finden. — Ein kleines Beispiel: 

- 343 - 



kreter denkt ein zwölfjähriger Knabe: „Wenn ich Schläge bekomme, denke ich mir 
oft: Schlag nur her, ich werde es mir schon merken, oder ich spanne mir die Hose 
an und denke mir — wartet nur, es wird schon eine Zeit kommen, wenn ich groß 
bin, nicht einen Schilling werdet ihr bekommen." 

„Ja, Rache ist süß!" Wie gefällt uns folgendes Geständnis eines vierzehnjährigen 
Knaben? „Wenn ich geschlagen werde, so schimpfe und fluche ich über die Eltern 
und es kann auch vorkommen, daß man ihnen den Tod wünscht." Kinder wünschen 
in solch bewegten Momenten ihren Eltern das denkbar Schlechteste, sie freuen sich 
ungemein, wenn der Erwachsene bei seinen Kraftproben durch des Zufalls Tücke 
Schaden erleidet. Was sie da zu sich selber reden, trieft vor Spott und Hohn, und 
gar oft führen sie absichtlich kleine „Angriffsaktionen" durch, die ganz harmlos aus- 
sehen und doch den Peiniger recht schmerzlich treffen können. 

M. (12 J.) Ich kam einmal spät nach Hause, da wartete schon die Mutter auf 
mich. Sie machte gleich auf und haute mir eine herunter. Ich bückte mich und sie 
schlug mit der Hand an die Tür. Da bekam sie einen Zorn und holte den Pracker. 
Sie legte mich übers Knie. Sie wollte mich hauen, da bog ich die Füße ab und 
haute sie ins Gesicht. Ich lachte in die Hand hinein, daß es aussah, als ob ich 
weinen mochte. Vor lauter Zorn legte ich mich dann (als das Strafgericht vorüber 
war) ins Bett und schlief ein. 

M. (11 J.) Als ich einmal Schläge bekam, wurde ich sehr zornig und stampfte 
mit dem Fuß. Dann redete ich zu mir selbst: „Heute mache ich zu Fleiß nichts". 
Oft denke ich mir auch, daß ich ins Wasser springe. Auch denke ich mir immer: 
Habt mich gern. Einmal, als ich Schläge bekam, rannte ich meiner Mutter davon 
und sie rannte mir nach. Sie haute immer daneben, auf einmal hat sie sich den 
Finger verstaucht, und ich dachte mir: Da geschieht dir ganz recht! 

K. (12 J.) Der Vater wollte mir einmal eine Ohrfeige geben. Ich bückte mich 
und der Vater schlug die Essigflasche vom Tisch herunter. Ich dachte mir: Gelt 
ja, das war fein! Ich mußte ohne Essen schlafen gehen. Als sich aber Vater und 
Mutter schlafen legten, stand ich auf und nahm mir zwei Stück Butterbrote. So 
schlief ich getrost ein. 

M. (13 J.) Ich blieb einmal sehr lange aus, und als ich nach Hause kam, bekam 
ich fürchterliche Schläge. Als sie (die Mutter) auf mich losschlug, bückte ich mich 
und sie haute daneben. Ich lachte sie aus und sie bekam so einen Zorn, daß sie 
mich noch mehr prügelte. Ich dachte mir im größten Zorn, daß ich von zu Hause 
fortgehen und nicht wieder kommen werde. Meine Mutter erzählte es aber dem 
Vater, und dann bekam ich erst noch von ihm Schläge. Vor Zorn lief ich davon und 
kam erst um neun Uhr nach Hause. Ich aß nichts und ging schlafen. Am nächsten 
Tag arbeitete ich nicht, redete nicht und aß recht wenig. 

Dazu noch eine Beobachtung: 

Ein sechsjähriger Knabe und ein neunjähriges Mädchen werden von der erzürnten 
Mutter mit einer Geißel um den Vorhang, der die Schneiderwerkstätte der Länge 
nach in zwei Teile teilt, herumgejagt. Das Mädchen ergreift eine Probierpuppe und 
schiebt sie gegen den Vorhang. Die Mutter, die sich auf der anderen Seite befindet, 

Marie W. „Als ich noch klein war. — Eines Tages hat mich die Mutter nach E. 
geführt mit einem großen Wagen. Meine Mutter ist herzleidend. Da hat sie mich 
mit dem großen Wagen über ein Bergerl geführt und hat geseufzt: ,Au weh!' Ich 
sagte: ,Liebe Mutter, wenn ich groß bin und du klein bist, werde ich dich auch 
führen.'" — Wie brav, wie gut und dankbar ist doch dieses Kind! 

— 344 — 



schlägt wütend auf den „erwischten" Bösewicht los und wird kräftig ausgelacht. 
Wohl mußten beide Kinder dieses Lachen büßen, aber die Hetzjagd verlor dadurch 
nicht den heiteren Anstrich, sie wurde von den Kindern „Jesus treibt die Wechsler 
aus dem Tempel" genannt. „Ich lachte in die Hand hinein; ich lachte sie aus; da 
geschieht dir ganz recht; gelt ja, das war fein; Jesus treibt die Wechsler aus dem 
Tempel." 

Eltern, wollt ihr durch Prügelstrafen in Feindschaft zu euren Kindern ge- 
raten und euch lächerlich machen? Bedenkt, ihr habt die Folgen selbst zu 
tragen! Einen Teufel wollt ihr austreiben, ein lächerliches Unternehmen, ihr 
treibt ihn doch nicht aus! Man schlägt sieben Teufel hinein, wenn man einen 
herausschlagen will, sagt ein altes Sprichwort und sollte uns doch endlich 
einmal überzeugen, daß diese sieben Teufel zu dem einen, der im Kinde steckt, 
hinzukommen und daß ihre Zahl dann auf acht steigt. Wer in blinder Wut 
sti'aft, ist schon auf dem Holzweg, denn „das Kind merkt (fühlt) uns die 
Schwäche an und freut sich unter Umständen daran. Dieses Gefühl des Kindes, 
den mächtigen, starken, gescheiten, selbstgerechten und — nach dem Glauben 
des Kindes — unfehlbaren Erwachsenen aus dem Häuschen gebracht zu haben, 
ihn aufzuregen und wütend zu machen mit einer Unart oder Büberei, kann es 
so erfreuen, daß ihm die Strafe daneben wenig oder gar nichts mehr bedeutet: 
es fühlt sich dem Strafenden überlegen." (Hans Zulliger, Gelöste Fesseln, S. 5/6). 

Aus diesen Belegen sind noch zwei Umstände festzuhalten : Die Drohung 
mit dem Selbstmord und die Ergänzung der mütterlichen Erziehungskunst durch 
den Arm des Vaters. Auf Selbstmordgedanken bei körperlicher Züchtigung werde 
ich noch weiter unten zurückkommen, hier sei nur einiges über das einträchtig- 
liche Zusammenwirken beider Elternteile am Erziehungswerke dargestellt. Daß 
die Eltern miteinander und nicht gegeneinander arbeiten sollen, ist eigentlich 
ganz selbstverständlich, aber dieses Zusammenarbeiten soll nie und nimmer zur 
gemeinsamen Menschenquälerei ausarten. Genügt es denn nicht, daß ein Teil das 
Kind prügelt? Die Familien zeigen in dieser Hinsicht verschiedene Verhaltungs- 
weisen. In manchen bringt die Mutter alle Disziplinarangelegenheiten vor der 
Heimkehr des Vaters ins reine, um ihm das Heim möglichst angenehm zu ge- 
stalten, in anderen wieder ist der Vater der „Wauwau", der seinen gefürchteten 
Schatten den ganzen Tag über vorauswirft und der, wenn er heimkommt, auf 
die Anklagereden der Mutter hin, den Rächer zu spielen hat. Ihm bringen die 
Kinder keine Achtung entgegen, sie fühlen nur allzubald, daß er ein Spielball 
in den Händen der Mutter ist und gleich losbraust, ohne zu überlegen und zu 
prüfen. Noch lächerlicher wirkt der liebe Popanz in Familien, wo das gezüchtigte 
Söhnlein bei der Mutter eine Stütze findet. Ich will nicht nach allen Gründen 
forschen, die einen Elternteil bewegen können, gegen den anderen aufzutreten, 
nur ein kleines Beispiel soll uns zeigen, wie sich die Dinge auch in „gebildeten" 
Familien gestalten, wo die Eltern in „schönster" Eintracht leben und nicht 
durch die Sorgen des grauen Alltags nervös und gereizt sind: 

Der zehnjährige G. Seh. wird als „Einziger" einer sehr wohlhabenden Familie von 
der Mutter verhätschelt und schildert uns seine Art, sich an seinem Vater für eine 
erhaltene Züchtigung zu rächen: „Ich bin zur Mutter trotzen gegangen und die hat 
den Vater zusammengeschimpft. — Ich habe den Vater zwei bis drei Tage nicht an- 
geschaut. — Ich bekomme jetzt keine Schläge mehr; wenn ich etwas zusammenschlage, 
muß ich es bezahlen." 

— 345 — 



Der unableugbare Gegensatz, der von Natur aus zwischen Vater und Sohn 
besteht, wird durch das Vorgehen der liebenden Mama oft in unnötiger Weise 
verstärkt. Und der Dank hiefür? Kinder sind geschickt genug, sich solche Vorteile 
zunutze zu machen, und schwingen sich gar bald zu Tyrannen über ihre 
„Stützen" auf. 

Recht unheilvoll gestaltet sich auch der Einfluß des „stillen" Elternteiles. 
Man trifft diesen Typus gar nicht so selten an. Es handelt sich hier um Väter 
und Mütter, die zuerst nie aktiv hervortreten, dafür aber im geheimen umso 
emsiger das Feuer schüren — stets bereit, Ol in die Flammen zu gießen — 
und endlich, wenn sie ihren Zweck erreicht haben, umschwenken, gegen den 
strafenden Elternteil und für das gestrafte Kind oft recht leidenschaftlich Partei 
ergreifen. Sie treiben Schindluder mit den Gefühlen ihrer Kinder und können, 
als niederträchtige Heuchler erkannt, der grenzenlosen Verachtung und des töd- 
lichen Hasses der Gefoppten sicher sein. 

In Familien mit zwei Kindern ist oft das Rivalitätsverhältnis Ursache mancher 
Ungezogenheit, die die Eltern ärgert und dann entsprechend bestraft wird. 

Antonie B. 11 J. Meine Schwester bekam eine neue Turnhose und ich nicht. Ich 
sagte zur Mutter: „Der kaufst du immer was, aber mir nicht!" Ich war eine Weile 
zornig. Da sagte die Mutter, ich soll um Holz gehen. Ich sagte: „Ich mag nicht!" 
Da wollte die Mutter den Pracker nehmen. Ich ging mit dem Korb in den Keller 
um Holz. Ich hahe die Küchentür lugehaut. Da wollte mir die Mutter nachlaufen 
und eine Ohrfeige geben. Sie hat aber daneben geschlagen und hat sich angehaut. 
Ich habe mir gedacht, „das hat wohl getan!" 

Kinder haben ein überaus feines Gefühl für jede Zurücksetzung und können 
den Eltern die beliebten Redensarten „Du bist so groß und noch so dumm, 
du großer Esel, laß doch dem Kleinen die Freude" usw., nie verzeihen. Wie- 
viele Ungerechtigkeiten hat das ältere Kind zu ertragen! Es soll ein wahrer 
Engel sein und bleibt doch nur ein armes, liebekrankes Kind, das Rachepläne 
schmiedet und auch nicht abgeneigt ist, durch sein Schlimmsein wenigstens der 
negativen Seite elterlicher Zuwendung teilhaft zu werden. Wenn für kurze Zeit 
der Liebling bei den Eltern in Ungnade fällt oder gar Prügel bekommt, so ver- 
spürt das vernachlässigte Kind ein Lustgefühl, das gar nicht zu beschreiben ist. 
Interessant ist, daß dieses Lustgefühl auch dann vorhanden sein kann, wenn das 
ältere Kind beim Anblick einer solchen Prügelszene scheinbar von größtem Mitleid 
ergriffen in Ekstase gerät, mitbrüllt und sich wie toll gebärdet. Anna H., die 
ihrem jüngeren Bruder gegenüber eine unverkennbare Haßeinstellung zeigt, ihm 
schon oft zu Schlägen verholfen hat, schilderte mir folgenden Vorfall: 

Als mein Bruder noch kleiner war, (vor einem halben Jahr, das Mädchen ist jetzt 
12 1 /, J. alt), bekamen wir oft Schläge. Einmal hat mein Vater meinen Bruder ge- 
schlagen und ich habe so viel geweint, daß der Vater zornig geworden ist und mich 
übers Knie gelegt hat. Ich dachte mir, wenn nur der Vater die Schläge spüren möchte, 
dann würde er bestimmt nicht seine Kraft so zeigen und den Zorn an mir (!) aus- 
lassen. Dann dachte ich mir, wenn ich bei meinen Pflegeeltern geblieben wäre, wäre 
es mir bestimmt nicht passiert. — Es wäre viel besser gewesen, wenn mich der Vater 
ein paarmal nicht in das Kino hätte gehen lassen, oder wenn er mich acht Tage nicht 
in den Hof gelassen hätte. Hätte er mir im guten gesagt, daß mein Bruder die Schläge 
verdient hat, so hätte ich kein Manöver gemacht. 

— 346 — 



Anna ist ein „Kind der Liebe", so werden bei uns die „ledigen" Kinder genannt, 
die die Mutter in die Ehe mitbringt, und lebt in ständigem Wettstreit mit ihrem 
Bruder, der der ausgesprochene Liebling der Familie ist. Sie scheut kein Mittel, 
ihren Rivalen anzuschwärzen, hat einmal kleine Geldbeträge entwendet und ihren 
Bruder in dreister, aber geschickter Weise verdächtigt. In der Schule ist das Mädchen 
als Heulliese, oder noch besser, als „gekränkte Leberwurst" bekannt, und gilt nicht 
viel. Scheinbar vollkommen unschuldig ist Anna gestraft worden, oder sollte sie die 
Strafe provoziert haben? Weil sie beim Anblick der Prügelszene unbewußt Schuld- 
gefühle empfand? Schuldgefühle, die beschwichtigt werden könnten, wenn der Vater 
im guten gesagt hätte: „Dein Bruder bekommt ja nicht deinetwegen die Schläge, er 
hat sie wirklich verdient, er ist tatsächlich schlimm, wie du ihn immer schilderst!" 
Aber der Vater hat kein Verständnis hiefür, er spürt nicht die Schläge, 
sonst würde er bestimmt nicht Kraft zeigen und den Zorn an ihr und dem 
Bruder auslassen. Wie sollte ein schlichter Mann ahnen können, daß neben 
einer gewissen sadomasochistischen Anlage die Wurzel der ewigen Verleumdungen 
in einem „dem Kinde selbst unbewußten Liebesverlangen" zu suchen ist? Das 
Kind will es besser machen auf Kosten des Bruders, der so sehr von den Eltern 
geliebt wird. In den Verleumdungen spiegelt sich „der Kampf eines unbefriedigten 
Narzißmus und das Gefühl eigener Minderwertigkeit" (Hug-Hellmuth, Neue 
Wege zum Verständnis der Jugend S. 104). 

Else N. (14 J.) Wenn ich Schläge bekomme, so bekomme ich sie nur meines 
Bruders wegen. Da bekomme ich einen furchtbaren Zorn und nehme mir vor, daß 
ich ihn schlagen werde, wenn ich ihn erwische, oder ihm alles abschlagen werde, 
wenn er eine Bitte an mich hat, ihm nimmer bei der Aufgabe helfen werde, oder 
sonst etwas. 

Daß Kinder Tieren gegenüber unsagbar grausame Finger haben können, 
braucht als allgemein bekannte Tatsache nicht erst bewiesen zu werden. Man 
hat das Problem kindlicher Tierquälerei unter verschiedenen Gesichtspunkten 
betrachtet, aber nicht immer wurde erkannt, daß in den meisten Fällen Kinder 
Tieren eine ähnliche Behandlung angedeihen lassen, wie sie selbst sie ertragen 
mußten, und doch gewinnt diese Erkenntnis entscheidenden Wert, da „Kinder- 
freunde", die mit dem Prügelsystem nicht ganz brechen wollen, sich gern für 
einen „goldenen" Mittelweg entscheiden, gerade das Kapitelchen Tierquälerei 
ins Treffen führen. Hier ihre Meinung: „Die körperliche Züchtigung ist nicht 
für jeden Fall zu verwerfen. Dafür spricht schon die Erfahrung, daß man in 
manchen Fällen ohne diese Strafe nicht auskommen kann. Auch vom theoretischen 
Standpunkt wird man zugeben, daß es als durchaus naturgemäß erscheint, wenn 
der Übeltäter den durch rohes Verhalten anderen (den Tieren) bereiteten Schmerz 
an seinem eigenen Leibe empfindet. Unser Rechtsgefühl verlangt in diesem Falle 
eine Strafe, die als entsprechende Vergeltung für das zugefügte Wehe erscheint, 
und das ist die körperliche Züchtigung." — Möge unser „Rechtsgefühl" gar 
bald eine gründliche Umwandlung durchmachen! Kinder fühlen sich Tieren 
gegenüber als die „Stärkeren", die richten und rächen dürfen und geeignete 
Objekte zur Verwirklichung ihrer grausamen Phantasien gefunden haben. Ge- 
legentlich einer Umfrage unter Schulkindern, ob man „schlimme" Kinder schlagen 
soll, meinten drei Knaben: Man soll nur Tiere schlagen, aber Kinder haben 
einen Verstand; Kinder sind keine Tiere, man schlägt nur Tiere, und Tiere 
sind zum Schlagen da. „Tiere sind zum Schlagen da", dies dürfte die Meinung 

— 347 — 



vieler Kinder, und vor allem die der meisten Knaben sein. Es erscheint ihnen 
recht und billig, an ihnen ihr Mütchen zu kühlen, wenn man schon dem ge- 
strengen Vater gegenüber nicht mucksen darf. So werden Tiere zu unglücklichen 
Opfern einer Affekt Verschiebung. Als Beispiel: 

Alfred M. (11 J.). Es war ein schöner Sommertag und es wäre fein gewesen, 
baden zu gehen. Da befahl mir mein Vater, ich soll nach Reichenau gehen und ihm 
etwas holen. Ich schnitt Gesichter und brummte: „Immer fortgehen wenn es so 
heiß ist!" Ich stampfte mit dem Fuße und dachte mir: Wenn du immer fortgeher. 
müßtest, würdest du auch nicht gehen. Dann bekam ich Schläge. Ich schlug die Tür 
zu und ging. Da sah ich die Katze, und um meinen Arger und Zorn über meinen 
Vater auszulassen, schlug ich sie, was ich konnte. Die Katze wälzte sich einigemale, 
dann pfauchte sie mich an, kratzte und biß. Ich gab ihr einen Schlag auf den Kopf, 
daß sie taumelte. Sie fiel um und blieb liegen. Ich ging hin, da sprang sie auf und 
wollte mir ins Gesicht fahren. Ich ging fort. Ich sali noch einige Tiere und warf 
Steine nach ihnen. So legte sich der Zorn, und ich ging jetzt froh nach R. Am Abend 
streichelte und liebkoste ich die Katze. 

Fürchterliche Schläge, fortgesetzte Mißhandlungen, Drohungen mit der 
Abgabe in eine Besserungsanstalt u. dgl. mehr, vermögen das Kind in eine ver- 
zweifelte Stimmung zu versetzen und einen günstigen Boden für Selbstmord- 
gedanken zu schaffen. „Ich gehe von zu Hause weg und komme nicht wieder 
— ich springe ins Wasser — wenn ich nur nicht mehr am Leben wäre!" Ob 
es zum Selbstmord aus diesen Gründen kommen kann? Den Optimisten, die 
felsenfest meinen, daß kindliche Selbstmordäußerungen zum Glück nie ernst zu 
nehmen sind, wäre entgegenzuhalten, daß sich zum körperlichen und seelischem 
Leid gequälter Kinder auch Rachepläne gesellen und daß diese Rachepläne auch 
folgende Form annehmen können: „Du wirst schon sehen, wohin mich deine 
Hartherzigkeit treibt; wenn ich sterbe, bist du daran schuld, du wirst dann 
schon sehen, was du an mir verlierst!" Ferner noch eine kleine Überlegung: 
Welche Bosheiten, welche Niederträchtigkeiten ersinnt oft das Hirn mancher 
Erwachsener, um grundlos einen „lieben" Mitmenschen zu quälen, wie fröhlich 
stimmt sie der bloße Gedanke, wieder etwas inszeniert zu haben, worüber 
sich der Mensch, dessen Physiognomie ihnen unsympathisch ist, ärgern soll und 
wird! Und gequälten Kindern sollte der Selbstmord mehr als eine Kleinigkeit 
sein, noch dazu bei einem Leben, das kaum wert ist gelebt zu werden? „O 
selig, o selig, ein Kind noch zu sein" — man lese zum Beispiel: 

Regina N. (ra J.) . . . und wie ich nach Hause gekommen bin, ist mir der Vater 
schon mit dem Hosenriemen entgegengekommen und hat mich so durchgehaut, daß 
ich den ganzen Tag nicht sitzen konnte. Die Mutter hat gesagt, ich soll ein Wasser 
hereintragen und ich habe gesagt, ich kann ja nicht aufstehen. Da ist die Mutter 
selber gegangen und wie sie heraufgekommen ist, hat sie gesagt: „Der Vater ist 
närrisch, so die Kinder zu hauen. Wenn man ihn so schlagen würde, wäre es ihm 
auch nicht recht". Der Vater ist unten im Hof gewesen. 

II 

Folgende Fragen ließ ich 89 Schülern und 83 Schülerinnen einer Haupt- 
und Bürgerschule zur schriftlichen Beantwortung vorlegen: A) Soll man Kinder, 
die etwas angestellt haben, schlagen? (Begründe deine Antwort! Warum?) — 
B) Gibt es bessere Strafen? Welche schlage ich vor? — C) Wie wird ein 



— 348 — 



Kind, das viel geschlagen wird? — D) Rannst du aufschreiben, was du dir 
denkst, wenn du geschlagen wirst? 

Es handelt sich hier um 11 bis 14jährige Kinder eines Industrieortes, die 
ich nie unterrichtet habe. Für sie bedeutete diese Aufgabe etwas gänzlich 
Neues, sie mußten unvermittelt zu den gestellten Fragen Stellung nehmen. 

Die erste Frage wurde von 80 Knaben mit „nein" und von 9 mit „ja" 
beantwortet. Die Gegner der Prügelstrafe gaben folgende Gründe an: Es tut 
nicht sehr wohl — es ist nicht angenehm — weil es weh tut — weil es 
schaden könnte — weil sie dadurch etwas bekommen können (schwere Krank- 
heiten, körperliche Schäden, Kopfschmerzen)' — weil sie den Sinn verlieren — 
weil es weh tut, furchtbar weh! — weil es nicht schön und der Kinder un- 
würdig ist — weil man nur Tiere schlägt und Kinder keine Tiere sind — 
weil sie dadurch dumm werden und sich alles schlecht merken — weil es 
auch ohne Schläge gehen muß. Hier die Meinungen der Bejaher: Bei manchen 
Kindern geht es ohne Schläge nicht — weil sie sonst nicht dem Vater und 
der Mutter aufs Wort folgen — wenn sie einmal Schläge bekommen, tun sie 
es das nächstemal nicht mehr — weil sie sich's merken und noch fleißiger 
lernen — wenn ein Kind wirklich nicht folgt, soll man es auf den Rück- 
wärtigen schlagen. 

Interessant ist, daß sämtliche 9 Knaben im 12. Lebensjahr stehen. 5 von 
ihnen gaben an, daß sie daheim äußerst selten oder fast nie geschlagen weiden, 
die restlichen erhalten häufig Schläge, einer rühmte sich, sein Vater hätte an 
ihm einen Kochlöffel abgeschlagen, und ein anderer gab an: „Der Vater hat 
ganz recht, wenn er mich schlägt, daß ich es mir merke! Wenn ich aber 
unschuldig bin, so denke ich mir, ich breche ihm den Gegenstand (Stock) ab". 
Gerade diese Antwort erscheint mir beachtenswert. Der Knabe reagiert 
scheinbar auf „verdiente" Strafen mit Einsicht; für einen Zwölfjährigen stellt 
dies, wenn wir uns nochmals die vorhergehenden Kinderberichte vergegen- 
wärtigen, eine erstaunliche Leistung dar. Wenn man etwas angestellt hat, muß 
man zur Sühne auch eine Strafe in Kauf nehmen. Das Vorhandensein eines 
Strafbedürfnisses kann nicht geleugnet werden, dies wird uns auch die Be- 
antwortung der zweiten Frage zeigen. Wir wissen heute sogar, daß die Schuld- 
gefühle der kleinen Missetäter gebieterisch nach Sühne verlangen, oft im Spiele 
zu unbewußten Geständnissen führen und unbewußt sinnbildliche Handlungen 
mit Geständnischarakter entstehen lassen. Auch ein direktes Eingestehen der 
„Schandtat" ist uns nicht unbekannt. „Der Vater hat ganz recht, wenn er mich 
schlägt" — mir ist es auch recht und lieb, denn ich habe dann gesühnt und 
alles ist wieder gut. Die Sonne lacht dann wieder, man wird neuer Liebe 
würdig. Wir können noch einen Schritt weitergehen; selbst dann, wenn das 
Kind unschuldig gestraft wird, braucht es nicht gleich an das Zerbrechen des 
Stockes zu denken, es kann sich sühnend fühlen für verschiedene Manipulationen 
am Genitale, von denen der strafende Vater vielleicht gar keine Ahnung hat, 
es kann sich erlöst fühlen von den Spannungsgefühlen jener unbewußten 
Schuldgefühle, deren Quellen die verdrängten Wünsche aus dem Ödipuskomplex 
darstellen. 

Und der Knabe, an dem der Vater einen Kochlöffel abgeschlagen hat? Prügel 
sind nicht ohne Lustbetonung, sie „reizen die Haut." Bei einem gewissen Grade 
musochistischer Veranlagung bedeutet das Geschlagenwerden direkte Befriedigung 

- 349 — 



und wird auf alle möglichen Arten erstrebt, ja sogar erbettelt. Allgemein be- 
kannt sind ja die Kinder, die erst Ruhe geben, wenn sie ihre Prügel haben. Die 
unbewußten masochistischen Triebregungen rufen Spannungen von ungeahnter 
Stärke im Kinde hervor, das dann machtlos von der Schlimmheit, die es über- 
fällt, fortgerissen wird. Zur Illustration einige Stellen aus den „Erinnerungen" 
eines Masochisten: Otto hatte seine erste bewußte Erektion im sechsten Lebens- 
jahr bei folgender Begebenheit: Die ganze Familie war um den Tisch ver- 
sammelt und Mutter las aus der Zeitung das Martyrium eines Kindes vor. 
Otto lag auf dem Diwan, betastete die Wülste der Verzierung und sprach sich 
innerlich folgende Worte vor: „Der Popo des kleinen Edi." Dabei wurde sein 
Glied groß. Mit zwölf Jahren war Otto der Anführer einer wilden Knabenschar, 
die besonders eine Hausbesorgerin mit ihrem Unwesen verfolgte. Bei jeder Ge- 
legenheit wurde am Glockenstrang gerissen, kleine und größere Steine fanden 
regelmäßig den Weg zu den Fensterscheiben oder durch sie hindurch. Otto 
trieb es am ärgsten, und doch wird uns sein Tun einigermaßen verständlich, 
wenn -wir erfahren, daß er sich mit dem Gedanken trug, beim Herannahen des 
wütenden Weibleins zu stolpern und der Zürnenden in die Arme zu fallen, um 
von ihr tüchtig durchgehauen zu werden. Aber es kam nie dazu, die Furcht, 
dann von den anderen Spielkameraden ausgelacht zu werden, hielt ihn jedesmal 
davon ab, er entfloh, fühlte sich aber stets recht unbefriedigt. Da verfiel er auf 
folgenden Gedanken: Ein Briefpapier wurde genommen und bald trug es in 
großen Lettern die Überschrift: Gnädige Hausbesorgerin! — Und der Inhalt 
des Briefes? Er war mit Blut geschrieben und enthielt all das, was die Seele 
des Kindes durchtobt hatte, ein Werben, Bitten und Betteln um Prügel, nebst 
einer Anleitung, wie man des ärgsten Bösewichtes habhaft werden könnte. Den 
Brief trug Otto zu der Stätte seiner Schandtaten, warf ihn über die Planke in 
den Hof und trieb sich mehrere Tage in der Nähe des Hauses herum, leider, 
wie er schmerzlich bemerkte, ohne Erfolg. Ungefähr ein halbes Jahr später war 
er Augenzeuge, wie ein Wiener „Pülcher" ein Mädchen erbarmungslos schlug 
und dann kräftig die Planke anspuckte; sofort fühlte er sich versucht, den 
Speichel aufzulecken, doch die Angst vor einer Erkrankung hielt ihn davon ab. 
Mit I3V2 Jahren richtete er an eine Prostituierte ein Schreiben, das er so ab- 
faßte, als würde die Schreiberin eine Kollegin sein und davon berichten, wie 
sie einen Jungen eingefangen und zu verschiedenen Arbeiten abgerichtet hätte. 
Dem Schreiben legte er eine ungebrauchte Stempelmarke im Werte einer Krone 
bei, die er in der Werkstätte seines Vaters entwendet hatte. Stets beneidete er 
Kinder, die einem strengen Kindermädchen anvertraut waren, und bei seinen 
Spaziergängen im Parke hielt "er sich sittsam in der Nähe von Dienstmädchen 
auf, die mit Kindern erschienen waren und wartete auf Prügelszenen. Wie reiz- 
voll ist für solche sadomasochistische Kinder das Schwelgen im Erdulden grau- 
samer Strafen! Aus Angstvorstellungen werden Lustvorstellungen, Lustvorstel- 
lungen, denen das einfache Schlagen nicht mehr genügt, die maßlos im Aus- 
denken raffinierter Grausamkeiten sind, denen sie sich selbst oder andere aus- 
gesetzt und preisgegeben wissen wollen. Anderen Beispielen werden wir noch 
im Anschluß an die Ergebnisse der zweiten Frage begegnen. 

Sämtliche Mädchen haben sich gegen das Schlagen ausgesprochen. Ihre 
Begründungen weichen von jenen der Knaben oft erheblich ab. Naive Grund- 
angaben wie — es tut nicht sehr wohl — es ist nicht angenehm — weil es 

— 350 — 



weh tut usw. — kommen schon bei 1 2 jährigen nirgends mehr vor. Da schreibt 
die 12jährige Frida S. „Nein!" antworte ich. Das Schlagen ist ungesund und 
reizt die Haut (!), es kann dem Kinde zur Gewohnheit werden, so daß es sich 
nichts daraus macht. Andere Meinungen: Mit dem Schlagen kommt man nicht 
weit, das Kind gewöhnt sich daran, und das, was es angestellt hat, wird dadurch 
auch nicht besser. Daher ist es unnötig, Kinder zu schlagen. — Kinder werden 
dadurch nur gereizt und dann zum Lügen verleitet. — Nein! man soll ihnen 
gute Mahnungen geben und das Versprechen abringen, daß sie es nicht mehr 
machen werden. Kinder werden dadurch nicht besser und auch nicht gescheiter 
usw. Natürlich sind auch Hinweise auf körperliche und gesundheitliche Schädigun- 
gen vorhanden. 

Bei der Beantwortung der zweiten Frage steht bei Knaben das Strafe- 
schreiben an der Spitze, daran schließen sich folgende Ratschläge: Hausarrest, 
das Kind soll in einen Keller eingesperrt werden, man soll es an einem Aus- 
fluge nicht teilnehmen lassen, es soll Arbeiten verrichten, die es nicht gerne 
tut, die ihm aber bestimmt nicht schaden, man läßt es nicht ins Kino, man 
schaut das betreffende Kind nicht mehr an, verweigert ihm einen Wunsch. 
Dazu kommen Körperstrafen, sie wurden sehr häufig vorgeschlagen: Scheitel- 
knien (Knien auf einem kantigen Holzstück) eine Stunde oder (gar) ein paar 
Stunden, denn „das ist noch ärger" — die Hände vorhalten lassen und einen 
Stab oder ein Gewicht darauf legen („das tut länger weh!") — an das Bett 
anbinden, einen Tag fasten lassen. Einige Knaben benützten die günstige Ge- 
legenheit, ließen ihren sadomasochistischen Trieben freien Lauf und verrieten 
so ihre lustbetonten Phantasien. 

Georg B. Ich halte nichts auf Schläge, denn man spürt sie nur kurze Zeit und 
dann ist alles wieder vorüber. Besser wäre es, den oder die Betreffende eine be- 
stimmte Zeit hindurch in der Früh vor dem Frühstück ein oder zwei Stunden „scheitel- 
knien" zu lassen. Ich habe fast nie Schläge bekommen, sondern, wenn ich etwas an- 
gestellt habe, mußte ich auf einem. Holzstück mit sehr vielen Kanten knien. Ich habe 
mir das Scheitelknien gemerkt, und wenn ich daran denke, spüre ich jetzt noch die 
Knie. 

Hugo P. (15 J.) Man soll dem Kinde die Hände auf den Bücken binden und es 
dann an einen Baum anbinden, aber so hoch, daß nur die Füße (Spitzen) den Boden 
berühren, oder so, daß die Füße den Erdboden nicht erreichen. Oder ein Gewicht 
an die Hände binden. 

Alois F., der sich auch für das Schlagen ausgesprochen hatte — (am besten ist 
das Schlagen, später ist man froh, daß man Schläge bekommen hat) — kennt den- 
noch eine bessere Strafe: Man soll das Kind in einen Keller sperren auf acht Tage 
und ihm nichts zu essen geben, denn der Hunger tut weh. Aber nicht die Mutter, 
sondern der Vater soll das Kind strafen, denn meistens hält die Mutter dem jüngeren 
Kinde die Stange. 

Hausarrest wurde auch von den Mädchen als „bessere" Strafe am häufigsten 
vorgeschlagen, das Strafeschreiben hingegen nur siebenmal genannt. Die Körper- 
strafen treten fast vollständig in den Hintergrund (Knien nur dreimal, Fasten 
bloß einmal genannt). Das liebe „Ins-Winkerl-Stellen" schlagen drei Mädchen 
vor, und sieben sind für die strafweise Verrichtung häuslicher Arbeiten (Holz 
und Kohle aus dem Keller holen, die Küche ausreiben, den Stall ausmisten, den 
Taubenkobel reinigen). Eine dominierende Stelle nehmen lustentziehende Strafen 

— 351 — 



ein. Man „entzieht" (dieser Ausdruck wird sehr häufig von den Kindern ge- 
braucht) dem Kinde das Kinogeld, kauft ihm keine Näschereien, läßt es nicht 
turnen gehen, oder läßt es auf etwas verzichten. Wenn es irgendwo recht viel 
Vergnügen gibt, „entzieht" man ihm das Bedürfnis hinzugehen, oder schimpft 
es zusammen. Mit einem Wort: Sachen, die es sehr gerne hat und an denen 
es Freude hat, entzieht man ihm. So etwas kränkt manche Kinder mehr als 
Schläge. „Zur Strafe schaut man die Kinder nicht an, spricht sie nicht an, redet 
nicht mit ihnen" — meinen drei Mädchen, und die 12jährige Anna G. be- 
hauptet: „Wenn die Mutter nicht spricht, schmerzt dies mehr als eine Prügel- 
strafe." „Man soll sich mit dem Kinde zusammensetzen und ihm erklären, warum 
es dies oder jenes nicht tun darf, ja man soll sogar darauf hinweisen, daß es 
dadurch in den Ruf der Leute kommt, daß es eine Schande ist, und ein Kind, 
das ein bißchen Schamgefühl hat, wird sich das sicher zu Herzen nehmen" — 
dies ist die Meinung eines 12jährigen Mädchens in wörtlicher Wiedergabe. 

Zweifellos, man kann aus den Ratschlägen der Mädchen viel, sehr viel lernen. 
Eine Fülle gesunder und guter Winke bietet sich uns dar. Der Entzug von 
Liebe, im weitesten Sinne des Wortes, gilt als die natürlichste und beste Strafe 
und der Satz „Wenn die Mutter nicht spricht, schmerzt dies mehr als eine 
Prügelstrafe", mag hiefür als schöne Bestätigung gelten. Freilich: „Wie die alten 
sungen, so zwitschern die Jungen." Man kann ein Kind zur Strafe schreiben 
lassen, bis die Finger krachen, häusliche Arbeiten verrichten lassen, bis die 
Schwarten krachen und so krachend das beglückende Gefühl der Arbeit nieder- 
reißen. — Da bringt ein lsjähriger die Strafarbeit. Drei Stunden will er im 
Schweiße seines Angesichtes an ihr geschrieben haben. Einen flüchtigen Blick 
wirft der gestrenge Klassenvorstand auf die Blätter, dann ein Riß und am Ende 
der Tischplatte liegt ein Papierknäuel. Hebung der Arbeitsfreudigkeit! Es kommt 
noch schöner! Etwa eine Viertelstunde später, nach der Erholungspause, meldet 
ein „Braver": „Bitf, der X hat die Strafe gestohlen!" Die Papierfetzen? Das 
kann nicht sein! „X, wo ist deine Strafe? Er findet sie nicht gleich, dann holt 
er seine Heftmappe, löst umständlich den Knoten und in der Tat, da liegen die 
Papierfetzen, säuberlich geglättet. So ein Lausbub und dazu noch so ein Dumm- 
kopf, der glaubt, daß der Lehrer noch einmal dieselbe Strafe über ihn ver- 
hängen wird! Doch weshalb sollte man darüber nachdenken, man öffnet ein- 
fach das Ofentürl und hat dann jeder Betrugsmöglichkeit einen Riegel vorge- 
schoben. Ade, Arbeitsfreude! Wenn es ein Paradies gibt, so muß es unbedingt 
dem Schlaraffenlande gleichen! Strafeschreiben ist ja abgeschafft, könnte man 
mir einwerfen. Nicht überall, und dort, wo dies der Fall zu sein scheint, nennt 
man nicht selten Strafarbeiten „Fleißarbeiten". Unter anderen Namen blüht das 
Unheil anstiftende Unding noch allerorten weiter. Jede Art von Arbeit will 
zuerst aus Liebe zu irgend einer Person geboren und dann wie ein zartes 
Pflänzlein gehegt und gepflegt werden, wenn sie einst gern und ungeheißen 
verrichtet werden soll. 

Winkelstehen und Scheitelknien sind ebenfalls gänzlich verfehlte, grausame 
Strafen, die nicht bessern und nur Gelegenheit zur Ausbrütung finsterer Rache- 
gedanken geben. Das Einsperren, das „In-den-Keller-stecken", kann den Keim 
zu einer Angstkrankheit legen, die sich später als unwiderstehliches Angstgefühl 
vor engen und geschlossenen Räumen äußert. 

Wie wird ein Kind, das viel geschlagen wird? Ich fasse nur die Meinungen 

— 352 — 



der Schüler zusammen und verwende ihre Ausdrücke: Selten gehen solche 
Fälle gut aus (M. 13 J.). — Die Kinder werden dumm, stumm („es kann 
ihnen die Rede verschlagen") oder taub, bleiben also für ihr ganzes Leben 
Krüppel — ferner: scheu, ängstlich, nervös, mißtrauisch, schüchtern, trauen 
sich am Ende gar nichts mehr zu sagen, fühlen sich dumm und zurückgestoßen 
verlieren die Liebe und das Vertrauen zu den Eltern, werden verdrossen 
wenn sie sehen, wie es die anderen gut haben — so ein Kind wird seinen 
Eltern und Vorgesetzten gegenüber unfolgsam, denkt schlecht von ihnen haßt 
sie und kümmert sich wenig um sie. Ferner wird es bockig, trotzig, eigensinnig, 
boshaft, böswillig, hinterlistig, verwahrlost, jähzornig und menschenscheu. Es 
hat böse Gedanken, wird frech und folgt erst recht nicht, oder wird zu bösen 
Gedanken verleitet. Die meisten Kinder werden durch das Schlagen auch zum Lügen 
gezwungen, werden gar große Lügner, die aus Angst vor Schlägen lügen. 
Andere wieder werden abgehärtet, hart, die Schläge reizen ihre Nerven nicht 
mehr auf(!), sie sind ans Schlagen gewöhnt und vollkommen gleichgültig, 
werden große Gauner — und wenn sie einmal groß sind, werden sie grob 
und roh (K. 13 J.). — Es kann auch vorkommen, daß sie ihr Leben opfern 
(M. 12 J.), — daß sie sich den Mord ihres Lebens ausdenken (K. 13 J.). 
Und zum Abschluß: Kinder, die viel geschlagen worden sind, sind um kein 
Haar besser geworden. In mir erwacht der Trotz erst recht, und ich mache 
alles zu Fleiß (K. 14 J.), — ich bin auch nicht froh (besser) geworden, wenn 
ich geschlagen wurde. 

Die vierte Frage: Kannst du aufschreiben, was du dir denkst, wenn du 
geschlagen wirst? Ihre Beantwortung fiel vielen Kindern recht schwer, es 
stellten sich Widerstände ein, und die Frage blieb dann oft unbeantwortet. Ein 
dreizehnjähriger Knabe verlieh seinem inneren Zustand Ausdruck und bekannte: 
„Ich kann es nicht aufschreiben!" Zweimal hatte er zu schreiben begonnen, 
dann aber wurde das geschriebene Wort kräftig durchgestrichen und blieb un- 
leserlich. Ich kenne diese Widerstände, sie sind alljährlich meine Feinde, 
wenn ich in einer „neuen" Klasse am Niederreißen der konventionellen 
Schranken, die Kind und Lehrer trennen, arbeite. Immer wieder finde ich 
folgenden Umstand bestätigt: Den größten Widerstand verspüren jene Kinder, 
die am meisten zu sagen haben. Sie sind vorsichtig, können nicht im Sturm 
erobert werden, werden aber später am eifrigsten im Mitteilen. Auch die 
Kinder haben eine kolossale Arbeit zu leisten, dies lehrte mich eine kleine 
Beobachtung: In einer Klasse, die ich bereits für günstig eingestellt halten 
durfte, schritten wir zur Niederschrift des ersten „freien" Aufsatzes. Vielen 
Kindern wollte plötzlich nichts mehr einfallen, sie saßen da und kauten an 
ihren Federstielen oder starrten vor sich hin, andere schrieben, ein Mädchen mel- 
dete sich: „Bitte, darf ich mir die Hände waschen?" Ich pflege solchen Bitten 
zu willfahren, ohne nach Gründen zu fragen, als sich aber in der Folge gleiche 
Ansuchen mehrten, wurde ich stutzig und warf dem nächsten Mädchen ein: 
„Deine Hände sind ja ohnehin rein!" „Ja, aber ich schwitze so!" Das war nun 
auch den anderen aus dem Herzen gesprochen und der Grund des Wasch- 
bedürfnisses. 

In den Antworten der Knaben spiegeln sich Zorn, Wut und Rachegelüste: 
Ich wüte umher, um auszukommen und fange an, frech zu werden (n)' — 

1) Die Zahlen in den Klammern bedeuten das Alter der betreffenden Kinder. 
Zeitschrift f. psa. Päd., V.8/9 353 2 



dadurch erwacht mein Zorn erst recht und ich tue ihnen alles zu Fleiß (13) — 
wenn ich Schläge bekomme, denke ich mir: jetzt mache ich es aus Rache 
noch einmal; wird mir aber im guten zugeredet, so unterlasse ich es das 
nächstemal (13) — ich werde es ihnen noch zurückzahlen, oder ich denke mir 
den Mord meines Lebens aus (12). Dann gibt es auch kleine Stoiker: Wenn 
ich dadurch dumm werde, so haben meine Eltern mit mir erst Scherereien 
(14) — ich denke mir immer, es ist halt auch im Jähzorn (12) — das wäre 
nicht notwendig gewesen (13). Schließlich sind auch Antworten solcher Knaben 
anzutreffen, die sich mit dieser Behandlung zufrieden geben und sie gutheißen : 
Hätte ich es nicht angestellt, so hätte ich die Schläge nicht bekommen (12, 13) 
— wenn ich das nur nicht getan hätte (12). — Mir macht es nichts, wenn ich 
groß bin, werde ich meinen Eltern vielleicht noch dankbar dafür sein, aber 
nicht immer (14). 

Wenn dieser Knabe einst „groß ist", so wird er nicht nur vielleicht, sondern 
ganz bestimmt seinen Eltern für die Schläge dankbar sein, er wird zu jenen 
Menschen gehören, die allerorten stolz und überzeugt berichten: „Ich bin 
auch viel geschlagen worden und heute bin ich meinen Eltern dankbar für 
ihre Strenge!" Auch das so bescheiden am Schluß erscheinende „aber nicht 
immer", wird über kurz oder lang gänzlich verschwinden, um vollends einer 
„überzeugten Dankbarkeit" Platz zu machen. Doch haben die Stellen „mir 
macht es nichts" und „aber nicht immer" Bedeutung, wir erkennen an ihnen 
die Verdrängung und bekommen eine andere Wertung solcher Antworten und 
Behauptungen. — Die Mädchen waren im allgemeinen mitteilsamer. Neben 
Zorn, Haß, Wut und Racheplänen finden wir in ihren Antworten als hervor- 
springendes Moment das „Schämen". 

(12 jähriges Mädchen.) Ich werde nur noch zorniger, dann bin ich aber den ganzen 
Tag nicht gut gelaunt — da bin ich gleich so trotzig, daß ich stundenlang nicht« 
spreche. — Ich werde den ganzen Tag nichts reden, ich werde trotzig sein, fortgehen 
und nicht mehr nach Hause kommen. — Ich bin gegen die Eltern immer miß- 
trauisch, ich bin gleichgültig nnd denke immer nach, was ich ihnen antun könnte. 
— Ich mache mir gar nichts draus, aber einen Zorn habe ich innerlich doch. — 
Ich denke mir, das nächstemal mache ich es wieder, aber die Rache bleibt nicht 
aus. Als ich wieder Eier abnehmen mußte, ließ ich ein Ei fallen, daß es gebrochen 
war. — Ich folge der Mutter nicht und schau ihr nicht in die Augen, ich kaufe ihr 
nichts zum Namenstage. 

Einige Mädchen fassen sich ausführlicher: 

Elsa P. (12). Wenn ich starke Schläge bekomme, so fange ich zu heulen an, daß 
alle Nachbarn es hören. Die Mutter geht mit mir strenge um. Die Nachbarn lachen 
mich dann aus, so daß ich mich schäme. Ich traue mich nicht in den Hof hinaus. 
Da habe ich wieder einen Zorn, weil ich in der Wohnung bleiben muß. Oft habe 
ich mir schon gedacht, ich werde nicht mit den Eltern frech sein, dann würde das 
nicht sein (= dann würde ich keine Schläge bekommen). Aber wenn ich zornig bin, 
da kommt mir oft ein freches, gemeines Wort aus und ich bekomme wieder Schläge. 

Anna G. (12). Da kommt der Zorn, und es ist, als würde mir eine Stimme sagen: 
„das läßt du dir gefallen?" und höhnend sagen die Gedanken: „Was willst du tun? 
bist du nicht machtlos?" Dann erkenne ich erst meinen ohnmächtigen Zorn und 
ich nehme mir vor, immer zu folgen. 

Frida S. (12). Wenn ich etwas angestellt habe und die Mutter will es dem Vater 
sagen, dann beschleicht mich jedesmal ein unendliches Angstgefühl. Und wenn dann 

— 354 — 



gar der Vater vor mir steht, o dann kollern schon meine Tränen über die Wange* 
Aber, wenn mich der Vater fragt, dann gestehe ich alles, denn mein Vater ist gut, aber 
auch streng, wenn es sein muß. Und erst gar, wenn er mich schlägt, o dann schäme 
ich mich sehr und nehme mir so recht vor, nie mehr etwas anzustellen. Aber leider 
ist dies nicht der Fall. Frida will brav sein, aber Frida kann doch nicht immer 
brav sein, ihr mag es so ähnlich ergehen wie dem jungen Peter Rosegger, dessen 
Schilderung eines solchen Zustandes ich auf Frida bezogen hier wiedergebe: Wenn 
hierauf Wochen vorbeigehen und der gute und doch auch strenge Vater an Frida 
stets gütig und still vorbeischreitet, mag in ihr allmählich der Drang erwachen und 
reifen, wieder etwas anzustellen, was den Vater in Wut bringt, um jenes unendliche 
Angstgefühl wieder durchzukosten: Die Mutter wird es dem Vater sagen, das Angst- 
gefühl wird kommen, wird „unendlich" werden und seinen Höhepunkt erreichen, 
wenn der Vater vor ihr steht. — Dann kollern schon die Tränen über die Wangen 
und sie kann gestehen, kann alles sagen. Und erst gar, wenn sie der Vater schlägt! 
Auch das kann vorkommen, denn der Vater ist ja „gut, aber auch streng, wenn es 
sein muß". 

Man hört bei der Lektüre dieses Kinderberichtes unwillkürlich das Aufatmen 
einer Kinderseele, die das erreicht hat, was sie unbewußt ersehnte. Die Schläge 
scheinen im Hintergrunde zu stehen. Das unendliche Angstgefühl dürfte dem 
Geständnisse gelten, der Vorstellung, daß sie dem Vater alles wird sagen müssen. 
Das Verharren in diesen Angstgefühlen und die schließliche Überwindung dieser 
Angst kann manchen Kindern Befriedigung verschaffen. Zwei Mädchen finden 
Trost im „Großwerden", sie denken: „Ach was, wenn ich groß hin, kannst du 
mich ja nicht mehr schlagen." (14 J.) — Ich könnte sogar auf böse Gedanken 
kommen, schamhaft werden, oder ich denke mir, wenn ich groß bin, können 
sie mich nicht mehr schlagen (12 J.) — und eine Dreizehnjährige meinte resig- 
niert: Wenn ich daheim Schläge bekomme, und ich bekomme sie mit Recht, 
so denke ich mir: Mein Vater hätte mich zwar auch mit einer anderen Strafe 
strafen können, aber jetzt habe ich schon diese bekommen und kann keine 
andere bekommen. 

1 7 Mädchen nehmen sich nach der Strafe vor, es ein anderesmal nicht mehr 
zu tun und eines von ihnen behauptet sogar: Die Mutter oder der Vater haben 
mich bestimmt nicht ohne Grund geschlagen. Wenn die Schläge vorbei sind, 
ist alles wieder gut. 

Interessant ist die Antwort der 14jährigen M. Seh. — Es ist wohl lange her, 
daß ich Schläge bekam, aber ich werde berichten, was ich mir damals gedacht 
habe. Ich bereute damals sehr, was ich angestellt habe, und nahm mir vor, es 
nicht mehr zu tun. Aber ganz im Inneren hatte ich einen heimlichen Zorn 
und dachte mir, ich werde meiner Mutter zum Namenstag nichts mehr kaufen. 
— Sollten die 17 Mädchen, wenn sie geschlagen werden, nicht einmal „ganz 
im Inneren einen heimlichen Zorn" empfinden? Ihre „Einsicht" soll uns nicht zum 
Prügelsystem bekehren, wir wollen es lieber mit Rosa G. (14 J.) halten, die da 
meint: „Meine Kinder werden niemals Schläge bekommen, denn ich weiß es 
selbst, daß es schlechte Folgen haben könnte". 

Viele Mädchen haben mehr als ein „bißchen Schamgefühl", und dieses Schamge- 
fühl macht die einen noch trotziger, wie wir es an Elsa P. sehen, die durch ihr Ge- 
heul das ganze Haus alarmiert, läßt die anderen sich verkriechen und läßt schließ- 
lich bei manchen Kindern den Entschluß reifen, brav zu sein. 

i2Jähriges Mädchen: Wenn das meine Freundin erfährt, würde sie mich auslachen 

— 355 — 25 * 



und ich müßte mich sehr schämen. Da werde ich noch trotziger (drei andere Mäd- 
chen schämen sich ebenfalls vor ihren Freundinnen). Wenn ich Schläge bekomme, so 
schäme ich mich sehr und traue mich nicht hervor (4 Mädchen). 

Wenn mich die Mutter sclüägt, so schäme ich mich, wenn ich hinausgehen muß. 
Da lachen mich die Kinder aus, und die Leute fragen mich auch, warum ich geweint 
habe. Da trau ich mich nicht, es zu sagen, weil die Leute lachen. Und wenn es die 
Mutter dem Vater sagt, so muß ich mich vor dem Vater schämen. Da traue ich 
mich nicht, in die Nähe zu kommen. 

M. (14 J.). Wenn ich Schläge bekommen habe, habe ich mich geschämt und habe 
mich meinen Vater nicht anzureden getraut. Ich habe es mir lange gemerkt, damit 
die Schläge öfter ausbleiben. Ich möchte mein Kind sicher nicht schlagen, wenn es 
etwas angestellt hat, sondern viel lieber mit anderen Strafen und guten Worten be- 
strafen. 

M. (15 J.). Wenn jemand in die Wohnung kommt und mich weinen sieht, oder 
sogar die Mutter fragt, worum ich weine und es dann der Person gesagt wird, so 
schäme ich mich sehr und es tut mir mehr weh als die Schläge selbst. Ich denke 
mir immer: Wenn das ein Mensch sieht! 

Eine Zusammenstellung ergibt: Die Mädchen schämen sich vor anderen Kin- 
dern, die unverhohlen ihrer Schadenfreude Ausdruck verleihen — vor Freun- 
dinnen, denen gegenüber sie sich keine Blöße geben wollen — vor den er- 
wachsenen Leuten, die so neugierig sind und dann vielsagend lachen — vor 
Vater und Mutter — vor den Menschen im allgemeinen: „Wenn das ein Mensch, 
sieht!" — um schließlich, auf dem Wege der fortschreitenden Verinnerlichung 
äußerer Kulturansprüche zur „Scham vor sich selbst" zu gelangen. 

in 

Das Schlagen eines Kindes ist „Menschenquälerei" und soll unter allen 
Umständen vermieden werden. Es wurde genügend belegt, daß die Prügelstrafe 
vom Kinde in den allermeisten Fällen als bitteres Unrecht empfunden wird, 
daß es auf sie mit Wut reagiert, und daß diese Wut, wenn sie nach innen 
geht, fähig ist, das Kind mit furchtbarem Hasse gegen seine Peiniger zu erfüllen. 
„Wenn ich geschlagen werde, so schimpfe und fluche ich über die Eltern, und 
es kann auch vorkommen, daß man ihnen den Tod wünscht", schrieb ein 14] ähriger 
Knabe, und ein Mädchen meinte abfällig: „Er würde sicher die Kraft nicht so 
zeigen!" In der Tat, viele Eltern sind nur allzugerne bereit, ihre „Stärke" zu 
zeigen und zu mißbrauchen; sie strafen sich aber selbst, wenn sie ihre Kinder 
derart strafen. Bis zur idealen Erziehung, zur Erziehung, die weder rohe Ge • 
waltausbrüche noch entwürdigende Strafen kennt, ist ein weiter Weg. Er scheint 
von den schlecht beleumundeten Großstädten allmählich aufs flache Land vor- 
zudringen. Aber gut Ding braucht Weile! Die „gesund" fühlende und denkende 
Landbevölkerung wird noch lange Zeit jedem Hieb nachweinen, der daneben 
ging. Darin wird sie ja leider noch bestärkt. Herr P. Ed. Foreitnik C. ss. R., 
hat im Selbstverlage des „ Hilf s Vereines für christliche Ehen" im Jahre I925 (!) 
ein Büchlein erscheinen lassen, das den stolzen Titel „Der Ehe Pflicht und 
Glück" führt. Anläßlich der Missionen, die von Zeit zu Zeit an verschiedenen 
Orten abgehalten werden, gelangt dieses Büchlein zum Verkaufe. Herr P. Foreit- 
nik beschäftigt sich auch mit der Kindererziehung im Abschnitt „Liebe und 

— 356 — 



Strenge". Da sich dieses Büchlein, das auch die kirchliche Druckerlaubnis des 
erzbischöflichen Ordinariates in Wien besitzt (ZI. 5567. Wien, 17. Juli 102z) 
einer ziemlichen Verbreitung unter der Landbevölkerung erfreut, sei der ge- 
nannte Abschnitt wörtlich angeführt. 

„Liebe ist Sonnenschein, gibt Leben und Wachstum, bringt Schönheit und Freude 
auch dem Kinde. Übermaß freilich dörrt aus und tötet. — Bemüht sich ein Kind, 
Ihnen zu entsprechen, so sagen Sie ihm ein liebes Wort. Trachten Sie selbst den 
Kindern Freude zu machen ! Ständiger Tadel erstickt Vertrauen und Liebe. Das Bäum- 
chen, an dem man herumschneidet, wird ein Besenstiel. Selbst bei Zurechtweisung 
wird Anerkennung des Guten am Kinde zum Hebel gegen dessen schlimmen Eigen- 
schaften und mag es öfter mehr anspornen, sich zu bessern, als die Furcht vor Strafe." 
Bis hieher wäre alles in schönster Ordnung, wäre wohl wert, von allen Müttern 
beherzigt zu werden, die Musterkinder ihr eigen nennen wollen und stets zu tadeln 
und zu nörgeln wissen. Was aber jetzt folgt, bedarf im Rahmen dieser Arbeit keiner 
besonderen Richtigstellung. „Keine Strenge ohne Liebe. Keine Liebe ohne Strenge! 
AVer die Rute spart, haßt seinen Sohn (Spruch 15/24). Rute und Züchtigung ver- 
schaffen dem Kinde Weisheit. Der Knabe, dem man seinen Willen läßt, macht seiner 
Mutter Schande — sagt der hl. Geist (Spruch 29/15). Ein Kind mußte dem Vater selbst 
die ^Rute bringen, nach der Strafe ihm die Hand küssen und danken. Es wurde 
Priester und Verfasser dieses Büchleins. Strafen Sie frühzeitig! Mag's der Kleine nicht 
begreifen, wenn er es nur fühlt, er wird sich bessern . . . ." „Strafe verdienen nicht 
natürliche Gebrechen und Unbeholfenheit, sondern Fehler wie Eigensinn, Diebstahl, 
Unverträglichkeit, Unschamhaftigkeit, Trägheit und Lüge. Nicht mit Schimpf- und 
Fluchworten und übertriebenen Drohungen! — Selten! — Erst sagen, dann mahnen, 
endlich strafen, bei Rückfällen strenger! Klug! Schonen Sie das Scham- und Ehrge- 
fühl des Kindes, besonders vor Fremden! Nicht mit der Faust, nicht auf den Kopf. 
Praktisch strafen! Z. B. für Diebstahl das Genommene zurückgeben und vom „Eigenen" 
etwas hergeben oder etwas fasten lassen und abbitten, den Boden küssen (!) oder ein 
Kreuz über den Mund machen (Kreuzzeichen als Strafe!), für Unerträglichkeit nicht 
am gemeinsamen Tisch essen lassen und den „andern" einen Dienst erweisen, „eitle" 
Kinder „mindere" Kleider tragen lassen usw. . . . Richtige Strafe bringt Einsicht, 
Reue und Besserung. — Schlägst du den Knaben mit der Rute, so wird er daran 
nicht sterben, seine Seele wirst du vom Untergange retten." (Spruch 25/13.) 

Die obigen Erziehungsgrundsätze können viel Unheil anrichten. Man muß 
Zeuge der peinlichen und heftigen Auseinandersetzung zwischen einer Mutter 
und ihrer erwachsenen, „verdorbenen" Tochter gewesen sein, die es wagte, 
über diese und noch andere Kuriositäten des Büchleins einige Worte zu ver- 
lieren, um einzusehen, daß es sich hier bei vielen Landleuten nicht um bloße 
Worte, sondern um geoffenbarte Wahrheit handelt. Eine kritische Beurteilung 
und Sonderung ist unter solchen Umständen nicht zu erwarten: 

„Schonen Sie das Schamgefühl der Kinder!" Diese Stelle muß voll und 
ganz unterstrichen werden, sie richtet sich an jene Eltern, die gerne auf ihre 
„strenge und forsche" Erziehungsmethode große Stücke halten, gerade in 
Gegenwart fremder Personen mit Dressurkunststücken prunken wollen und 
lärmend jede Angelegenheit in die Öffentlichkeit zerren, die viel besser unter 
vier Augen auszumachen wäre. Kinder sind riesig empfindlich! Eine Beob- 
achtung: Burli (4 1 /* J.) ging mit Mama rodeln. Lachend setzte er sich über 
kleine Unfälle hinweg, erklärte aber plötzlich: „Ich gehe nach Hause, ich 

— 357 — 



bleibe nicht da!" Gesagt, getan; Mama konnte ihn nicht zur Angabe seine» 
Gründe bewegen. Daheim zeigte sich, daß Burlis Arme und Hände kalt wie 
„Eiszapfen" waren. Bei den Stürzen hatte sich nämlich Schnee in seine Ärmel 
geklemmt und war gefroren. Mama war entsetzt. „Burli, warum hast du mir 
das nicht gleich gesagt?" Burli schwieg und erst als er im Bettchen lag, ließ 
er sich herbei, seiner vielgeliebten Berta (dem Dienstmädchen) die Sache zu 
erklären: „Weißt Bati, ich kann so etwas nicht sagen, die Mama ist so nervös 
und schimpft mich gleich vor allen zusammen!" — Die Mama ist so nervös! 
Burli leidet darunter, einmal sagte er: „Du bist so komisch, bald hast du mich 
so gern und dann fährst du mich gleich wieder an!" Diese Unkonsequenz ist es, 
die oft den Müttern das Erziehen so schwer macht und die Kinder darunter 
leiden läßt. Schlecht ist es mit der Erziehung bestellt, wenn der Erzieher 
nicht Herr seiner Affektlage ist. In einer affektschwangeren Atmosphäre wachsen 
die Kinder selbst zu Affektmenschen heran und machen sich gar bald dieses 
„Ich-bin-halt-nervös" zugute. 

Freilich kann man Kindern nicht alle „Unarten" angehen lassen und in 
blinder Affenliebe alles übersehen, aber wir dürfen nicht vergessen, daß eine 
Prophylaxe der kindlichen Unarten weit wichtiger ist, als ein Strafgericht 
nach vollbrachter Tat, und würde dieses auch nur in einem „freundschaftlichen" Klaps 
bestehen. Liebe heißt ja nicht Schwäche. Die Unarten werden erst zögernd 
vorgebracht. Das Kind streckt vorsichtig die Fühler aus und prüft die Eltern, 
um zu erproben, wie weit es seinen Willen zur Macht entfalten kann. Der 
erste Widerstand, der „suaviter in modo, fortiter in re" sein muß, entscheidet 
darüber, wie sich der Kampf zwischen Eltern und Kind vollziehen wird. Wie 
es einen Kampf der Geschlechter gibt, so kämpfen auch die Eltern ewig mit 
ihren Kindern und umgekehrt. Die Forderungen der Kultur werden dem 
Kinde abgerungen. Die Kunst der Erziehung besteht darin, die Forderungen 
nicht gewaltsam durchzusetzen, sondern dem Kinde den Schein zu lassen, es 
sei freiwillig darauf eingegangen. Erziehen heißt, fremde Forderungen zu seinen 
eigenen machen. Es gibt einen äußeren und inneren Gehorsam. Anerzogene 
Sitten sind nicht unsere Sitten! Weder „An-Erziehen", noch „Ab-Erziehen" 
sollen wir. . . Blinder Gehorsam erzeugt Sklavensinn. Einsehendes Woll 



^ 



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schafft freie Menschen. Und wir brauchen viele, — recht viele innerlich freie 
Menschen. (Stekel, Briefe an eine Mutter, I. S. 67/68.) — Es ist klar, daß es 
zwischen „blindem" Gehorsam und „einsehendem" Folgen Zwischenstufen 
geben muß. Der Gehorsam, den wir vom Kleinkinde verlangen, kann nicht 
identisch sein mit dem Gehorsam des Schulkindes und des Halbwüchsigen, 
wir sind froh, wenn wir das Kleinkind erkennen machen, daß es mit Schreien, 
Brüllen und anderen Machtmitteln nicht tyrannisieren kann. Ja, wenn wir es 
nur mit Kleinkindern zu tun hätten, wenn es bei Unarten bleiben möchte! 
Der Ungehorsam wird gröber, die Streiche werden toller, was dann? Hören 
wir die Meinung einiger Kinder: 

Herta F. (13 V 2 J.). Wenn man etwas angestellt hat, sollte man nicht immer 
gleich Schläge bekommen. Die Eltern sollten einem erklären, daß man das nicht 
tut und einem ein bisserl ins Gemüt reden, so wird man es besser bereuen, als 
wenn man gleich Schläge bekommt. Auch nicht recht schreien mit Kindern, sondern 
recht ruhig und gut reden und dann bald das Vorgefallene vergessen, nicht immer 
dem Kinde vorhalten. 

Hilda P. (12 J.). Überhaupt soll man Kinder in Klarheit bringen und ihnen helfen 

— 358 — 



oder zeigen, wie man es macht, damit nichts passiert. Durch die Unvernunft 
mancher Eltern werden oft die Kinder für keine Arbeit tauglich. — Ja, es ist gar 
oft die Unvernunft der Eltern, die die Kinder zu keiner Arbeit tauglich macht, ein 
unheilvolles Minderwertigkeitsgefühl entstehen läßt, durch das ewige Vorhalten der 
Dummheit, Faulheit, Schlimmheit, Falschheit, Ungeschicktheit, Dickköpfigkeit, Hinter- 
listigkeit, Unehrlichkeit, Lügenhaftigkeit, Unverträglichkeit, Eitelkeit und all der 
anderen ,,-heiten" und ,,-keiten"! 

Josef K. (13 J.). Wenn ich geschlagen werde, denke ich: Jetzt mache ich es aus Rache 
noch einmal, wird mir aber im guten zugeredet, dann unterlasseich es das nächste Mal. 

Bei Gott, es kann sich hier nicht um ein Zureden handeln, das von so 
vielen Müttern maßlos übertrieben und erfolglos gehandhabt wird. „Wie einem 
kranken Roß habe ich ihm zugeredet und doch hat es nichts genützt!" hört man ja 
die erwachsenen Menschlein nur allzu oft klagen. Zureden verlangt, wenn es 
wirken und helfen soll, vom Erzieher Einfühlung und vom Kinde eine gün- 
stige Einstellung. Beides kann natürlich nicht das Werk eines Augenblickes 
sein, dazu sind Liebe und Geduld notwendig. Mit Liebe und Geduld kann 
man Wunder erreichen! Den Eltern würde kein Stein aus der Krone fallen, 
wenn sie in dem kleinen Missetäter ein einigermaßen „erwachsenes", ver- 
ständiges Wesen sehen möchten, bei dem es auch ohne körperliche Züchtigung, 
ja selbst ohne Strafe gehen muß. Damit aber wäre viel erreicht, der Weg 
des Kindes zu den Eltern bliebe frei. Die Psychoanalyse hat hier zwei für 
den Erzieher ungemein wichtige Tatsachen aufgedeckt: 

a) Daß viele Kinder aus einem ihnen selbst unbewußten Strafbedürfnis 
heraus schlimm werden, 

b) daß sich das Strafbedürfnis von der Strafe auf das Geständnis ver- 
schieben kann. 

Unsere Aufgabe ist es, das Strafbedürfnis nicht zu befriedigen, sondern 
aufzulösen und die Entstehung eines unnötigen Strafbedürfnisses zu verhindern. 
Dieser Aufgabe können wir gerecht werden, wenn unser Verhältnis zum Kinde 
derart ist, daß es sich in jeder Lage vertrauensvoll an uns wenden, sich offen 
aussprechen kann. Die Aussprache hat bei Kindern immer den Sinn des Ge- 
ständnisses. Th. Reik schreibt in seinem Werke „Geständniszwang und Straf- 
bedürfnis": Das Geständnis wird in der Erziehung als prophylaktische und 
therapeutische Maßregel zu immer größerer Bedeutung gelangen. Es ist aber 
notwendig, daß der psychische Weg zum Geständnis den Eltern oder Erziehern 
gegenüber frei bleibe. Das beste und natürlichste Mittel, um die Möglichkeit 
zur pädagogisch wertvollen Wirklichkeit zu machen, ist noch immer das, eine 
Atmosphäre von Liebe und Vertrauen zwischen den Eltern und Kindern zu 
schaffen. Schließlich ist doch die Liebe die große Lehrmeisterin der Mensch- 
heit, welche auch das unbewußte Strafbedürfnis überwindet. Die moderne Er- 
ziehung will also eine Erziehung zur „Liebe durch Liebe" sein und kennt 
demnach nur „Liebesentzug" als einziges negatives Erziehungsmittel, „denn ein 
einigermaßen normales Kind fühlt sich ungeheuer zurückgesetzt und beängstigt, 
wenn es fühlt, daß ihm sein Erzieher die Aufmerksamkeit und Liebe entzieht 
(H. Zulliger). Und so etwas kränkt manche Kinder mehr als Schläge — und bessert! 

Anna G. Wenn die Mutter nicht spricht, schmerzt dies mehr als eine Prügelstrafe. 

Frida S. (12 J.). Aber eines schmerzt mich mehr (als Schläge): Sagt die Mutter mir etwas 
und ich befolge es nicht gleich, dann geht sie gleich selber und redet nichts mehr. Dann 
reut es mich, daß ich nicht gleich auf das erste Wort gehört und gefolgt habe. 

— 359 - 



Wilma Sehn. (10 / 2 J.). Ich log einmal meine Mutter an. Ich traute mich nicht, 
die Wahrheit zu sagen. Dann hörte ich die Stimme des Gewissens! Es war schon 
acht Uhr und wir gingen zu Bette. Ich aher konnte nicht einschlafen. Nach ein paar 
Tagen erfuhr es die Mutter. Sie sagte, sie sei böse auf mich. Sie schimpfte und 
schaute mich den ganzen Tag nicht an. Dann sagte ich: „Mutter, hau mich durch, 
ich will mit dir ordentlich wohnen". Sie haute mich aber doch nicht durch und 
wurde wieder gut auf mich. 

So schwer trifft Wilma das bloße Verweigern der gewöhnlichen Zärtlichkeit, 
daß sie, um wieder ordentlich mit der Mutter wohnen zu können, recht 
gerne Schläge auf sich nehmen möchte. Natürlich ist so eine Wirkung nur 
dann möglich, wenn dem Kinde an der Liehe und Beachtung, die ihm seine 
Erzieher entgegenbringen, etwas gelegen ist, wenn es fühlt, daß es hier wirk- 
lich etwas verlieren kann. Daraus folgt., daß Eltern und Erzieher zum besten 
Freund der Kinder werden müssen, deren ganze Liebe und volles Zutrauen 
es zu erringen gilt, wenn die bloße Äußerung der Mißbilligung bessernd 
wirken soll. Eltern, — zwingt nicht schon das „nackte" Wort zur Annahme, 
daß es sich um die „besten Freunde" der eigenen Kinder handelt? Ja, 
Vater und Mutter weisen wenigstens stets darauf hin, wenn sie ihren Kindern 
recht überzeugend „ins Gemüt" reden wollen, aher nur wenigen gelingt der 
„große Wurf, ihres Kindes Freund zu sein!" Herzlich schlecht ist es mit der 
Macht jener Eltern bestellt, die das Wörtchen „Freund" im Munde führen 
und bei den Kindern keinen Glauben finden. 

Man wirft den Anhängern der „natürlichsten" Strafe vor, daß die Kinder 
durch Nichtbeachtung oder Mißachtung im Gemüte mehr leiden als durch 
einen kräftigen Klaps oder gar eine tüchtige Tracht Prügel und vergißt, daß 
auch hier die Devise besteht: „Achtung, vor Mißbrauch wird gewarnt!" Haben 
wir vom Erzieher nicht Einfühlung in die Kinderseele verlangt? Sind wir 
nicht überzeugt, daß die Rute leichter gehandhabt werden kann? „Eines schickt 
sich nicht für alle" und es geht freilich nicht an, ein Sündenregister auf- 
zustellen und daneben anzuführen, wieviele Stunden, Tage oder gar Wochen 
die Nichtbeachtung zu dauern habe. „Wir müssen verzeihen können und bald 
das Vorgefallene vergessen, nicht immer dem Kinde vorhalten!" Übertreibungen 
können das Kind verzweifeln lassen, das ist doch klar. Auch wir zählen 
Kindermißhandlungen solcher Art zum „Traurigsten und Entsetzlichsten, was 
sich denken läßt" und die „moderne" Erziehung seitens eines Vaters, über die 
zum Abschluß berichtet werden soll, findet nicht unseren Beifall: 

Schüler N. (10 J.) begeht wiederholt kleine Verstöße gegen die Schulordnung. 
Als ihn der Lehrer einmal rügt und ihm androht, es auch dem Vater zu sagen, ruft 
er mit aufgehobenen Händen: „Bitte, hauen Sie mich lieber durch, aber sagen Sie 
nichts meinem Vater!" Erstaunt fragt der Lehrer, wieso er auf einen solchen Ge- 
danken verfalle und annehme, daß ihn der Lehrer schlagen könnte, es sei ja etwas 
Schreckliches, ein Kind zu schlagen. „Ja, es ist mir aber lieber, wenn ich Schläge be- 
komme, denn nachher sind Sie wieder gut. auf mich. Mein Vater aber spricht auf mich 
gleich ein paar Tage, ja manchmal gleich eine Woche nicht. Und wenn er recht böse auf 
mich ist, dann darf auch meine Mutter auf mich nichts reden und das kränkt mich 
am meisten. Wenn ich solange mit niemandem sprechen kann, so bin ich ganz blöd." 

In der Aussprache mit dem Vater erklärte dieser, daß er Freidenker sei 
und sein Kind modern erziehe. 



— 360 - 



Kann man direkte Strafen vermeiden? 

Von R. Mannhei m, Frankfurt a. M. 

Ein s'/j jähriger Junge, nennen wir ihn Fritz, lehte mit seiner Mutter in gutem 
Einvernehmen; er lehnte sich nie gegen sie auf und war leicht zu leiten. Beim Um- 
zug in eine andere Wohnung geriet er unter den Einfluß des neuen 5jährigen 
Nachbarsbuben, der ihn stets aufsässig zu machen wußte und ihn zu allen möglichen 
Handlungen veranlaßte, die er selbst auszuführen zu feige war. 

So traf eines Tages die Mutter Fritz im Garten dabei an, wie er mit einem 
großen Spaten Sand über den 2jährigen Bruder Klaus schüttete, der darob bitterlich 
weinte. Der Freund stand daneben, er hatte dies, wie es sich später herausstellte, 
ausgedacht und Fritz dazu veranlaßt. Als die Mutter hinzutrat, lachten die beiden 
großen Buben hell auf. Sie merkte sofort, daß Fritz im Banne des Freundes war und 
dieser Moment in keiner Weise geeignet, auf das Geschehene einzugehen. Schweigend 
nahm sie Klaus mit in die Wohnung, um ihn zu säubern. Fritz lachte laut und ag- 
gressiv hinter ihnen her. 

Eine halbe Stunde später kam Besuch. Eine Dame mit ihrem 2 '/Jährigen Töch- 
terchen. Fritz wurde in das Zimmer gerufen. Er kam, aber sein Schritt, sein Blick 
deuteten starke Opposition an. Die Mutter gab ihm den Auftrag, die Cakesbüchse zu 
holen und jedem Kind davon anzubieten. Er tat es, sagte aber: „Jeder bekommt einen 
und ich esse alle anderen." (Dieses Verhalten stand nicht in Einklang mit seinem 
sonstigen, sondern erwuchs lediglich aus dem aufwiegelnden Einfluß des neuen Freundes.) 

Die Mutter machte ihn darauf aufmerksam, daß es nicht recht sei, bat ihn, es 
nicht zu tun, ließ es aber im übrigen geschehen, daß er sein Vorhaben ausführte. 
Die beiden anderen Kinder bekamen von ihm ein Cake, er aß die restlichen neun. 
Es fiel kein einziges Wort darüber. Nur hörte die Mutter auf, vergnügt zu sein, wie 
es die Kinder sonst im Zusammensein von ihr gewöhnt waren. Zwei Stunden später 
legt sie die Kinder zu Bett. Sie ist wortkarg, ernst. Fritz wandelt sich fühlbar: die 
herausfordernde, kämpferische Haltung bröckelt mehr und mehr ab, es bleibt nichts 
von ihr übrig. Ein verschämtes Verlegenheitslächeln huscht hie und da über das Ge- 
sichtchen. Er wird still und stiller, allmählich drückt seine Haltung und sein Gesicht 
inniges Flehen aus, aber tiefes Schweigen herrscht zwischen beiden. 

Plötzlich umarmte er die Mutter, preßte seine Wange an die ihre und sagte dann 
weich und bittend: „Will nie mehr so viel Cakes essen." 

Er wußte es nicht besser auszudrücken, aber die Worte bedeuteten mehr als das 
übliche Versprechen, das man Kindern nach begangenen „Untaten" abzunehmen pflegt. 

Der Einfluß des Nachbarjungen und zweier Gespielinnen im neuen Haus machte 
sich sehr bemerkbar. Fritz wurde öfter rebellisch, tat nicht selten das Gegenteil dessen, 
was die Erwachsenen von ihm erwarteten. Die Mutter verhielt sich zurückhaltend, um 
den Lauf der Dinge noch einige Zeit abzuwarten. Es geschah immer wieder, daß, 
wenn Fritz am Abend dem Einfluß der Kinder entzogen war, er sich soweit in die 
häusliche Atmosphäre zurückfand, daß er Reue bekam und dann beim Gutenachtsagen 
unvermittelt sagte: „Nun aber wieder lieb bin". 

Nun zu einer anderen Situation: 

Fritz liebt den kleinen Bruder sehr; zuweilen übermannt ihn aber die Eifersucht 
derart, daß er kräftig auf ihn einhaut. Da er selbst noch nie Schläge bekommen hat, 
weiß er nicht, wie das tut. Da ereignet sich folgendes: Bei dem allabendlichen Bad 

— 361 — 



entstand immer wieder die große Streitfrage, wer von beiden Kindern zuerst aus dem 
Bad gehen müsse. Da verabredeten Mutter und Kinder eines Abends, daß jeden Abend 
gewechselt werden solle. So ging es nun eine Zeitlang anscheinend ohne Schwierig- 
keiten ganz programmäßig. 

Gestern nun hatte Fritz wieder einen kritischen Tag, der Kleine bekam des öfteren 
von ihm Schläge. Nun war er gerade an diesem Abend daran, zuerst aus der Wanne 
zu steigen. Als die Mutter ihn abtrocknet, haut er ihr plötzlich eine Ohrfeige herunter. 
Sie hält mit Trocknen inne, schaut ihn erstaunt und fragend an, äußert sich sonst in 
keiner Weise. Da lacht er mutvoll, holt aus und gibt ihr einen noch stärkeren Schlag. 
Da lacht auch die Mutter, sagt „bum" und gibt ihm gleichfalls eine Ohrfeige. Der 
Junge aber spürte, über das Lachen hinweg, deutlich den eigentlichen Sachverhalt. 
Spontan begann er die Mutter zu streicheln (eine von ihm seltene Äußerung) und 
sagte herzlich flehend: „Mama"! 

Ein andermal geschah folgendes: Die Mutter richtet das Mittagessen an, als beide 
Kinder kauend in die Küche spaziert kommen. Mutter: „Was eßt ihr jetzt kurz vor 
dem Mittagbrot?" Fritz: „Nichts!" Klaus: „Schokolade." Mutter: „Wieviel habt ihr 
euch genommen?" Fritz: „Ein Stück." Klaus: „Zwei Stück." Mutter lachend: „Das 
ist ja eine lustige Geschichte: der eine sagt, er habe nichts gegessen, der andere 
sagt Schokolade; der eine sagt ein Stück, der andere sagt zwei Stück; soll das ein 
Rätsel sein?" Fritz: „Nein, ich wollte mal lügen." Mutter: „Das hast du ganz richtig 
gemacht, es war eine richtige Lüge." Damit war dieses (häufig so katastrophale) 
Problem ein für allemal erledigt. 

Alle Schokolade, die die Kinder geschenkt bekommen, haben sie von jeher selbst 
in Verwahrung. Je nach ihrem Süßigkeitsbedürfnis essen sie vor dem Schlafengehen 
oder auch nach dem Mittagessen ein kleines Stück. Sie hatten einige Zeit gar keine 
Schokolade gehabt, als die Mutter jedem von ihnen die kleinen Schokoladezwerge 
von Sarotti mitbrachte. Nach dem Abendbrot nahm sich jedes Kind einen Zwerg und 
tat wie immer das andere auf seinen Schrank. Plötzlich ruft Klaus: „Mutti, Mutti, 
komm doch mal!" Die Mutter vermeinte die Kinder längst schlafend, geht zu ihnen 
und hört: Fritz habe sich alle seine Zwerglein genommen und aufgegessen, nun ist 
er der Meinung, daß die Zwerge von Klaus trotzdem täglich geteilt werden müssen. 
Die Mutter klärte den "Verhalt ganz sachlich, stellte es den Kindern anheim — ab- 
gesehen von der Gefahr des Leibwehs — , einen Tag viel Schokolade zu essen und 
dann tagelang nichts mehr zu haben wie jetzt Fritz, oder sich anders einzurichten. 
Diese Erfahrung verfehlte nicht ihre Wirkung. 

* 

Obige Beispiele mögen darauf hinweisen, daß es für den Erwachsenen von Wich- 
tigkeit ist, die Gründe des oppositionellen Verhaltens, die Situation des Kindes zu er- 
fassen, dann reagiert er anders, als wenn er dieses Verhalten auf sich bezieht und als 
Vergehen wertet. Zugleich gibt er durch sein verhältnismäßig passives Verhalten dem 
Kinde die Möglichkeit zu eigener, festgefügter Gewissensbildung. Dadurch, daß der 
Erwachsene bei jedem Geschehen sofort Stellung nimmt, urteilt oder gar straft, 
erreicht er, wenn's gut geht, sofortigen Gehorsam, aber er schädigt das Kind in seinen 
tiefsten Lebensvorgängen: er unterbindet das organische Wachstum eigenen Erkennens, 
eigenen Entscheidens und bringt sich um das wichtigste Instrument in der Erziehimg : 
um das Vertrauen. 

Hat das Kind zu seinem Erzieher eine gute Übertragung, ein nie gestörtes Ver- 
trauen, so duldet es keine Störung der Beziehung. Es ist immer bemüht, in gutem 

— 362 — 



Einvernehmen mit ihm au sein. Es spürt die leiseste Verstimmung, die geringste Ab- 
weichung vom gewöhnlichen Verhalten. Dieses Unbehagen wird die Triebfeder zur 
Eigenkorrektur, es kann zur wahrhaft wandelnden Macht werden. 

Fritz ist inzwischen sechs Jahre alt geworden. Es ist nicht notwendig gewesen, eine 
stärkere „Strafe" als den kurzweiligen Liebesentzug anzuwenden. Den störenden Ein- 
fluß der neuen Spielgefährten behob die Matter dadurch, daß sie sie in ihr Haus 
zog, eine starke Beziehung zu ihnen gewann und bald feststellen konnte, daß die 
Kinder sich in ihrem Milieu ganz auf die bei ihr herrschende Atmosphäre einstellten. 



Zwei „Witzbilder" 

Von Dr. Gustav Hans Graber, Stuttgart 

I 

Roland, ein Knabe von neun Jahren, leidet ganz außerordentlich stark unter 
dem Zwange zur Selbstbestrafung, und zwar in der extremen Richtung 
der Selbstkastration. Seit Jahren quält er sein „Rolle" (Penis), weil es so 
„schlau" ist und weil es auch groß werden kann. Er drückt es, zwickt es, 
„stupft" es, klemmt es ein, „wixt" es, schnürt es ein, erfindet in der Analyse 
gar die raffiniertesten Foltermaschinen, um es zu quälen und beschäftigt sich 
schließlich stundenlang mit dem „Wegschlitzen". Antriebe zu diesen Torturen 
sind verdrängte Onanie, Strafbedürfnis (dabei sekundärer Lustgewinn, da das 
„Rolle" bei den Kastrationsakten immer rot und groß wird). 

Eines Tages aber tauchte plötzlich noch ein weiteres, bis dahin in der 
Analyse noch nicht erwähntes Moment zur Bildung und Genese des Kastration s- 
komplexes auf, das mit Inzestwünschen und der Ödipussituation im Zusammen- 
hange steht und auf einem recht amüsanten Umwege entdeckt wurde. 

n 

Nachdem der Junge eine ganze Stunde hindurch so „schlaue" Witze erzählt 
hatte, rief er plötzlich ganz begeistert: „Herr Doktor, soll ich Ihnen mal was 
ganz Schlaues machen?" — „Ja, was denn?" — „Ein Witzbild." — „Schon." 

Am folgenden Tage erscheint er feierlich mit dem „Gemälde". Mit wichtiger 
Gebärde enthüllt er es vor meinen Augen und legt die Hülle, auf der mit 
großen Lettern „Schutz des Bildes" steht, sorgfältig beiseite. — Aufmerksame 
Vertiefung: er in mein Gesicht, ich in sein Bild. Schließlich bemerke ich: „Das 
Bild ist sehr hübsch, aber ich kann leider den Witz nicht herausfinden." — 
„Ha no, das ist eben mal was ganz Schlaues! Hinten drauf steht es geschrieben." 
— Ich drehe um und lese laut: „Der Schupo schreibt die Autonummer falsch 
auf, sie heißt III A 16781 und er schreibt auf HI A 16780." 

Roland lacht unbändig: „Ja, ich habe auf dem Bilde die Zahl da in die Luft 
hinaufgeschrieben, bloß weil man sie hinten am Wagen nicht sehen würde." 

„Aha", sage ich, „das ist also der Witz, daß der Schupo eine o statt der 1 

schreibt. Aber warum schreibt denn der Schupo den Wagen überhaupt aui?" 
n Ja, weil der Wagenführer ihn beinahe zusammengefahren hätte und weil 

— 363 — 



er falsch in die Kurve fuhr." — „Und. wieso kommt der Schupo zu der dummen 
Verwechslung?" — „Vielleicht hat er die Zahl schon richtig gesehen, weiß 
aber dann plötzlich gar nicht mehr, was richtig ist, ob eine 1 oder eine o. 
Und so schreibt er dann eine 1." — „Was schreibt er?" — „Ach was sa°-e 
ich, natürlich eine o schreibt er! Jetzt habe ich es schon wieder 
verwechselt. Ich mache eben manchmal falsche Zahlen, manchmal auch 
oft." — „Wer könnte also der Schupo auf dem Bilde, der so leicht Zahlen 
verwechselt, sein?" — „Ich" (lachend). — „Schön, jetzt wollen wir doch ein- 
mal sehen, warum der Schupo für die 1 gerade eine o setzt. Was meinst du?" 

— „Ha no, das weiß ich doch nicht, das ist eben der Witz." — Was fällt 
dir zur o ein?" — „Sie ist oben etwas spitziger und unten auch und sieht 
fast so aus wie ein Ei." — „Und?" — " — „Komm, zeichne sie!" 

— Er tut es. „Also?" — „ . . . . auch so wie der Schlitz (Vagina), den wir 

jeweils früher, wenn die Fensterscheiben feucht waren, hingemalt haben." 

„Und die 1?" — „Soll ich sie auch aufschreiben?" — „Meinetwegen." — Da 
in die o hinein?! — „Wie du willst." — „Ach nein, ich schreibe sie lieber 
auf die andere Seite." — „So. Das ist wie ein Rolle." — „Der Schupo nimmt 
also im Grunde am Wagen das Rolle weg. Und wer führt denn den Wagen?" 

— „Der Vati." — „Ach so, dann nimmst du also ..." — „Dann nehme ich 
dem Vati das Rolle weg und mache ihm einen Schlitz dafür. Der Schupo 
schreibt ihn eben auf, weil er bestraft werden soll." — „Du bestrafst ihn 
wohl auch, wenn du dies tust?" — „Ja." — „Und wofür?" — „Weil er eben 
falsch in die Kurve fuhr." — „Was fällt dir dazu ein?" — „Er paßte nicht 
auf, und es hätte einen Zusammenstoß geben können. Auch hatte er so ein 
arges Tempo, beinahe 100. Vielleicht hat er dabei auch so einen Unsinn «e- 
macht Er wäre eben beinahe in den Graben gefahren, und dafür wurde er 
aufgeschrieben. Und vielleicht hat er auch die Kuppelung zu weit hineinge- 
druckt. Auf dem Bilde geht es eben in der Kurve geradS bergab, und vorher 
ging es^ weit weit sehr steil hinauf. Da paßte er eben nicht gut auf, und dann 

f * o? r v 61 ? ^ die KurVG ■ • ■ • Vielleich * S^kte er auch gerade auf 
den Kotflügel, ob der gerade oder gebogen sei . . . Und vielleicht . . . geht der 
Vati auch so in die Mutti, in den Schlitz, so wie in die Kurve." 

Bei den Einfällen zu dem „In-die-Kurve-fahren" fällt dem psychoanalytisch 
Geschulten der Sexualcharakter der Symbole auf. Selbst die Sexual erregun* 
das Ansteigen bis zur Akme und das Absinken nach dem Orgasmus findet 
seinen Ausdruck. Den Leser mag es wohl etwas verblüffen, daß Roland so 
bald in seinen Einfällen auf den Kern der Sache stößt. Dazu muß gesagt werden, 
daß er bereits über 80 Analysestunden hat und die Widerstände gegen Einfälle 
sexuellen Inhaltes nicht mehr so groß sind, daß er sie nicht zu überwinden 
vermöchte. 

Der Hauptsinn, der „Witz" des Bildes ist damit eigentlich begriffen und 
wird auch Roland ganz klar. Er ist vierschichtig: 

1) Bewußt: Der Schupo verwechselt die Zahlen 1 und o. 

2) Unbewußt: Auf dem Bilde soll ein Vergehen bestraft werden. Das 
eigentliche Vergehen ist aber umgekehrt im Grunde gerade der Akt der Be- 
strafung: nämlich die Kastration des Vaters durch Roland (den Schupo). Er 
kastriert den Vater, weil dieser mit der Mutter Geschlechtsverkehr hat. Wir 
erkennen dabei den kleinen Ödipus, der sich zur väterlich richtenden und 

— 364 — 



strafenden Autorität (= Schupo) und damit über den Vater erhebt, selbst Vater 
sein will, um die Mutter besitzen zu können. 

5) Unbewußt: Dieses Vergehen — das eine Strafe sein soll — ist so in tieferer 
Schichte doch wieder eine Bestrafung, und zwar eine Selbstbestrafung 
eine Selbstkastration (diesen Punkt werden wir noch berühren). 

4) Roland zieht, wie ich früher schon bemerkte, aus dem Akt der Selbst- 
bestrafung noch einen sekundären Lustgewinn (Erektion). 

in 

Gehen wir nun über zur Deutung anderer Bildteile: Zu dem unverhältnis- 
mäßig hohen Spitz mit einem roten Knauf auf der Kopfbedeckung des Schupos 
fällt Roland wieder das „Rolle" des Vaters ein. Er hat es sich in einer Ver- 
legung nach oben angeeignet. 

So weit kamen wir in der einen Stunde. Am anderen Tage suchten wir 
uns über die Zahlensymbolik Klarheit zu verschaffen. Ich frage Roland : 
„Wieso hast du denn gerade die Zahl 16781 gewählt?" — „No, die habe ich 
einfach nur so geschrieben. Vati hat ja eine andere Nummer an seinem Wagen, 
die heißt 1025." — „So? Wir können aber doch mal sehen, was dir zu der 
wirklichen Autonummer einfällt. Zu der i? u — „Das ist der Vati, der eben 
gerade neben der Mutti, neben der o steht." — Schön, also ist die 1 der Vati, 
die o die Mutti, dann aber kommt die 2?" — »Die schlängelt sich so wie die 
Schlange. Die 2 ist auch so wie ein Haken, an den der Schlüssel gehängt ist, 
oder sie ist auch wie die Welle eines Flusses oder des Meeres, wenn man einen 

Stein hineingeworfen hat Oder halt, jetzt hab ichs! Das ist doch eben 

so: Ein Mann und eine Frau gehören zusammen, so wie Vati und Mutti vorn 
dran in der 1 und in der o beisammen sind. Die 2 ist also Vati und Mutti 
zusammen." 

Roland erfaßte das sexuelle Zusammengehören — denn nur dieses ist doch 
wohl damit gemeint — wieder vorerst symbolisch mit der sündigen Schlange 
und dem Ineinandergehen von Haken — Schlüssel und Meer — Stein. Ich fahre 
fort: „Gut, und nun die 5?" — „Dazu kommen 5 Kinder. Aber nein, wir sind 
ja bloß 3. Wir sind eben zusammen 5: Vati, Mutti und 5 Kinder." — 
„So, und nun finden wir vielleicht auch noch heraus, warum du auf dem Bilde 
gerade die Wagennummer HI A 16781 gewählt hast" (HI A ist das allgemeine 
Bezirkszeichen) ? 

„i?" — „Das ist der Vati." 

„6?" — „Das sind Vati und Mutti und wir drei Kinder und dazu noch der 
Schlitz oder das Rolle." 

,7?" — „Vati, Mutti, 3 Kinder und Schlitz und Rolle." 

,8?" — „Vati, Mutti, 3 Kinder, Schlitz und Rolle und noch ein Besuch, 
oder es wird eben noch jemand geboren." 

„1?" — „Vatis Rolle." 

„Mir scheint, daß in deiner Rechnung vielleicht etwas nicht ganz stimmt. 
Kann man Leute zu Schlitz und Rolle zählen?" — „Nicht gut. Oder nein, halt! 
Jetzt fällt mirs ein: Wenn der Alfred, mein Bruder, der gestorben ist, noch 
dabei wäre, dann wären wir 6." — „Und dann 7?" — „No, da kommt eben 
noch das Dienstmädel dazu." — „Und 8?" — „Da kommt noch Fräulein J . . ., 
die Hauslehrerin, dazu." 

— 365 — 



n t 



Diese ganze Deutung der Autonummer gibt Roland spontan, und er begründet 
sie und den weiteren Zusammenhang mit Vaters wirklicher Autonummer, im. 
ferneren noch abschließend damit, daß er darauf hinweist, die Zahl 16781 sei, 
ohne daß er es gewollt habe, aus der wirklichen Wagennummer 1025 durch 
Zusammenzählen entstanden, denn 6 erhalte man aus 1+5; 7 aus 2+5 und 
8 aus 1+2+5. * 

IV 

Am Schlüsse dieser zweiten Stunde, in der wir uns vornehmlich mit der 
Zahlensymbolik beschäftigt hatten, frage ich Roland noch nach dem Sinne des 
Baumes, auf den die Sonne scheint. Er meint, das sei eben die Sonne, die 
gerade untergehe und noch auf den Baum scheine. Ich sage etwas erstaunt: 
„Untergeht?" — „Gewiß," erklärte er, „rechts auf dem Bilde ist doch Westen, 
da geht die Sonne unter, und links ist Osten, oben Norden und unten Süden." 
— „Bist du auch ganz gewiß, daß rechts Westen ist?" — «Ha, nein, jetzt 
hab ich das schon wieder verwechselt." — „Die Stunde ist um," sage ich, „wer 
weiß, vielleicht hat diese Verwechslung denselben Sinn, wie die mit der Zahl." 

In die folgende Stunde bringt Roland ein neues „Witzbild" mit den 
Worten: „Da steht jetzt nichts hinten drauf. Finden Sie den Witz? Wissen Sie, 
der Wagen fährt nicht so ganz mitten auf der Straße, sondern ein wenig zu 
viel rechts." — „Er fährt wohl an den Baum." — Ganz erschrocken — wohl 
weil mir die Deutung so leicht gelang — sagt er: „Ja, das Bild ist eben nicht 
so schön wie das andere." — „Und was geschieht denn dabei?" — „Ha, der 
Baum wird umgefahren. Zum Glück hat der Mann im Wagen niemand drin 
gehabt." 

„Also, da ist nun noch so eine Baumgeschichte, die wir ebenfalls 
verstehen lernen müssen. Denke jetzt nochmals an das erste Bild und an den 
Baum, auf den die Sonne scheint. Was fällt dir dazu ein?" — „Der Baum ist 
rund, so wie ein runder Stuhl, wo man drauf sitzt, oder wie eine elektrische 
Birne, oder wie ein umgekehrter Eimer, auf den man auch draufsitzen kann. 
Der Baum ist da wo die Kurve." — „Und wir fanden heraus, daß die Kurve 
etwas bedeutet?" — „Die Mutti . . . dann ist der Baum vielleicht auch die 
Mutti, auf der der Vati draufsitzt" (der Baum ist tatsächlich auch in der 
Mythologie ein mehr weibliches Symbol). — „Und die Sonne?" — „Das ist 
eben der Vati" (die Sonne ist uraltes Symbol des väterlichen Prinzips). — „Und 
daß du es verwechselst und meinst, die Sonne gehe unter?" — „Es ist so, wie 
ich die Sache mit den Zahlen verwechselte." 

Ich machte Roland die weiteren Zusammenhänge dieses Parallelismus ver- 
ständlicher. Baum und Sonne bedeuten nochmals — gleichsam vom Wieder- 
holungszwang Rolands diktiert — das Zusammensein, den Geschlechtsverkehr 
der Eltern. Dabei begeht der Knabe in der Darstellung wiederum eine Ver- 
wechslung, wiederholt also auch den „Witz" und begeht erneut das strafwürdige 
Vergehen der Kastration des Vaters, indem er eben seinen symbolischen Ver- 
treter, die Sonne, untergehen läßt (vernichtet) und so von der Mutter trennt. 

1) Roland ist ein schlechter Rechner in der Schule. Ich glaube, diese starke un- 
bewußte Verquickung der Zahlen mit dem Familienkomplex dürfte Mitschuld haben 
an einer Hemmung des Rechenvermögens. Es ist zu erwarten, daß sich auch hierin 
eine Besserung einstellt. 

— 366 - 



Und wie um diesen „doppelten" Todesfall zu manifestieren, malt Roland um 
das Bild einen breiten Trauerrand. 

Den Baum links, beim Schupo, bezeichnet Roland als mager und ergänzt gleich 
als Einfall dazu: „Am Ende kann das ich selber sein, und da fährt' mich also 
Vati auf dem neuen Bild über den Haufen." 

Der Sinn des Selbstkastrationszwanges ist nun nach einer neuen Seite hin 
verständlicher geworden: Weil der Knabe den Vater kastrieren wollte, dieses 
Begehren aber verdrängte und dafür, unter dem Drucke der Schuldgefühle und 
des Strafbedürfnisses, die rächende väterliche Instanz in sein Über-Ich aufge- 
nommen hatte, mußte er sich selber stetig kastrieren. Er ist sich selber Vater 
(= Schupo) geworden, der immer noch den wirklichen Vater kastrieren möchte, 
ihn aber im Grunde laufen läßt, indem er als Schupo eine Fehlhandlung 
begeht und dann eben vor seiner Behörde (= Vaterinstanz) statt mit der rich- 
tigen Nummer — nämlich mit der 1 = Penis — mit der falschen, d. h. mit 
der o = Vagina — also als der Selbstkastrierte — auftritt (dies letztere ist der 
Zusammenhang zu Punkt 5 S. 365). 

Daß das Über-Ich, durch die Einsichten Rolands bereits beeinflußt, seine 
grausame Rolle fast ausgespielt hat, das wird aus dem zweiten Bilde des Jungen 
deutlich sichtbar. Es ist, ob alle psychischen Akte und Begehren, vor allem die 
Straftendenzen, wieder an ihren ursprünglichen Platz gerückt worden wären: 
Roland erleidet wieder, wie in der Ausgangssituation, die Strafe der Vernichtung 
(== Kastration) vom nunmehr auch mächtiger gewordenen Vater (Stuttgarter 
Kraftwagen), der in doppeltem Besitze der Mutter ist: einmal in dem uns be- 
kannten Symbol der Sonne über dem Baum und auch noch in dem Verwach- 
sensein; Roland meint nämlich, das sehe so aus, als ob der Baum in der Mitte 
des Bildes aus dem Kraftwagen herauswachse (Baum = Mutter und Kraft- 
wagen = Vater). 

V 

Wir brechen die Deutung hier ab. Gewiß verbergen sich hinter den 
Symbolen der beiden „Witzbilder" auch noch Zusammenhänge von anderer 
Komplexbedingtheit, aber ich meine, wir dürfen mit dem gewonnenen Material 
für diese Darstellung zufrieden sein. 1 

Wir haben jedenfalls an einer illustrativen Ödipusgeschichte, in der die 
grausamste und primitivste Bestrafung, nämlich die Kastration, die Hauptrolle 
spielt, erneut die in der psychoanalytischen Literatur oft betonte Auffassung von 
einer starken Triebverschränkung und psychischen Kompliziertheit bei dem 
Phänomen „Strafe" gefunden. 

Es zeigte sich vor allem, daß die Strafe eigentlich ein „Witz" ist, daß sie, 
am anderen ausgeübt, auch wieder ein Vergehen, in dritter Determinierung 
eine Selbstbestrafung ist, und viertens einen sekundären Lustge- 
winn bringt. Dabei frönt der Strafende stets dem L u s t p r i n z i p und ver- 
schafft sich letztlich eine recht .primitive Tr ieb b ef r ie digung. 



1) Vielleicht ist es nicht überflüssig zu sagen, daß, auch wenn der therapeutische 
Erfolg — mit der Wiederherstellung der einfachen Ödipns-Ursituation — in der Ein- 
stellung vom Sohn zum Vater ein großer, er doch noch kein vollständiger war. Es 
blieb der Analyse noch ein gutes Stück Arbeit zu leisten übrig. 



— 367 — 



Es sei dem Leser überlassen, nach Gutfinden zu entscheiden, ob und wie 
weit er die letzten Sätze ins allgemeine erheben will. 

Nachtrag 

Roland hat später vor der Prüfung zur Aufnahme in die Realsclmle die Selbst- 
kastration nochmals mobilisiert und sich schon einige Tage vorher mit hohem Fieber 
ins Bett gelegt. Die Mutter brachte ihn jedoch am Vortage des Examens trotz des 
Fiebers in Analyse. An Hand eines Traumes konnte festgestellt werden, daß er unbe- 
wußt von den Examinatoren Kastration befürchtete und es vorzog, sie mit Krank- 
sein selber vorzunehmen. Er ging erleichtert aus der Analysestunde weg und bat 
darauf die Prüfung gut bestanden. 

♦ 

Die Vermutung, der ich vor einem Jahre in vorliegendem Aufsatze Ausdruck gab, 
Roland könnte, durch die in der Analyse erfolgte Entbindung der Zahlenvorstellungen 
von begleitenden, verdrängten und stark affektbesetzten Komplexvorstellungen, ein 
besserer Rechner werden, ist zur Tatsache geworden: während vor der Analyse in 
der Volksschule das Rechnen Rolands schlechtest zensuriertes Fach war, erreichte er 
in diesem Sommer in der Realschule darin die beste Note. 



Soeben erschien: 

ZUR PSYCHOANALYSE 
DER POLITIK 

Sonderheft der Zeitschrift 

„PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG" 

Herausgegeben von A. J. Storfer 

{Jahrgang ipj.I, Heft ;) 

Aus dem Inhalt dieses Heftes: 

Felix Schottlaender. . . Aggressionsfrieb und Abrüstung 

Rene Laforgue Schuldgefühl und Nation alcharakter 

Erich Fromm Politik und Psychoanalyse 

Fritz Witt eis Der politische Radikalismus 

Hugo Staub Zum Kampf um die Todesstrafe 

I. F. G r a n t D u f f Die Beziehung Elisabeth-Essex 

Preis des Heftes Mark 2 m — 



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Eigentum«, Verleger und Herausgeber für Österreich: Adolf Josef Storfer. Wien, I., Börsegasse n 

(„Verlag der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik";. 

Verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, I.. Börsegasse 11. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien, I., In der Börse.